Aktuelle Corona-Infos der Stadt unter www.muenchen.de/corona
zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Bürkleinstraße 20 (früher 16)


Porträt Jenny Kissinger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Stadtarchiv München, Kennkartendoppel 2017

Jenny Kissinger

geb. Schuster
geboren 20.01.1908
in Wenkheim,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
in Kaunas


Jenny Schuster war das jüngste Kind einer Wenkheimer Kaufmannsfamilie. Der Vater Jakob betrieb in der nordbadischen Gemeinde (heute im Main-Tauber-Kreis) das Geschäft "Kaufmann Jakob Schuster".

Jenny Schuster hatte zwei ältere Brüder - Max und Milton - und eine ältere Schwester, Myra. Die Schusters waren angesehene Leute im Dorf. Vater Jakob Schuster, der Kaufmann, war Synagogenvorstand. Der Laden der Familie befand sich an der Hindenburgstraße 1 in einem städtisch anmutenden Wohn- und Geschäftshaus aus rotem Sandstein.

Jenny Schuster heiratete am 22. April 1930 den um 14 Jahre älteren Lehrer Julius Kissinger. Der stammte aus Würzburg, lebte aber inzwischen in der Münchner Tattenbachstraße. Am 19. Februar 1931 kam Sohn Albert zur Welt. Die junge Familie zog mit dem Baby in eine gemietete Wohnung im ersten Stock der Münchner Bürkleinstraße 16. Jenny Kissinger war beim Umzug bereits wieder schwanger. Der zweite Sohn Manfred wurde am 27. März 1932 geboren.

Jennys Ehemann Julius unterrichtete als Lehrer an der Jüdischen Volksschule in der Herzog-Rudolph-Straße. Die Kissingers waren stark ins Leben der orthodoxen Münchner Gemeinde Ohel Jacob eingebunden.

Am 28. September 1933 zogen die Kissingers erneut um - allerdings nur im selben Haus im selben Stockwerk von der Wohneinheit auf der rechten auf die linke Seite der Treppe. Jenny Kissingers geschiedener Schwager Ferdinand, ebenfalls Lehrer, lebte nun mit Wohnung. Vermutlich seit den 1930er Jahren wohnte auch Jenny Kissingers Schwiegervater Simon, ehemaliger Lehrer, mit in dem Haushalt. Er starb am 15. Februar 1939 an Grippe.

Vom 10. November bis 12. Dezember 1938 war Jennys Schwager Ferdinand im Konzentrationslager Dachau interniert.

Die Situation für die Münchner Juden wurde immer schwieriger. Sie wurden enteignet und aus ihren Wohnungen vertrieben. Es gab kein koscheres Fleisch mehr zu kaufen, daher entschlossen sich die orthodoxen Kissingers dazu, gar kein Fleisch mehr zu essen. Die Familie Kissinger plante schließlich seit 1940, in die USA auszuwandern. Es gelang ihnen jedoch nicht mehr, Deutschland und München zu verlassen.

Am 20. November 1941 wurden Jenny Kissinger, ihr Mann Julius, ihre beiden Söhne Albert und Manfred sowie der Schwager Ferdinand aus der Wohnung geholt und ins das Sammellager Milbertshofen an der Knorrstraße gebracht. 999 jüdische Münchner mussten dort einen Zug besteigen, der sie in das Ghetto Riga (Lettland) bringen sollte, offiziell wurden die Menschen "umgesiedelt". Es war die erste Deportation Münchner Juden und auch die mit den meisten Menschen. Da das Ghetto in Riga jedoch überfüllt war, wurde der Zug ins litauische Kaunas geleitet. Dort kamen die Menschen ins Fort IX, eine Festungsanlage außerhalb der Stadt. Drei Tage blieben die Münchner Juden in Kellern der Festung eingesperrt.

In Kaunas wurde Jenny Kissinger am 25. November 1941 von SS-Einsatzgruppen erschossen, gemeinsam mit ihren Angehörigen. Keiner der Menschen aus dem Deportationszug überlebte.

Dr. Felicia Englmann

Quellen

Literatur

  • Horst Feiler, Das Lehel. Die älteste Münchner Vorstadt in Geschichte und Gegenwart, München 2006.
  • Stefan Grasser, Andreas Wimmer, "Heinemann Edelstein (1870-1944)",BLLV-Projekt Lehrerbiografien, https://www.bllv.de/projekte/geschichte-bewahren/erinnerungsarbeit/lehrerbiografien/heinemann-edelstein/
  • Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Denkmalpflegerischer Fachplan Wenkheim, Ortsbegehung a, 24.10.2011, Online unter
  • Barbara Picht, Dr. jur. Fritz Silber, in: Douglas Bokovoy, Stefan Meining (Hrsg.), Versagte Heimat. Jüdisches Leben in Münchens Maxvorstadt 1914-1945, München 1994, S. 261-276.
  • Rosenheim, Jacob, Was will, was ist Agudas Jisroel?, Hrsg. Gruppenverband der "Agudas Jisroel" in Deutschland, Halberstadt 1912.
  • Wolfram Selig, "Arisierung" in München. Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939, Berlin 2004.
Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Zwei Stelen erinnern an die ehemaligen Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München

Ellen Presser von der Israelitischen Kultusgemeinde München erinnert an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Ellen Presser von der IKG München erinnert an die jüdischen Opfer in der NS-Zeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann übergibt die Erinnerungsstelen an die Öffentlichkeit

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung am 20. November 2018 im Jüdischen Museum Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Grußwort von Lilian Harlander auf der Gedenkveranstaltung im Jüdischen Museum

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der 999 Jüdinnen und Juden, die am 20. November 1941 nach Kaunas deportiert wurden  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtdirektor Dr. Michael Stephan gedenkt der Opfer der Deportation nach Kaunas

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Dr. Felicia Englmann berichtet über die früheren Bewohner der Bürkleinstraße 20

Foto: Stadtarchiv München, E. Weichelt

Langversion der Biografie zum Download