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Foto von Irene und Wilhelm Neuburger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privat

Irene Irma Neuburger

geb. Gundelfinger,
geboren 04.01.1900
in Kapstadt, Südafrika,
deportiert 14.01.1943
nach Kamp Westerbork,
ermordet 28.11.1944
im Konzentrationslager Bergen-Belsen


Irene Gundelfinger kam als drittes Kind von Benno und Jenny Gundelfinger-Nahm am 4. Januar 1900 in Kapstadt, Südafrika zur Welt.

Die Familie lebte in angenehmen Verhältnissen. Trotzdem war Irenes Mutter Jenny nicht glücklich so fern der alten Heimat, deshalb kehrte die Familie nach Europa zurück. Auch in Paris konnte sie nicht Fuß fassen, und Familie Gundelfinger versuchte einen Neuanfang in London. Der Erste Weltkrieg beraubte sie auch dieses Aufenthaltsorts, denn Benno, Irenes Vater, wurde während des Krieges, nach der Gefangenschaft auf der Isle of Man, als deutscher Kriegsgefangener nach Deutschland ausgetauscht, und die Familie zog mit. Zuerst lebte man in Frankfurt am Main, doch die Lebensmittelversorgung war schlecht. Die Gundelfingers wählten wieder einen neuen Wohnort. Irenes Tante mit Familie lebte in München, so zog die Familie Gundelfinger dorthin.

Über Irenes Kinderzeit ist so gut wie nichts bekannt. Sie war künstlerisch sehr begabt und besuchte die Malschule in München. Zahlreiche Gemälde, sowohl Porträt und Blumenbilder, die während des Krieges versteckt waren, zeugen von ihrem Talent und Können. Da Irenes Eltern sich schlussendlich in der Schweiz niederließen, musste Irene bei ihrer verheirateten Schwester Edith Adler wohnen. Die junge Irene war dort nicht sehr glücklich. Abwechslung boten ihr die Treffen mit ihrer lustigen Freundin Else Franke.

Im Jahre 1925 lernte Irene auf einem jüdischen Ball den Samt und Seide-Grossisten Wilhelm Neuburger kennen. Ein Jahr später heirateten sie. Ihnen wurden zwei Töchter geboren, Erica Else am 7. August 1927 und Marion Therese am 23. Juni 1930. In der Ehe war Irene die tonangebende Person. Ihr Wesen war vernünftig und ausgeglichen. Die Erziehung der Töchter Erica und Marion war ihr sehr wichtig. Gute Manieren und jüdisches Brauchtum versuchte man den Mädchen von klein auf beizubringen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich das Leben der Familie Neuburger radikal. Da die Familie sich sicher war, dass sich das Leben für Juden in Deutschland immer weiter verschlechtern würde, emigrierte sie Ende 1936 in die Niederlande. Dort lebten sie in Amsterdam zunächst in der Courbetstraße 21 und ab 1940 am Minervaplan 24. Auch Wilhelm Neuburgers Mutter Alice Neuburger emigrierte in die Niederlande und wohnte bei ihnen. Ihre Freunde und Bekannte waren hauptsächlich deutsche Emigranten. Damit die Töchter aber auch lernten, dass es noch andere Religionen gibt, unterstützten Irene und ihr Ehemann christliche Freundschaften ihrer Töchter.

Am 10. Mai 1940 besetzten die Deutschen Holland, und das Leben der Familie veränderte sich dramatisch. Über die unmenschliche Zeit der deutschen Besatzung in Amsterdam haben die Töchter Erica sel. und Marion sel. lange geschwiegen. Wie Irene und Wilhelms Tochter Erica Guggenheim-Neuburger später in einem schriftlich festgehaltenen Vortrag berichtete, war plötzlich so vieles verboten; unter anderem durften Juden keine öffentlichen Schwimmbäder mehr besuchen, und die Familie musste das Radio und den Schmuck bei den deutschen Besatzern abliefern.

Am 30. Dezember 1942 wurde die ganze Familie verhaftet und und zunächst in dem Amsterdamer Sammellager „Hollandsche Schouwburg“ interniert. Die Deutschen deportierten die Familie am 14. Januar 1943 in das Transitlager Kamp Westerbork. Wilhelm war wie alle anderen Männer von seiner Frau und den Töchtern getrennt untergebracht. Familie Neuburger entging lange der Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz, weil Irenes Mutter in der Schweiz gültige Pässe für Uruguay für die junge Familie besorgt hatte und Irene von Geburt an einen englischen Pass besaß.

Trotzdem wurden Wilhelm und seine Familie schließlich im Februar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt. Die SS wies sie in das so genannte Austauschlager für jüdische Geiselhäftlinge ein; sie galten wegen der uruguayischen Pässe und Irene Neuburgers englischem Pass als „Vorzugshäftlinge“. Alle Erwachsenen wurden zur Arbeit gezwungen. Irene musste unter schrecklichen Bedingungen in der „Schuhabteilung“ arbeiten. Eine fürchterliche Infektion von Irene artete in eine Blutvergiftung aus.
Irene Neuburger-Gundelfinger verstarb am 28. November 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

IHR ANDENKEN SEI ZUM SEGEN

Obwohl die Namen von Wilhelm und den Kindern auf einer Austauschliste mit deutschen Kriegsgefangenen aufgeführt waren, konnten sie die Reise in die Freiheit nicht antreten, da Wilhelm zu schwach dafür war. Er litt an Typhus und Durchfall und starb am 22. Januar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Die Töchter Erica und Marion überlebten die Hölle von Bergen-Belsen und einen Todesmarsch, auf dem sie von der Roten Armee bei Riesa befreit wurden. Sie wohnten nach dem Krieg bei ihrer Großmutter Jenny (Johanna) Gundelfinger-Nahm in Zürich, Schweiz. Inzwischen sind Erica Guggenheim-Neuburger und Marion Wyler-Neuburger verstorben. Ihre Großmutter Alice Neuburger wurde am 23. Juli 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Text von Irene Shilling

Quellen:

  • Privatbesitz, Chroniken von Erica Guggenheim-Neuburger s. A.
  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.
  • Arolsen Archives, 1131-00447-0181; 12783364.
  • Stadtarchiv Amsterdam, A01232_0586_0751; 0296_0760.

Videos zur Übergabe des Erinnerungszeichens

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Bericht (15 Minuten)

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Dokumentation (1 Stunde)