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Volkartstraße 71


Erinnerungszeichen für Franz Xaver Stützinger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Foto: privat

Franz Xaver Stützinger

Franz Xaver (Xide) Stützinger,
geboren 17.10.1903
in München,
inhaftiert 09.03.1933 im
Polizeigefängnis Ettstraße,
ermordet 11.05.1935
im KZ Dachau


Franz Xaver Stützinger, von seinen Freunden „Xyde“ genannt, wurde am 17.10.1903 in einer Münchner Arbeiterfamilie geboren. Der Vater Christoph arbeitete als Maurer, verstarb aber bereits 1913. Die Mutter Therese verheiratete sich neu mit dem Musiker Wilhelm Bößl und lebte zusammen mit Franz Xavers Schwester Babette und dem Halbbruder Willi Bößl in der Neuhausener Leonrodstraße 85.

Franz Xaver Stützinger wuchs bei den Großeltern mütterlicherseits auf, besuchte die Volksschule und nahm dann eine Lehre als Schlosser und Werkzeugmacher in der Artilleriewerkstätte in Neuhausen auf. Wegen der Schließung dieser Werkstätte im Gefolge der Revolution 1919 konnte er seine Ausbildung nicht abschließen, sondern arbeitete die nächsten Jahre als Hilfsarbeiter und Gerüstbauer auf den Baustellen seines Großvaters, eines Zementierers, anschließend bei der Firma Ludwig Buchinger in der Leonrodstraße.

Stützinger war verheiratet mit der 1904 in München geborenen Margarete Schmitt; 1925 wurde der Sohn Franz Xaver („Ferry“) geboren. Anfang der 1930er Jahre wohnte die Familie in der Volkartstraße 71. Stützinger hatte bereits während seiner Lehrzeit in der Artilleriewerkstätte Kontakt zur dortigen SPD bekommen und organisierte sich – neben der Gewerkschaft – zunächst in der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), trat dann aber zusammen mit anderen jungen Arbeitskollegen Anfang 1920 in den Jungspartakusbund ein, der dann im Kommunistischen Jugendverband aufging. Spätestens seit Ende der 1920er Jahre war er auch Mitglied der Kommunistischen Partei in der Neuhausener Gruppe, der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO), des Proletarischen Freidenkerverbands und der Roten Hilfe, beteiligte sich intensiv an den zahlreichen kommunistischen Aktivitäten und stand deshalb – wie viele Gleichgesinnte – unter Beobachtung der Politischen Polizei.

Vollends ins Visier der Polizei geriet Stützinger, als er Ende Juli 1931 erwischt wurde, wie er an der Mauer der Max II-Kaserne in München mit roter Farbe die Anschrift „Heraus auf die Straßen am 1. August zur KPD“ anbrachte; die Aufschrift „Rot Front“ konnte er nicht mehr schreiben, da er dabei verhaftet wurde. Bei der anschließenden Haussuchung wurden zahlreiche kommunistische Schriften gefunden. Das eingeleitete Ermittlungsverfahren wegen „hochverräterischer Betätigung“ wurde aber wegen fehlender Beweise eingestellt.

Am 18. Dezember 1931 wurde Stützinger erneut verhaftet, weil er Empfänger von illegalen Schriften des seit 1929 verbotenen kommunistischen Wehrverbands „Rotfrontkämpferbund“ war und überdies bei der Festnahme ein Notizheft bei sich trug mit „Anweisungen für den Kampf gegen die NSDAP“ sowie den revolutionären Kampf der „Roten Front […] um die Befreiung aller Werktätigen von kapitalistischer Ausbeutung, Unterdrückung und Verfolgung.“ Entsprechend dem „Gesetz zum Schutz der Republik“ von 1930 wurde Stützinger deshalb vom Reichsgericht in Leipzig am 5. Dezember 1932 wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu 1 Jahr und 9 Monaten Gefängnis verurteilt; die Untersuchungshaft wurde angerechnet. Gegen seine ebenfalls verhaftete Mutter wurde die Anklage wegen Verwahrens der Schriften fallengelassen. Aufgrund einer Weihnachtsamnestie wurde Stützinger jedoch bereits am 23. Dezember 1932 aus der bayerischen Haftanstalt Bernau zu seiner Familie entlassen, die wegen seiner Verhaftung auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen war.

Inwieweit Stützinger in der kurzen Zeit bis zu seiner neuerlichen Verhaftung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch an politischen Aktivitäten der KPD beteiligt war, ist ungewiss; jedoch ist davon auszugehen, dass er trotz Auflagen und polizeilicher Überwachung weiterhin Kontakt zu seinen politischen Freunden gesucht hat.

Jedenfalls gehörte Stützinger aufgrund seiner Verurteilung wegen „Hochverrat“, der damit verbundenen Haft und seiner Aktivitäten zu den vielen KommunistInnen, die gleich nach den Wahlen und der Machtübernahme der Nazis in Bayern noch am 9. März verhaftet und ins Polizeigefängnis in die Ettstraße gebracht wurden. Am nächsten Tag wurde er für einige Tage ins Gefängnis Stadelheim transportiert, anschließend bis 25. März im Gefängnis Landsberg am Lech festgehalten. Am gleichen Tag erfolgte der Transport in das eben erst eröffnete Konzentrationslager Dachau. Politische Häftlinge wie Stützinger mit entsprechender „Vorgeschichte“ waren der Brutalität der SS-Wachmannschaften in besonderem Maß ausgesetzt. Als Anfang 1935 aufgedeckt wurde, dass illegale Druckschriften von Häftlingen ins Lager geschmuggelt worden waren, wurde auch Stützinger, der beim Baukommando arbeitete, verdächtigt, daran beteiligt gewesen zu sein. Mithäftlinge berichteten, dass Stützinger im Arrest schwer gefoltert wurde zur Preisgabe weiterer Einzelheiten. Vermutlich standen diese Folterungen auch im Zusammenhang mit Namenslisten noch aktiver KPD-Mitglieder in München, welche ein Gestapospitzel innerhalb der KPD ermittelt hatte und die in den nächsten Monaten zu Massenverhaftungen – auch in Stützingers Stadtteil Neuhausen – führten. Am 11. Mai 1935 erlag Stützinger im Arrest des Konzentrationslagers den Misshandlungen der SS-Männer. Die wirklichen Umstände seines Todes wurden nicht genannt. Im Bericht der Bayerischen Politischen Polizei hieß es lapidar: „Stützinger […] seit 9.3.33 in Schutzhaft, renitentes Mitglied der KPD, am 11.5.35 im KL Dachau gestorben.“ Als Todesursache ließ die SS in der Sterbeurkunde „Selbstmord“ eintragen.

Mit Hilfe der politischen Freunde und von Nachbarn, die Geld sammelten, erreichte die Familie bei der Verwaltung des KZ Dachau, dass die Leiche Stützingers nach München überführt und im Münchner Westfriedhof unter großer Beteiligung von Freunden beigesetzt werden konnte.

Text Friedbert Mühldorfer

 

Quellen:

  • Bundesarchiv, R/3001 Nr. 12321.
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Reichsstatthalter Epp Nr. 281, Auszug aus Rapport der BPP vom 30.5.1935.
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, LEA, BEG 33274/Stützinger.
  • Staatsarchiv München, JVA 18190.


Literatur:

  • Fred Schmid, Eine Kamera mitten im Lager. Franz Xaver Stützinger, in: Die wiedergefundene Liste, hg. von der DKP München, München 1998, S. 38-41.