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Destouchesstraße 14


Bild von Irmgard Burger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Irmgard Burger ca. 1910
© privat

Irmgard Burger, geb. Blankenstein

geboren 22.04.1898
in Berlin,
zwangseingewiesen
30.12.1943 in die
Heil- und Pflegeanstalt
Eglfing-Haar,
verhungert 07.12.1944
in der Heil- und Pflegeanstalt
Eglfing-Haar

Das Leben von Irmgard Blankenstein begann schön, und nichts deutete auf die spätere Katastrophe hin. Sie wurde am 22. April 1898 in Berlin-Charlottenburg in eine Arztfamilie geboren und wuchs ab ihrem fünften Lebensjahr am Bodensee auf. Dort hatte ihr Vater Max Blankenstein eine Arztpraxis inne, ihre Mutter Clara stammte aus Lindau. Sie verbrachte einige Jahre in einem Internat auf der Insel Wight in Südengland. Nach ihrer Rückkehr aus England besuchte sie in München, wo die Eltern inzwischen lebten, eine weiterführende Schule. Dort verliebte sich die aparte junge Frau in ihren Lehrer, den Altphilologen Franz Burger. Am 22. Juli 1916 heiratete sie den doppelt so alten Mann. Die beiden Töchter Marzella und Melitta kamen 1918 und 1920 zur Welt.

Nach der Geburt der jüngeren Tochter Melitta plagten sie immer diffusere Verfolgungsideen. Schließlich konnte sie nicht mehr zu Hause leben und kam 1922 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, wo Schizophrenie diagnostiziert wurde. Im Jahr 1923 folgten auf eine Entlassung zwei weitere kurze Klinikaufenthalte. Irmgard Burger konnte schließlich wieder bei ihrer Familie in der Destouchesstraße 14 leben, wo sie ein eigenes Zimmer bewohnte, viel zeichnete und vor sich hin redete, aber auch am Familienleben teilnahm. Ab etwa 1924 kümmerte sich die Haushälterin Anna um sie. Franz Burger erkrankte jedoch 1930 an Multipler Sklerose und erlag seinem Leiden 1933. Die Haushälterin Anna kümmerte sich bis 1935 um die Mutter und die beiden Töchter. Nach ihrer Eheschließung nahm Anna die Mutter zu sich, die Mädchen lebten im Internat bzw. im Studentenwohnheim.

Die Situation für Irmgard Burger verschlechterte sich drastisch, als Anna zum dritten Mal ausgebombt wurde. Zwar brachte die Haushälterin ihren Schützling zu ihren Eltern, aber diese konnten die Versorgung nicht gewährleisten. Am 14. August 1943 wurde Irmgard Burger daher in die Psychiatrische Abteilung des Schwabinger Krankenhauses aufgenommen und – nachdem die Eltern erfolglos versucht hatten, sie in der Assoziationsanstalt Schönbrunn unterzubringen – am 30. Dezember 1943 nach Eglfing-Haar verlegt. Ihr Vater versuchte durch einen positiven Brief an den behandelnden Arzt seine Tochter zu schützen. Aber schon bei der Klinikaufnahme wurde die Kranke sehr negativ eingeschätzt. Tochter Melitta Burger konnte die Mutter ein letztes Mal Anfang 1944 besuchen, wo diese ihr Kind erkannte und wusste, wer sie war.

Am 7. Dezember 1944 starb Irmgard Burger. Die in der Patientenakte befindliche Gewichtstabelle belegt, dass sie aufgrund des praktizierten systematischen Nahrungsentzugs im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ verhungerte: Eingeliefert mit einem Gewicht von 56 kg, wog die Patientin zuletzt noch 30,5 kg bei einer Körpergröße von 1, 60 m.

Melitta Burger hat erst im Januar 2015 von den tatsächlichen Todesumständen ihrer Mutter erfahren. Am 27. Januar 2017, dem Holocaust-Gedenktag, gedachte der Deutsche Bundestag erstmals der Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Melitta Burger gehörte zu den geladenen Gästen der Gedenkfeier, die auch ihrer Mutter gewidmet war.

Die Übergabe der Erinnerungstafel für ihre Mutter am 18. Januar 2019 hat Melitta Burger mit großem Elan betrieben. Die Erfüllung ihres Herzenswunsches, dass an Irmgard Burger am Wohnsitz der Familie erinnert wird, hat sie traurigerweise nicht mehr erlebt; sie verstarb am 5. Januar 2019, nur wenige Tage vor der Veranstaltung, im Alter von 98 Jahren.

Sibylle von Tiedemann

Quellen:

  • Archiv des Bezirks Oberbayern München, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Patientenakten Nr. 6478.
  • Zeitzeugeninterview von Sibylle von Tiedemann mit Melitta Burger, 6.5. 2016. Das Interview fand im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen der AG „Psychiatrie und Fürsorge im Nationalsozialismus in München“ und dem NS-Dokumentationszentrum München statt und ist im NS-Dokumentationszentrum München archiviert.

Literatur

  • Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum München und dem Bezirk Oberbayern durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann, Göttingen 2018, S. 205; 323-328.
Erinnerungszeichen neben der Eingangstür Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungstafel für Irmgard Burger in der Destouchesstraße 14

Stadtarchiv München

Dr. Andreas Heusler, Andrea Opitz-Gerz von der Psychotherapeutische Praxis Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Andreas Heusler, Andrea Opitz-Gerz von der Psychotherapeutische Praxis

Stadtarchiv München, Jan Bräger

Sibylle von Tiedemann und Lars Mentrup übergeben die Erinnerungstafel Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Sibylle von Tiedemann und Lars Mentrup übergeben die Erinnerungstafel

Stadtarchiv München

Menschenmenge bei der Übergabe der Erinnerungstafel für Irmgard Burger Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Übergabe der Erinnerungstafel für Irmgard Burger

Stadtarchiv München

Christian Ude, Lars Mentrup an der Erinnerungstafel Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Christian Ude und Lars Mentrup an der Erinnerungstafel

Stadtarchiv München