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Montgelasstraße 2


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© Stadtarchiv München

Hugo Railing

geboren 14.05.1886
in München,
deportiert 04.04.1942
in das Ghetto Piaski,
ermordet November 1942
im Vernichtungslager Sobibor


 

Hugo Railing kommt im Jahr 1886 als Sohn eines Textilgroßhändlers in München zur Welt. Er wächst im Stadtteil Lehel auf. Im Jahre 1891 wird seine spätere Ehefrau Hedwig Gumbel geboren. Ihr Elternhaus, das der Ban­kiersfamilie Gumbel, befindet sich in der Schwabinger Georgenstraße.

Rein geographisch gesehen gibt es wohl in beiden Biographien schon frühe Berührungspunkte mit dem FC Bayern, respektive der Fußballabteilung Bayern im Münchner Sport Club (MSC), wie sich der Verein nach der Fusion 1906 offiziell nannte. Im Nachbarhaus der Gumbels wohnt mit Hans Bermühler ein FC Bayern-Fußballer und -Funktionär der ersten Stunde. Auch die Railings im Lehel hatten einen FC Bayern-Nachbarn: Paul Gumbel, Hedwigs Cousin und seit etwa 1910 Spieler der Zweiten Mannschaft. Hedwig Railing ist sportlich aktiv. Sie zählt zu den Gründerinnen der Frauenhockeymannschaft des MSC im Jahr 1911. Drei Jahre später, 1914, tritt Hugo Railing gemeinsam mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Siegfried, genannt „Fritz“, der Fußballabteilung Bayern im MSC bei.

Kurz zuvor übernimmt der damals 27-jährige Hugo Railing, im Jahr 1913 gemeinsam mit seinem Bruder die Firma Hahn & Bach, ein Spezialgeschäft für Möbelstoffe und Teppiche. Die Niederlassung des Geschäfts befindet sich im Herzen Münchens, in der Kaufingerstraße 14. Im Jahre 1920 heiraten Hugo und Hedwig. Zunächst lebt das junge Paar in der elterlichen Wohnung von Hugo Railing gemeinsam mit dessen Mutter in der Wagmüllerstraße. In den Jahren 1921 und 1923 erblicken Tochter Margot und Sohn Heinz Fritz das Licht der Welt. Ebenfalls im Jahr 1923 bezieht die Familie eine Villa in der Möhlstraße 22, deren Eigentümer sie ist. Auch beruflich expandiert Hugo Railing in diesen Zeiten. Anfang der 1920er Jahre gründen er und sein Bruder die Münchner Textildruckerei GmbH in Großhadern. Hier be schäftigen sie in den Folgejahren bis zu 50 Mitarbeiter.

Beim FC Bayern werden die Brüder 1925 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubilä um im Deutschen Theater für ihre 10-jährige Mitgliedschaft geehrt. Ab dem Jahr 1928 nimmt die Firmenfußballmannschaft von Hahn & Bach an der sogenannten Privatspielrunde des Clubs teil. Dies hat zur Folge, dass auch ein Großteil ihrer Firmenbelegschaft nun Vereinsmitglieder wird. Wie beim FC Bayern folgen auch für Hahn & Bach und die Münchner Textildruckerei GmbH sehr erfolgreiche Zeiten. Während die Fußballer Süddeutsche Meisterschaften und 1932 die erste Deutsche Meisterschaft erringen, exportieren die Firmen der Brüder nach Italien, in die Niederlande, nach Belgien, England sowie in die nordischen Länder. Zur FC Bayern-Familie gehört mittlerweile auch Sohn Heinz Fritz, der bereits im Alter von acht Jahren für die Schülerabteilung des Clubs spielt.

Nicht einmal sieben Monate später kommt am 30. Januar 1933 die NSDAP an die Macht. Adolf Hitler wird Reichskanzler. Bereits am 1. April 1933 initiiert die NSDAP deutschlandweit einen Boykott jüdischer Geschäfte. Am Vortag sind bereits die ersten von insgesamt 600 Münchner Firmen betroffen. Mitglieder der SA hindern die Bevölkerung am Betreten jüdischer Geschäfte und Praxen, kennzeichnen diese mit antisemitischen Parolen und schikanieren Personen, die den Boykott missachten. Es ist davon auszugehen, dass auch das Geschäft der Railings, nicht zuletzt der zentralen Lage in der Kaufingerstraße wegen, hiervon betroffen ist.

