Aktuelle Corona-Infos der Stadt unter www.muenchen.de/corona
zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Ickstattstraße 17


Porträt von Hugo Daffner  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Meininger Museen B 191

Dr. Hugo Daffner

geboren 02.06.1882
in München,
eingewiesen 20.12.1935
in das KZ Dachau,
ermordet 09.10.1936



 

Hugo Daffner kam als einziges Kind des Oberstabsarztes a.D. Dr. Franz Daffner und seiner Ehefrau Josefine in München zur Welt. Wie einige seiner Vorfahren besaß auch er eine musikalische Begabung. Er begann nach dem Abitur ein Musikstudium an der Akademie für Tonkunst in München und war u.a. Schüler von Max Reger im Fach Kompositionslehre. Gleichzeitig absolvierte er die Ausbildung zum Konzertpianisten. An der Universität München wurde er im Jahre 1904 zum Dr. phil. promoviert mit der Arbeit „Die Entwicklung des Klavierkonzertes bis Mozart“, die 1906 publiziert wurde. In diese Zeit fällt auch seine erste musikalische Berufstätigkeit als Kapellmeister und Solo-Repetitor in München.

1907 ging er nach Königsberg als Redakteur der Königsberger Allgemeinen Zeitung, in der er vorwiegend für das Ressort „Musik“ schrieb. Nach seinem Umzug nach Dresden 1908 wurde er Redakteur an den Dresdner Nachrichten und heiratete im selben Jahr die Schauspielerin Alice Politz, mit der er einen Sohn hatte. In den Jahren 1912 und 1913 bereiste er Italien und Frankreich. Die Eindrücke hiervon waren möglicherweise der Anstoß dazu, dass er 1914 in Weimar die Deutsche Dante-Gesellschaft neu begründete, die sich nach ihrer Entstehung im Jahre 1885 Ende des 19. Jhdts. wegen Mitgliedermangels aufgelöst hatte.

Im 1. Weltkrieg nahm er sein schon in München begonnenes Medizinstudium wieder auf, legte 1920 das medizinische Staatsexamen ab und wurde zum Dr. med. promoviert. Danach arbeitete er erneut als Feuilleton-Redakteur bei der Königsberger Allgemeinen Zeitung mit dem Schwerpunkt „Musik“ und gründete den „Bund für neue Tonkunst“. Von 1922 bis 1933 lebte er in Berlin, wo er sich in das Arztregister eintragen ließ; doch kann seine genaue ärztliche Tätigkeit wegen fehlender Angaben nicht eruiert werden. Er betätigte sich hauptsächlich auf literarischem und musikalischem Gebiet, wobei seine Funktion in der Deutschen Dante-Gesellschaft als Vorsitzender, Schriftführer, Schatzmeister und Herausgeber der Jahrbücher hervorzuheben ist.

Eine bemerkenswerte literarische Arbeit ist sein Artikel Eine Münchner Wertheriade, erschienen 1928 im Jahrbuch Kippenberg, Bd. 7, in dem er auf den Suizid von Fanni v. Ickstatt eingeht, die sich 1785 vom Münchener Frauenturm gestürzt hatte. Dass sich seine letzte Wohnung in der Münchner Icktstattstraße befand, dürfte jedoch ein Zufall sein.

Mitte der 1920er-Jahre wurde deutlich, dass Hugo Daffner seinen vielfältigen Funktionen in der Deutschen Dante-Gesellschaft nicht mehr ausreichend nachkommen konnte; der Grund war vermutlich eine manisch-depressive Erkrankung, die zu einer Verbringung in eine „Heilanstalt“ führte. Im Oktober 1926 kam es zum Bruch zwischen ihm und der Gesellschaft. Er trat von allen Ämtern zurück und brach alle Kontakte ab, obwohl er zum Ehrenmitglied ernannt worden war.

Im Herbst 1933 zog er nach München zu seiner Stiefmutter Rosa Daffner (sein Vater war im selben Jahr gestorben), die ihn für ein halbes Jahr aufnahm. Anschließend bezog er seine letzte Wohnung in der Ickstattstr. 17, wo er nur noch als Komponist tätig war. Seine Kompositionen sind stilistisch als spätromantisch-impressionistisch zu bezeichnen. Nur ein kleiner Teil von ihnen wurde publiziert, der Großteil findet sich als Autograph in der Musikabteilung der Staatsbibliothek München. Eine zusammenfassende Aufstellung seiner Werke ist im Lexikon Musik in Geschichte und Gegenwart zu finden.

Hugo Daffners Kompositionsstil wurde von den NS-Machthabern jedoch nicht goutiert. Seine Lebenseinstellung als Komponist war ihnen ein Dorn im Auge, und nach jahrelangem Kampf mit den Behörden wurde er als „unproduktiver Zeitgenosse“ auf Antrag des Bezirksfürsorgeverbandes München Stadt erstmals am 20.12.1935 ins KZ Dachau eingewiesen, „um durch eine streng geregelte Arbeit und straffe Zucht … ihm seine Pflichten gegenüber der Volksgemeinschaft zum Bewußtsein zu bringen.“

Nach einer kurzzeitigen Entlassung erfolgte erneut die Einweisung, obwohl bei der amtsärztlichen Untersuchung Hugo Daffners seelische Erkrankung aus seiner Berliner Zeit bekannt gewesen sein muss. Erst kurz vor seinem Tode wurde eine Untersuchung auf seinen Geisteszustand angeordnet und ein Verfahren zur Entziehung der ärztlichen Approbation eingeleitet. Möglicherweise hatte er hiervon erfahren, und als Arzt und Patient wusste er, welche Folgen dies für ihn hätte: sein Ende als Komponist und seine Unterbringung in einer „Heilanstalt“ auf unbestimmte Zeit.

Nach amtlichen Angaben kam Hugo Daffner am 9. Oktober 1936 im KZ Dachau zu Tode. Die genauen Umstände und die Todesursache sind nicht bekannt, weil eine Autopsie, die auch damals noch gesetzlich vorgeschrieben war, nicht durchgeführt wurde bzw. ein entsprechender Bericht nicht vorliegt.
Was uns Nachgeborenen verbleibt, ist sein Vermächtnis, dessen wir gedenken müssen: Nie wieder darf ein totalitäres Regime den Menschen entwürdigen und vernichten!

Text von Dr. med. Ruppert Rentz


Quellen:

  • Antrag auf Eröffnung des ehrengerichtlichen Verfahrens gegen Dr. Hugo Daffner vom Datum 1936 Staatsarchiv München, Bestand.
  • Daffner, Hugo: Die Entwicklung des Klavierkonzertes bis Mozart. München 1906.
  • Daffner, Hugo: Eine Münchner Wertheriade. Jahrbuch Kippenberg, Bd. 7, 1928.

Literatur:

  • Degener, Hermann A. L.: Wer ist’s? Unsere Zeitgenossen. VIII. Ausgabe. Leipzig 1922.
  • Goetz, Walter: Geschichte der Deutschen Dante-Gesellschaft. Weimar 1940.
  • Keller, Ruth: Daffner, Hugo. In: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Personenteil 5. Kassel/Stuttgart 2001.
  • Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt 1999.
  • Rentz, Ruppert: Hugo Daffner: Spuren jenseits der Lebensmitte. „Ein Deutsches Requiem“. Deutsches Dante-Jahrbuch, 84. Bd., Köln/Weimar/Wien 2009.