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Margaretenstraße 18


Porträt Hans Hutzelmann  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© privat

Hans Hutzelmann

geboren 29.05.1906
in München,
inhaftiert 06.01.1944
im Gestapogefängnis München,
hingerichtet 15.01.1945 im
Zuchthaus Brandenburg-Görden



Mein Vater und alle Verwandten, die meinen Großvater Hans Hutzelmann gekannt haben, erzählten mit einmütig, er sei ein besonders liebenswürdiger Mann gewesen. Als ich geboren wurde, war er schon drei Jahre tot, hingerichtet wegen seines Widerstands gegen das NS-Regimes.

Hans Hutzelmann kam am 28. Mai 1906 in München als Sohn des Postschaffners Michael Hutzelmann und seiner Ehefrau Rosa geb. Hofbauer zur Welt. Seine Eltern starben kurz hintereinander im Dezember 1930. Mein Großvater hatte zwei jüngere Brüder, Heinrich und Michael, die ich aber nicht kennenlernte.

Mein Großvater erlernte nach seinem Schulabschluss den Beruf des Maschinenbauers. Er fand schließlich 1928 eine Stelle bei der Reichspostdirektion in München, verlor diese aber 1931 im Zuge der Weltwirtschaftskrise. Erst 1934, nach viele Gelegenheitsjobs, stellte ihn die Münchner Maschinenfabrik Friedrich Deckel als Monteur ein, wo er bis Januar 1944 tätig war.

Im Jahr 1923 hatte er meine Großmutter Emma Holleis kennengelernt, und 1924 wurde mein Vater Herbert geboren. Meine Großeltern heirateten erst 1937. Konventionen schienen für sie keine besondere Rolle zu spielen – vielleicht hat ihnen diese Haltung später die Kraft gegeben, sich gegen das NS-Regime zu stellen. Seit 1925 lebten sie in der Margaretenstraße 18.

Emma und Hans Hutzelmann waren 1928 in die Christlich-Soziale Partei („Vitus-Heller-Bewegung“) und 1929 in die „Rote Hilfe“ eingetreten. In diesem Milieu lernten sie den Kommunisten Karl Zimmet kennen. Im August 1943 entstand die Organisation „Antinazistische Deutsche Volksfront“ (ADV), der Zimmet als Vorsitzender, Hans Hutzelmann als erster Stellvertreter, sein Freund Georg Jahres als zweiter Vorsitzender und Emma als Kassiererin angehörten. Ziele der ADV waren ein überparteilicher Zusammenschluss verschiedener widerständiger Gruppen und ein politischer Umsturz. Im November 1943 veröffentlichten sie einen Gründungsaufruf und zwei Nummern des Flugblatts „Der Wecker“. Meine Großmutter hatte bei der Firma Saumweber einen russischen Kriegsgefangenen kennengelernt, von dem sie von deren Untergrundbewegung „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen“ (russisch: Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennoplennych, BSW) erfuhr. Die Organisation hatte mehrere hundert Mitglieder, Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, auch in Lagern außerhalb Münchens. Sie wurde unter anderem von Iwan Korbukow geführt, der im Juli 1943 zu einem Treffen in die Wohnung in der Margaretenstraße 18 kam. Beide Seiten beschlossen, künftig zusammenzuarbeiten. Meine Großmutter leistete den Kriegsgefangenen konkrete Hilfe: Sie entwendete in der Fettfabrik Saumweber Fette, die sie gegen Nahrungsmittel und die Beschaffung von Waffen für die Gefangenen eintauschte, und organisierte gemeinsam mit anderen Mitgliedern der ADV und BSW die Flucht von zwei der sowjetischen Männer. Ende 1943/Anfang 1944 flog die BSW auf, die von Spitzeln an die Gestapo verraten worden war.