Der Präsident des FC Bayern, Kurt Landauer, ebenfalls jüdischer Herkunft, musste bereits zehn Tage zuvor seinen Posten zur Verfügung stellen, um, wie er mitteilt, „Schaden vom Club fern zu halten“. Hugo und Siegfried Railing werden im Juli 1934 vom FC Bayern noch für ihre 20-jährige Mitgliedschaft geehrt und gleichzeitig auch in den Ältestenrat des Clubs aufgenommen, in dem damals noch sechs weitere Mitglieder jüdischer Herkunft vertreten sind.
Im gleichen Jahr wird Hugo Railing im Münchner Adressbuch nicht mehr als Eigentümer des Anwesens Möhlstraße 22 genannt, die Familie Railing verlässt ihr Heim und zieht 1934 in die Montgelasstraße 2. Eigentümer des Anwesens sind ebenfalls FC Bayern-Mitglieder: der Bauunternehmer Max Jung sowie seine beiden Söhne Max jun. und Franz.

Im August 1935 wird in den Clubnachrichten des FC Bayern ein Formular abgedruckt, das von jedem Mitglied binnen einer Woche ausgefüllt in der Geschäftsstelle abzugeben ist. „Per Eidesstatt“ soll jedes Mitglied bestätigen, dass es „rein arischer Abstammung“ ist. Wer dies nicht tut, „gilt nach Inkrafttreten der neuen Satzung im September“ des gleichen Jahres als „ausgeschieden“. Diese „Erklärungen“ sind allerdings auch fünf Monate später nur „sehr mangelhaft eingegangen“, wie in der Dezember-Ausgabe der Clubnachrichten bemängelt wird.

Bereits im Jahre 1936 sehen sich die Brüder Railing gezwungen, die „Münchner Textildruckerei GmbH“ zu verkaufen. Im September 1937 schafft es die Familie, dem erst 14-jährigen Sohn Heinz Fritz die Flucht nach Bournemouth in England zu ermöglichen. Im Februar des folgenden Jahres gelingt auch der 17-jährigen Tochter Margot die Flucht nach Lausanne in die Schweiz.

Hedwig und Hugo Railing bleiben in München zurück. Bis zum Herbst 1938, wohnen sie noch in der Montgelasstraße 2. Es folgt eine Odyssee durch ihre Heimatstadt München, ein Indiz für die fortschreitende Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Binnen zwei Jahren müssen die Railings fünf Mal den Wohnsitz wechseln. So kommen sie auch für zwei Monate bei dem FC Bayern-Mitglied Dr. Martin Mandelbaum unter. Als dieser nach der Reichspogromnacht am 10. November nach Dachau verschleppt wird, müssen sie auch dort wieder ausziehen.

Hugo Railing selbst muss bereits im Sommer 1938 eine vorübergehende Inhaftierung über sich ergehen lassen. Obwohl die Brüder das große Ladengeschäft in der Kaufingerstraße bereits aufgegeben hatten müssen, liefern sie nach wie vor Waren in zahlreiche europäische Länder. Die Devisenüberwachungsstelle verdächtigt Hugo Railing, finanzielle Erträge ins Ausland zu transferieren, was damals Deutschen jüdischer Herkunft strengstens untersagt war.

Zum Jahresende 1938 wird die Firma der Railings, Hahn & Bach, arisiert. Im Juli des folgenden Jahres gelingt auch Hugos Bruder Fritz die Emigration nach England. Hedwig und Hugo Railing wechseln ab September 1939 noch drei Mal den Wohnort, ehe sie im Januar 1941 in das Sammel- und Durchgangslager für Juden in der Knorrstraße 148 verschleppt werden. Hier muss Hugo Railing die Position des Lagerleiters übernehmen. Zu seinen Aufgaben zählt auch die organisatorische Mitarbeit im Vorfeld der Deportationen. In dem Sammellager, dass die Nationalsozialisten schönfärberisch „Judensiedlung“ nennen, leben zu diesem Zeitpunkt über 1.000 Menschen. Überlebende beschreiben Hugo Railing später als beeindruckenden und nachdenklichen Mann, der versuchte, seinen Mitgefangenen in diesen schrecklichen Zeiten zu helfen.

Am 4. April 1942 befinden sich auch Hedwig und Hugo Railing im Deportationszug nach Piaski. Im dortigen Ghetto übernimmt Hugo als Mitglied des Ghettorats wieder Verantwortung. Hedwig Railing stirbt in Piaski im Alter von 51 Jahren. Hugo Railing wird im Oktober 1942 von Piaski nach Sobibor deportiert und dort ermordet.

Text von Andreas Wittner (FC Bayern München AG)


Quellen:

  • Bayernland 191/1922
  • Clubnachrichten des FC Bayern München
  • Chronik 25 Jahre des FC Bayern
  • Münchner Stadtadressbücher
  • Biografisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945


Literatur:

  • Selig, Wolfram: „Arisierung“ in München. Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939. München 2004, S. 226–228.
  • Maximilian Strnad, Zwischenstation Judensiedlung. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1949-1945, München 2011.

Video zur Übergabe des Erinnerungszeichens