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Maximilianstraße 26-28 (Münchner Kammerspiele)


Hans Tintner  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Deutsches Theatermuseum

Hans Tintner

geboren 28.11.1894
in Wien,
deportiert 19.07.1942
in das Konzentrationslager Auschwitz,
ermordet Ende September 1942
im KZ Auschwitz



Hans Tintner kam am 28. November 1894 in Wien zur Welt und war das jüngste von fünf Kindern des aus Mähren stammenden jüdischen Ehepaars Josef und Friderike Tintner. Sein Vater war Versicherungsdirektor in Wien.

Nach dem Gymnasium absolvierte er vermutlich eine Schauspielausbildung und diente im Ersten Weltkrieg als Leutnant in der k. und k. Kavallerie. Zwischenzeitlich galt er als vermisst und wurde dann zum Oberleutnant befördert und ausgezeichnet. Nach Kriegsende, Anfang 1919, ließ sich der 24jährige Hans Tintner in München nieder und wohnte in der Böcklinstraße 54. Hans Tintner heiratete 1925 die schwedische Schriftstellerin Elly Augusta Carlsson; die Ehe wurde 1935 geschieden.

Am 6. Dezember 1919 wurde in den Münchner Kammerspielen, Augustenstraße 89, Frank Wedekinds Schauspiel „Schloss Wetterstein“ uraufgeführt, in dem Hans Tintner die Rolle des Polizeikommissärs Duvoisin spielte. Diese Uraufführung wurde von organisierten antisemitischen Protesten begleitet. Der Historiker Michael Brenner schreibt dazu:

„... die rechte Szene nahm sich die Juden im Theater ins Visier. . . während der sechsten Aufführung griffen etwa fünfzig Studenten und Offiziere alle vermeintlich jüdisch aussehenden Theaterbesucher an. Nach zwei weiteren Aufführungen ordnete die Polizei an, das Stück abzusetzen. Man wolle, so die fadenscheinige Begründung, nur ein Judenpogrom verhindern.“

In den Jahren 1921/22 spielte Hans Tintner zusammen mit den Kolleginnen Grete Jacobsen, Fanny Schreck und dem Kollegen Erwin Kalser in dem Stummfilm „Die Talfahrt des Severin Hoyer“.

Im Jahr 1923 zog er nach Berlin, arbeitete als Drehbuchautor, Regisseur und Produktionsleiter für ein Dutzend Filme. Internationale Berühmtheit erlangte Hans Tintner 1930 mit seinem Film „CYANKALI“, das auf dem Theaterstück „Cyankali. § 218“ des Arztes, Schriftstellers und Kommunisten Friedrich Wolf basiert und ein Plädoyer gegen Strafverfolgung bei Schwangerschaftsabbruch darstellt. Bereits ab Mitte der 1920er Jahre, in dieser Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm, arbeitete Hans Tintner für die Verleih- und Produktionsfirma Defa, ein Unternehmen der amerikanischen 20th Century Fox in Berlin. Er schuf seinen Film CYANKALI zunächst als Stummfilm, anschließend als nachgedrehten Tonfilm.

Am 7. April 1930 inszenierte Otto Falckenberg Wolfs Theaterstück „CYANKALI“ im Nachtstudio der Kammerspiele unter anderem mit Therese Giehse, Kurt Horwitz und Richard Révy. Nach einem skandalösen Protest des Zentralkomitees der Münchner Katholiken – „Der in der Hauptsache von der Reichshauptstadt ausgehende Kulturbolschewismus einer Afterkunst . . . sollte der Kunststadt München erspart bleiben“ – wurde das Stück nach nur fünf Aufführungen abgesetzt.

Die Nationalsozialisten verboten Hans Tintners Film im März 1933, und er verließ Deutschland sofort. Er arbeitete nun als Pressechef der Fox-Niederlassung in Wien für Mitteleuropa, sammelte Erfahrungen mit dem Synchronisieren amerikanischer Filme in Rom und Paris. Im Jahr 1936 beauftragte ihn Fox, in Wien US-amerikanische Filme, die in Deutschland verboten waren, zu synchronisieren. Er verschaffte damit deutschsprachigen Schauspielern Beschäftigung, darunter Walter Gynt und Ludwig Donath, zwei jüdischen Emigranten aus dem Ensemble der Münchner Kammerspiele.

Nach dem so genannten Anschluss Österreichs an das Reich 1938 floh er nach Paris und wohnte in der Rue Toryon 3 im 17. Arrondisment. Die nächste Spur findet sich vier Jahre später - in der Deportationsliste für Konvoi Nr. 7 des Lagers Drancy nördlich von Paris. Am Morgen des 19. Juli 1942 wurde Hans Tintner zusammen mit 878 jüdischen Männern und 121 jüdischen Frauen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 28. September 1942 ermordet.

 

Text von Janne und Klaus Weinzierl

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Stadtadressbuch München 1922, S.875.
  • Stadtarchiv München, KULA – 224/2, Schreiben von Johann Rauch, 1. Vorsitzender des Zentralkomitees der Münchner Katholiken und M.d.R, an Oberbürgermeister Dr. Scharnagl vom 17.04.1930.

Foto:

  • Deutsches Theatermuseum.

Internetquellen:

Literatur:

  • Michael Brenner, Der lange Schatten der Revolution. Juden und Antisemiten in Hitlers München 1918 – 1923, Berlin 2019, S. 155.