Aktuelle Corona-Infos der Stadt unter www.muenchen.de/corona
zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Bürkleinstraße 20 (früher 16)


Porträt Ferdinand Kissinger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Stadtarchiv München, Kennkartendoppel 2016

Ferdinand Kissinger

geboren 13.10.1891
in Urspringen,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
in Kaunas



"Der dicke Kissinger", so nannten ihn seine Schüler - in Abgrenzung zum "dünnen Kissinger", seinem Bruder Julius.
Ferdinand Kissinger kam am 13. Oktober 1891 als Sohn des Lehrers Simon Kissinger im fränkischen Urspringen zur Welt und hatte sechs Geschwister. Die Familie war in Urspringen sehr bekannt, der Vater ausgesprochen angesehen. Ferdinand Kissinger studierte an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt (ILBA) in Würzburg, wo er sein Staatsexamen ablegte. Seine erste Stelle als Elementarlehrer und Vorbeter der jüdischen Gemeinde bekam er um 1910 in Willmars. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er für Deutschland in Frankreich, wurde 1918 Unteroffizier und mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet. Nach Kriegsende nahm er eine neue Lehrerstelle in der schwäbischen Gemeinde Hainsfahrt an. Am 28. Dezember 1920 heiratete er in Aschaffenburg die aus Darmstadt stammende Sophie Lebermann. Ferdinand Kissinger war Lehrer, Vorbeter und Schlachter (Schochet) der Gemeinde und damit für alle religiösen Aufgaben verantwortlich. Jedoch wurde die Schule 1923 geschlossen.
Das Ehepaar Kissinger kam von 1923 bis 1924 bei Ferdinands Schwester Jenny in Hachenburg im Westerwald unter, ehe es weiter nach München zog.
Ferdinand Kissinger trat dort eine Stelle an der Jüdischen Volksschule an. Nicht nur in Schule und Gemeinde engagierte sich Ferdinand Kissinger, sondern auch politisch in der Agudas Israel, einer Organisation orthodoxer Juden.
Seine Frau Sophie wurde 1929 psychisch krank. Sie litt an Ängsten, vertraute ihrem Mann nicht mehr und fürchtete, dass er ihr etwas antun könne. Sie zog daher 1930 zu ihrer Mutter nach Darmstadt. Ferdinand Kissinger wurde 1933 von Sophie geschieden und lebte nun bei der Familie seines Bruders Julius in der Bürkleinstraße 16.
Nach der so genannten Kristallnacht am 9. November 1938 wurde Ferdinand Kissinger im Konzentrationslager Dachau inhaftiert und schwer misshandelt.
Am 12. Dezember 1938 wurde er aus dem Konzentrationslager entlassen und kehrte in seine Wohnung und an seinen Arbeitsplatz zurück. Seine Schwestern Irma, Jenny und Bella emigrierten die USA und nach Palästina. Die Münchner Kissingers wollten bleiben - zunächst.
Der alte Vater Simon Kissinger war von Urspringen nach München gezogen und lebte nun in der Bürkleinstraße 16. Er starb am 15. Februar 1939.
Formell wurde Ferdinand Kissinger am 1. Juli 1939 aus dem Staatsdienst entlassen. Er unterrichtete jedoch wie zuvor und wurde 1940 Leiter der Jüdischen Volksschule München. Dennoch bemühten sich die Kissingers im Frühsommer 1940 darum, in die USA ausreisen zu können. Es gelang ihnen nicht mehr.
Am 20. November 1941 wurde Ferdinand Kissinger gemeinsam mit seinem Bruder, seiner Schwägerin und den beiden Neffen aus der Wohnung geholt und ins das Sammellager Milbertshofen an der Knorrstraße gebracht. Die 999 jüdischen Münchner mussten dort einen Zug besteigen, der sie in das Ghetto Riga (Lettland) bringen sollte. Es war die erste Deportation Münchner Juden. Da das Ghetto in Riga jedoch überfüllt war, wurde der Zug ins litauische Kaunas geleitet. Dort kamen die Menschen ins Fort IX, eine Festungsanlage außerhalb der Stadt. Drei Tage blieben die Münchner Juden in Kellern der Festung eingesperrt.
In Kaunas wurde Ferdinand Kissinger am 25. November 1941 von SS-Einsatzgruppen ermordet, gemeinsam mit seinen Angehörigen. Keiner der Menschen aus dem Deportationszug überlebte.

Dr. Felicia Englmann

Quellen:

Literatur:

  • Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (Hrsg.), Aufstehen! gegen Vergessen und Unrecht. Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrerinnen und Lehrer in Bayern 1933-1945, München, 2011.
  • Sophie Bayerl, "Ernst Jonah Ehrentreu (1896-1981)", BLLV-Projekt "Lehrerbiografien".www.bllv.de/projekte/geschichte-bewahren/erinnerungsarbeit/lehrerbiografien/ernst-jonah-ehrentreu/
  • Douglas Bokovoy, "Jüdisches Bildungswesen". In: Douglas Bokovoy, Stefan Meining (Hrsg.), Versagte Heimat. Jüdisches Leben in Münchens Maxvorstadt 1914-1945. München, 1994. S. 181-196.
  • Baruch Engelhard: "Erinnerungen." in: Douglas Bokovoy, Stefan Meining (Hrsg.), Versagte Heimat. Jüdisches Leben in Münchens Maxvorstadt 1914-1945. München, 1994, S.333-340.
  • Horst Feiler, Das Lehel. Die älteste Münchner Vorstadt in Geschichte und Gegenwart. München, 2006.
  • Stefan Grasser, Andreas Wimmer: "Heinemann Edelstein (1870-1944)". BLLV-Projekt "Lehrerbiografien". https://www.bllv.de/projekte/geschichte-bewahren/erinnerungsarbeit/lehrerbiografien/heinemann-edelstein/ (Stand (Oktober 2018).
  • Rebecca Heinemann, "Jüdisches Schulwesen in Bayern (1918/19-1945)". in: Historisches Lexikon Bayerns, Online-Ausgabe.
  • Marcus Pyka, "Das Werden einer Großstädtischen Gemeinde (1848-1892)." in: Michael Brenner (Hrsg.), Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München, 2006. S. 89-103.
  • Claudia Rothhammer, Ferdinand Kissinger. Ein jüdischer Lehrer in Nazideutschland, in: "60 ... und mehr", BLLV-Magazin 03/2016. S. 13-16.
  • Wolfram Selig, "Arisierung" in München. Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Berlin, 2004.
  • Heike Specht, "Zerbrechlicher Erfolg (1918-1933). In: Michael Brenner (Hrsg.), Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. München, 2006. S. 137-160.
  • Katharina Steinegger, Ferdinand Kissinger (1891 bis 1941), BLLV-Projekt Lehrerbiografien, Online unter www.bllv.de/projekte/geschichte-bewahren/erinnerungsarbeit/lehrerbiografien/ferdinand-kissinger/
  • Erinnerungsverzeichnis Jüdischer Lehrer, BLLV forms.bllv.de/iframes/erinnern/
Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München

Ellen Presser von der Israelitischen Kultusgemeinde München erinnert an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Ellen Presser von der IKG München an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung am 20. November 2018 im Jüdischen Museum Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung im Jüdischen Museum

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der 999 Jüdinnen und Juden, die am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert wurden  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der Opfer der Deportation nach Kaunas

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Langversion der Biografie zum Download