Die Mitglieder der „Antinazistischen Deutschen Volksfront“ wurden am 6. Januar 1944 verhaftet, auch meine Großeltern. Sie wurden in das Gestapogefängnis in der Brienner Straße eingeliefert, und dort begannen sofort die Verhöre. Die Gestapo verhaftete auch Geschwister von Emma – Andreas Holleis, Rosa Holleis, Dora Eckstein und deren Mann Stefan sowie Ludwig Holleis, der im März 1944 an den Folgen der Folterungen starb. Georg Jahres verübte in der Haft Selbstmord. Meiner Großmutter Emma Hutzelmann gelang am 31. Juli 1944 die Flucht aus dem Gefängnis München-Stadelheim. Sie lebte fortan in einem Versteck, in dem sie im November 1944 bei einem Bombenangriff so schwer verletzt wurde, dass sie am 27. November 1944 verstarb.

Hans Hutzelmann wurde in der Haft gefoltert. Dora Eckstein sagte mir später, er sei ganz blau geschlagen und voller Blut gewesen, als sie ihm bei einem Verhör gegenüber gestellt wurde. Mein Großvater blieb bis zum 3. April 1944 in Gestapohaft, dann wurde er in das Gefängnis Cornelius und später in die Haftanstalt Neudeck überstellt. Am 4. Oktober 1944 erfolgte vom Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof die Zustellung der Anklageschrift, die auf „Hochverrat in Tateinheit mit Feindbegünstigung, Wehrkraftzersetzung und Rundfunkverbrechen“ lautete.

Einige Wochen vor seinem Prozess wurde er am 14. Oktober 1944 in das Gerichtsgefängnis Potsdam verlegt. Am 8. Dezember 1944 fand der Prozess gegen Hans Hutzelmann und seine Mitangeklagten aus München, Rupert Huber, Hugo Heigenmooser, Ferdinand Bader, Jakob Rudolph und Svatopluk Mervart, vor dem Volksgerichtshof statt. Mein Großvater, Rudolf Huber und Svatopluk Mervart wurden zum Tode, die anderen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Karl Zimmet gelang es durch Vortäuschung einer Geisteskrankheit nicht angeklagt zu werden, er überlebte als einziger aus der Führungsriege der ADV.

Mein Großvater wurde in das Zuchthaus Brandenburg-Görden überführt. In seinen Briefen an meine Tante Dora schrieb er immer wieder über die Kälte in der ungeheizten Zelle und wie sehr er unter Hunger leide. Sein Gnadengesuch und das der Familie blieben erfolglos. In seinem letzten Brief vom 15. Januar 1945 an Dora Eckstein schrieb er: „Nun ist die große Stunde für mich gekommen. Ich erhielt eben die Mitteilung, daß das Urteil vollstreckt wird. Es ist jetzt 11 Uhr Vormittag, und heute Nachmittag um 2 Uhr werde ich in die Ewigkeit eingehen.“ Seine letzten Gedanken galten seinem Sohn Herbert, meinem Vater.

Hans Hutzelmann wurde am 15. Januar 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil hingerichtet.

Es existiert ein erst kürzlich aufgetauchtes Foto von einer Trauerfeier für meinen Großvater, die nach Kriegsende stattgefunden haben muss; ein genaues Datum ließ sich nicht ermitteln. Hans Hutzelmann fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof Sendling.

Peter Hutzelmann

Quellen

  • Stadtarchiv München, EWK 76, H 685.
  • Stadtarchiv München, NL HUTZ.
  • Staatsarchiv München, STAANW 11345.
  • Staatsarchiv, München JVA 19811, 20199, 26531, 26351.
  • Bundesarchiv Berlin, R 3001/g 1445/44.

Literatur

  • Leonore Ansorg, Politische Häftlinge im nationalsozialistischen Strafvollzug: Das Zuchthaus Brandenburg-Görden, Berlin 2015.
  • Resi Huber, Die wiedergefundene Liste. Portraits von Münchner Kommunistinnen und Kommunisten, die im antifaschistischen Widerstandskampf ihr Leben ließen, München 1998.
  • Marion Detjen, „zum Staatsfeind ernannt...“. Widerstand, Resistenz und Verweigerung gegen das NS-Regime in München, München 1998, S. 114-117.
  • Jürgen Zaruski, Sowjetische Häftlinge im KZ Dachau, in: Wolfgang Benz, Angelika Königseder (Hrsg.), Das Konzentrationslager Dachau.Geschichte und Wirkung nationalsozialistischer Repression, Berlin 2008, S. 311-326.