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Königinstraße 85


Foto Auguste Hirsch  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München

Auguste Hirsch

geb. Amschel,
geboren 28.02.1857
in Frankfurt am Main,
gestorben 01.04.1942
in Arnheim, Niederlande




Über das Leben von Auguste Hirsch ist nur sehr wenig bekannt. Sie kam am 28. Februar 1857 als Tochter des 1825 geborenen Handelsmanns Adolf (Adolph) Amschel und seiner Ehefrau Josephine Amschel, geborene Oppenheimer, in Frankfurt am Main zur Welt. Sie verlor sehr früh ihre Mutter, die 1859 im Alter von 21 Jahren verstarb. Sie wurde auf dem Alten Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main beigesetzt. Wahrscheinlich ging der Vater eine zweite Ehe ein. Zur Kindheit und Jugend von Auguste Amschel wissen wir nichts.

Am 8. Juni 1883 heiratete sie den wesentlich älteren Bankier Hermann Hirsch, der am 26. August 1838 in Altenstadt geboren wurde. Das Paar lebte zunächst in Augsburg. Zwei Jahre später, am 23. Juli 1885, erblickte Sohn Paul das Licht der Welt. Ihm folgten am 19. März 1887 Tochter Josephine, am 10. März 1888 Käthe Helene, am 2. Januar 1890 Fritz und schließlich am 30.01.1891 Gertrude.

Die Familie zog 1890 nach München und wohnte in der Königinstraße 13 am Englischen Garten in großbürgerlichen, wohlhabenden Verhältnissen. Im Jahr 1892 erlitt Auguste Hirsch zwei Schicksalsschläge – sowohl ihr Vater Adolf Amschel als auch ihr Ehemann Hermann Hirsch starben.

Auch nach dem Tod von Hermann Hirsch hatten die nun alleinstehende Auguste Hirsch und ihre fünf Kinder ein finanziell gesichertes Leben. 1913 zog Auguste Amschel in eine große Wohnung im zweiten Stock der Königinstraße 85, wo sie bis 1934 lebte.

Der Sohn Paul Hirsch studierte Maschinenbau und promovierte in der 1920er Jahren in Göttingen in Physik. Er betätigte sich auch als Schriftsteller und war musikalisch sehr begabt, wie wohl alle Geschwister Hirsch. Auguste Hirschs Tochter Josefine heiratete den Arzt Dr. Hermann Kronheimer; sie lebten mit ihren 1920 und 1922 geborenen Kindern Lisa und Paul Peter in Nürnberg. Ihre Tochter Käthe verheiratete sich 1911 in München mit Dr. Paul Emden. Das Ehepaar lebte seit 1918 in St. Gallen in der Schweiz. Tochter Gertrude ging 1926 mit dem Bankdirektor Lothar Ludwig Masser die Ehe ein. Sie war Mitglied im Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland und erteilte Violin- und Kammermusikunterricht. Ihr 12-jähriger Sohn Wolfgang Masser konnte mit einem Schülervisum 1939 zu seiner Tante nach St. Gallen entkommen und lebte später in Israel. Über ihren Sohn Fritz, der 1919 bei Hermann Hahn Bildhauerei studierte, ist nur bekannt, dass er 1920 nach Berlin ging.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der 76-Jährigen grundlegend. Wir wissen, dass sie im Mai 1934 auf Reisen ging und zwei Monate später in die Giselastraße 12 und im Oktober in die Giselastraße 17 zog. Von Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern hatte sie sich schon verabschieden müssen: Josefine und Dr. Hermann Kronheimer verließen mit ihren Kindern im Januar 1935 Deutschland und emigrierten in die Niederlande. Dort lebten sie zunächst in Den Haag, später in Arnheim.

Auguste Hirschs Sohn Paul, der als einziges ihrer Kinder in München lebte, erkrankte schwer, möglicherweise litt er an Multipler Sklerose. Anfang 1938 musste er sich im „Veronika-Heim“, einer Klinik für Nervenleiden in der Tivolistraße 4, behandeln lassen, dann in der Psychiatrischen Klinik in der Nußbaumstraße 7.

Im August 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, gelang Auguste Hirsch die Emigration in die Niederlande, wo sie erst in Den Haag, dann in der Gabrielenstraat 22 in Arnheim bei ihrer Tochter lebte. Dort starb sie im Alter von 85 Jahren am 2. April 1942. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof Moscawa in Arnheim beigesetzt.

Drei ihrer fünf Kinder erlitten ein grausames Schicksal: Ihren kranken Sohn Dr. Paul Hirsch hatte das Amtsgericht München hatte am 23. Dezember 1941 wegen angeblicher "Geistesschwäche" entmündigt, und er wurde am 25. April 1941 in die Jacoby'sche Heil- und Pflegeanstalt in Bendorf -Sayn bei Koblenz eingewiesen. Ob seine Mutter davon noch erfuhr, wissen wir nicht. Dr. Paul Hirsch wurde am 15. Juni 1942 von Koblenz in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Die SS tötete ihn dort sofort nach Ankunft des Zuges am 19. Juni 1942. Gertrud Masser und ihren Ehemann Lothar Ludwig deportierte die Gestapo am 20. November 1941 nach Kaunas, wo SS-Einsatzgruppen sie fünf Tage später erschossen. Auch ihre Tochter Josephine, der Schwiegersohn und die Enkelkinder überlebten nicht. Josephine und Hermann Kronheimer gerieten in Fänge der Gestapo, die sie in im Lager Westerbork in den Niederlanden internierte und am 14. September 1943 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportierte. Von dort verschleppte die SS sie im Januar 1944 in das Ghetto Theresienstadt und am 28. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie wahrscheinlich nach Ankunft des Zuges am 30. Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet wurden. Auguste Hirschs Enkeltochter Lisa wurde vermutlich schon 1942 aus den Niederlanden nach Auschwitz deportiert und ermordet. Enkelsohn Peter Paul Kronheimer wurde am 28. August 1942 vom Lager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert und dort wahrscheinlich drei Tage später ermordet.

Nur ihre Tochter Gertrude Emden, ihr Sohn Fritz Hirsch und ihr Enkel Wolfgang Masser überlebten die Shoah.

Text von Barbara Hutzelmann

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.

Internetquellen:

Foto: Stadtarchiv München