zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Königinstraße 35 a


Porträt von Prof. Dr. Karl Alexander Neumeyer  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privatbesitz

Karl Alexander Neumeyer

Professor Dr. iur.
Karl Alexander Neumeyer,
geboren 19.09.1869
in München,
Suizid 17.07.1941
in München



Karl Neumeyer zählt zu den herausragenden deutschen Juristen jüdischer Herkunft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit seinem fünfbändigen Werk „Das internationale Verwaltungsrecht“, veröffentlicht in den Jahren 1910 bis 1936, vollbrachte Karl Neumeyer eine einzigartige Pionierleistung bei der Entwicklung des internationalen und transnationalen öffentlichen Rechts, die bis heute unübertroffen ist. Mit großem Weitblick und seiner Zeit weit voraus, befasste er sich auch mit der heute hochaktuellen Problematik des internationalen Umweltrechts. Karl Neumeyer erforschte zudem die historischen Wurzeln des Internationalen Privatrechts und trug entscheidend zur Fortbildung dieses Rechtsgebiets bei.

Karl Neumeyer stammt aus einer Münchner Kaufmannsfamilie und wurde am 19. September 1869 geboren. Seine Eltern Leopold und Fanny Neumeyer waren 1861 aus dem Ries nach München gezogen. Nach Abschluss seiner juristischen Studien promoviert Karl Neumeyer 1901 an der Ludwig-Maximilians-Universität; 1901 schließt er seine Habilitationsschrift ab und setzt seine wissenschaftliche Karriere als Privatdozent an der Juristischen Fakultät fort. In den Rang eines außerordentlichen Professors erhoben, übernimmt er 1926 die Leitung des Instituts für Rechtsvergleichung. Zu Beginn der 1930-er Jahre steht Karl Neumeyer im In- und Ausland in höchstem Ansehen. 1931 wählt ihn die Juristische Fakultät zum Dekan, nachdem er 1929 zum ordentlichen Professor ernannt worden war.

Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn heiratet Karl Neumeyer am 31. März 1900 die aus Mannheim stammende Anna Hirschhorn. Aus dieser Ehe gehen die Söhne Alfred, geboren am 7. Januar 1901, und Fritz, geboren am 23. Februar 1905, hervor. Die junge Familie zieht 1912 von der Heßstraße gegenüber der Neuen Pinakothek in das eigene Haus Königinstraße 35 a am Rande des Englischen Gartens.

Für Karl und Anna Neumeyer beginnt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten – trotz hohen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ansehens – eine Zeit des Leidens und der Demütigungen. Im Sommersemester 1933 boykottieren Studenten die Völkerrechts-Vorlesung Neumeyers, die daraufhin vom Kultusministerium untersagt wird.

Nach seiner Zwangspensionierung im Jahr 1934 darf Karl Neumeyer an internationalen Tagungen nicht mehr teilnehmen. Trotz des Verbots öffentliche Bibliotheken zu betreten, setzt Karl Neumeyer mit großer Energie seine wissenschaftliche Arbeit bis zum Frühjahr 1941 fort. Er kann noch seine Privatbibliothek und die Bibliothek von St. Bonifaz nutzen.

Dem Sohn Alfred gelingt 1935 nach dem Studium der Kunstgeschichte und beruflichen Stationen in Rom, Hamburg und Berlin mit seiner Frau die Emigration in die USA. Am Mills College in Oakland / Kalifornien baut er sich eine neue Existenz auf. Er stirbt am 21. Januar 1973. Sein Sohn Peter Florian, geboren 1929, bleibt zunächst bei den Großeltern in München. 1936 bringt Anna Neumeyer ihren Enkel zu seinen Eltern nach Kalifornien, kehrt dann aber nach München zurück. Der Sohn Fritz emigriert 1934 nach Abschluss eines Ingenieurstudiums nach Schweden. Er erwirbt weltweite Reputation durch seine Publikationen zum internationalen Patentwesen. Die Universität Bern verleiht ihm 1959 die Ehrendoktorwürde. Er stirbt am 17. Februar 1978.

Dem Bruder Karl Neumeyers, Alfred Neumeyer, geboren am 17. Februar 1867, gelingt im Januar 1941 mit seiner Frau die Emigration nach Argentinien. Alfred Neumeier, bis 1933 Richter am Bayerischen Obersten Landesgericht, leitet bis zu seiner Ausreise den von ihm gegründeten Verband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern sowie die Israelitische Kultusgemeinde in München. Er stirbt am 19. Dezember 1944.

Karl und Anna Neumeyer aber lehnen die ihnen angebotene Hilfe zur Emigration ab. Sie lieben Deutschland zu sehr und wollen Niemandem zur Last fallen. Werner J. Cahnmann, der 1939 in die USA emigriert ist, überliefert hierzu Karl Neumeyers bewegende Worte:

„Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine Arbeit geleistet, hier werde ich sterben.“

Den Entschluss aus dem Leben zu scheiden, fassen Karl und Anna Neumeyer während eines Aufenthalts bei Freunden in Vorarlberg, als sie erfahren, dass sie ihr Haus räumen müssen und die Bibliothek versteigert werden solle.

