zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Klenzestraße 26 (früher Gärtnerplatz 4)


Porträt von Leopold Schwager  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privatbesitz

Leopold Schwager

geboren 31.08.1884
in Kötzting,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
in Kaunas


 

Leopold Schwager (geboren am 31. August 1884 in Kötzting, heute Bad Kötzting) war der älteste von drei Söhnen des Ehepaars Isidor Schwager und Anna, geb. Steindler. Nachdem Anna 1888 im Wochenbett starb, ging Isidor nach Cham, wo er sein Geschäft „Isidor Schwager Lederhandlung“ eröffnete und Karolina (Karla) Fleischer heiratete. Mit ihr hatte er sechs weitere Kinder. Leopold und seine Geschwister wuchsen in Cham auf.

Bevor er in das Geschäft seines Vaters eintrat, lebte Leopold während seiner Ausbildungszeit für drei Jahre in München. 1910, im Alter von 26 Jahren, kehrte er in die Stadt zurück, um sein eigenes Geschäft, die „Leopold Schwager Lederhandlung und Schäftefabrikation“ zu eröffnen.

Am 31. August 1911 heiratete Leopold die 1885 in Unterhaid in Böhmen (heute: Dolni Dvoriste, Tschechien) geborene Sabine Teller. Mit ihr zog er in eine Wohnung am Gärtnerplatz 4, wo die Familie für 29 Jahre leben sollte. Das Ehepaar hatte drei Kinder, Charlotte, die bereits zwei Jahre nach ihrer Geburt, am 1. Mai 1914, an Lungenentzündung starb, Erwin, geboren am 24. Juli 1913 und Karl, geboren am 17. Juli 1921. Leopold diente seit 1914 im deutschen Heer. Erst 1919 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft in England wieder nach München zurück. In der Zwischenzeit hatte Sabine mit der Unterstützung vertrauenswürdiger Angestellter das Familienunternehmen fortgeführt.

Obwohl das Paar Mitglied der Münchner Hauptsynagogengemeinde war und die Söhne eine jüdische Erziehung genossen und ihre Bar Mitzvah feierten, waren Leopold und Sabine nicht streng religiös. Nur an den hohen Feiertagen besuchten sie die Synagoge, die jüdischen Feiertage waren zuvorderst eine willkommene Gelegenheit, die erweiterte Familie zu treffen und gemeinsam zu feiern.

Leopold und Sabine unternahmen trotz der immer intensiver werdenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten lange Zeit keine Schritte für eine eigenen Emigration. Nichtsdestotrotz unterstützten sie ihre Söhne, als beide 1938 Deutschland verließen. Der 17-jährige Karl emigrierte im August nach Palästina. Erwin war 25, als er am 5. November 1938 in den USA ankam – nur wenige Tage vor dem Novemberpogrom.

Am 9. November 1938 wurde Leopold wie viele andere jüdischer Münchner verhaftet und für etwa eine Monat im KZ Dachau inhaftiert. Kurz danach bewarben sich Leopold und Sabine für die Einreise in die USA. Sie erhielten vom US Konsulat in Stuttgart die Wartenummer 39.000, was eine jahrelange Wartezeit bedeutete. Im Dezember 1938 wurde die Lederhandlung der Schwagers enteignet. Mit der Durchführung der sogenannten „Arisierung“ wurde ein Treuhänder beauftragt, die Firma wurde zu einem unmäßig niedrigen Preis an Gerhard Fiehler, den Bruder des Münchner Oberbürgermeister Karl Fiehlers, verkauft.

Obwohl Sabine und Leopold sich nun intensiv um ihre Emigration bemühten, existierten zu diesem Zeitpunkt nur mehr wenige, mit zahlreichen Hindernissen verbundene Emigrationswege. Im August 1940 wurde das Paar in die Rauchstrasse 10 zwangsumgesiedelt und dort mit anderen jüdischen Familien in einem sogenannten „Judenhaus“ einquartiert. Im Februar 1941 wurde endlich die Wartenummer von Leopold und Sabine für ein US-Visa aufgerufen. Ihr Sohn Erwin ließ nichts unversucht, die alten, abgelaufenen Bürgschaften für die Eltern durch neue zu ersetzen und Schiffstickets für die Reise in die USA zu besorgen Im Bewusstsein der Dringlichkeit der Auswanderung seiner Eltern kaufte er außerdem Visen für Kuba, die schließlich am 3. November 1941 in München eintrafen.

Mitte Oktober jedoch hatte das Reichssicherheitshauptamt ein Verbot der jüdischen Emigration aus Deutschland ausgesprochen. Die nationalsozialistischen Machthaber hatten entschieden, die deutschen Juden zu deportieren. Diese Entwicklung durchkreuzte die Emigrationspläne der Schwagers. Am 20. November, nach ihrer Internierung im Sammellager für Juden München-Milbertshofen, wurden Leopold und Sabine zusammen mit neun weiteren Mitgliedern der Familie Schwager aus München deportiert. Der zug verließ München mit dem Ziel Riga in Lettland, kam jedoch nie dort an. Da das Ghetto in Riga überfüllt war, wurde der Zug nach Kaunas in Litauen umgeleitet. Nach einer tagelangen Inhaftierung unter völlig unzureichenden Umständen wurden alle Deportierten, auch Leopold und Sabine, am 25. November 1941 vom Einsatzkommando 3 unter dem Befehl Karl Jägers erschossen.

Text von Dianne Schwager (Übersetzung: Katharina Seehuber)


Quellen:

  • Stadtarchiv München, Judaica-Varia (Schwager Family Letters 1938-1941).
  • Stadtarchiv München, Judaica Fotos
  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, LEA 33925
  • Yad Vashem, The International Institute for Holocaust Research: Transport, Train Da 27 from Muenchen, München (München), Bavaria, Germany to Kaunas, Kaunas, Lithuania on 20/11/1941. Online verfügbar unter http://db.yadvashem.org/deportation/transportDetails.html?language=en&itemId=9437950 (zuletzt eingesehen am 08.01.2019).
     

Literatur:

  • Selig, Wolfram: „Arisierung“ in München. Die Vernichtung jüdischer Existenz 1937-1939. München 2004, p. 297-299.
  • Stadtarchiv München: Orte der Verfolgung: Deportationsziele und Todesorte. o.D. Online verfügbar unter https://www.muenchen.de/rathaus/dam/jcr:fd75e770-21e5-40a6-bfb3-6842ee966642/Orte%20der%20Vernichtung.pdf (zuletzt eingesehen am 08.01.2019).

Übergabe der Erinnerungszeichen am 2. August 2019