In den Mitteilungen der Israelitischen Kultusgemeinde vom 20. Juli 1941 ist unter den „Sterbefällen vom 21. Juni mit 20. Juli 1941“ zu lesen:

17. Juli: Dr. Karl Israel Neumeyer, Königinstraße 35 a, 71 ¾ Jahr.

17. Juli: Neumeyer Anna Luise Sara, Königinstraße 35 a, 61 ¾ Jahr.

Sein Schüler Murad Ferid würdigt Karl Neumeyer 1969 zu dessen 100. Geburtstag in der FAZ:

"Beherrscht das Lebenswerk Karl Neumeyers auf nicht absehbare Zeiten weite Bereiche des internationalen und öffentlichen Rechts, so muss dieser Gelehrte uns Heutigen vor allem in seiner Tapferkeit gegen Tyrannen und Terror ein Vorbild sein: Wie er sich in Erkenntnis dessen, was sich zutragen sollte, geweigert hat, von der ihm gegebenen Möglichkeit Gebrauch zu machen, außer Landes zu gehen, ‚weil man hierher gehört‘. Das ergreifendste Zeugnis solcher Gesinnung ist sein trotz aller Bedrohungen und Entrechtungen unbeirrtes Weiterarbeiten."

Text von Klaus Bäumler

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Judaica, Kennkartendoppel 3037.
  • Stadtarchiv München (Hrsg.), Biographisches Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945; (auch zu den im Haus Königinstraße 35 a ab 1939 einquartierten Mitbewohnern jüdischer Herkunft, die den Holocaust nicht überlebten, Gisela Hamburger, Berta und David Neumayer, Johanna und Justin Kohn und Otto Schwarz).

Gedruckte Quellen:

  • Rundschreiben und Mitteilungen der Israelitischen Kultusgemeinde München vom April 1940 bis November 1941 in: Wolfram Selig, Richard Seligmann. Ein jüdisches Schicksal, München 1983.

Memoiren:

  • Alfred Neumeyer (Sohn), Lichter und Schatten, eine Jugend in Deutschland, München 1967.
  • Alfred Neumeyer (Bruder von Karl Neumeyer), Erinnerungen in: Alfred Neumeyer, Alexander Karl Neumeyer, Imanuel Noy-Meir, „Wir wollen den Fluch in Segen verwandeln“. Drei Generationen der jüdischen Familie Neumeyer: Eine autobiographische Trilogie, Hrsg. Robert Schopflocher und Rainer Traub, Berlin 2007.

Literatur:

  • Heinrich von Bonhorst, Karl Neumeyer (1869-1941) in: Evamaria Brockhoff, Manfred Treml, Wolf Weigand (Hrsg.), Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Lebensläufe, München 1988.
  • Henriette von Breitenbuch, Karl Neumeyer – Leben und Werk (1869 – 1941), Frankfurt a. M. 2013.
  • Werner J. Cahnmann, Die Juden in München 1918-1943 in: Hans Lamm, Vergangene Tage. Jüdische Kultur in München, München 1982.
  • Murad Ferid, Karl Neumeyer. Zum 100. Geburtstag in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. September 1969.
  • Horst Göppinger, Juristen jüdischer Abstammung im „Dritten Reich“, Entrechtung und Verfolgung, 2. Auflage, München 1990.
  • Alfred Grimm, Silber für das Reich. Silberobjekte aus jüdischem Eigentum im Bayerischen Nationalmuseum, Hrsg. Bayerisches Nationalmuseum, München 2019.
  • Heinrich Habel, Johannes Hallinger, Timm Weski, Denkmäler in Bayern, Landeshauptstadt München, Denkmal-Topographie Maxvorstadt, Hrsg. Bezirksausschuss Maxvorstadt, München 2014 (zum Baudenkmal Königinstraße 35/35 a).
  • Gerhard Herbst, Das Oberste Landesgericht und der Nationalsozialismus in: Das Bayerische Oberste Landesgericht, München 1993.
  • Peter Landau, Juristen jüdischer Herkunft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
  • in: Hans-Jürgen Becker, Helmut Henrichs, Harald Franzki, Klaus Schmalz, Michael Stolleis (Hrsg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993.
  • Helga Pfoertner, Mit der Geschichte leben, Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945, München 2003.
  • Peter H. Sand (Editor), The History and Origin of International Environment Law, Cheltenham 2015.
  • Lorenz Seelig, Die Zwangsablieferung von Silbergegenständen aus jüdischem Besitz in München 1939-1940. Kulturgutverluste, Provenienzforschung, Restitution. Sammlungsgut mit belasteter Herkunft in Museen, Bibliotheken und Archiven, München 2007.
  • Hans Wehberg, Karl Neumeyer zu Gedächtnis in: Die Friedens-Warte, Band 41, No. 5/6 (1941), S. 256-260 aufzurufen unter: https://www.jstor.org/stable/23774403.
  • Klaus Vogel, Karl Neumeyer (1869-1941), Ein Lebenswerk: das „Internationale Verwaltungsrecht“, in: Hans-Jürgen Becker, Helmut Henrichs, Harald Franzki, Klaus Schmalz, Michael Stolleis (Hrsg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993.