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Leopoldstraße 102


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Lina Binswanger (Foto: Stadtarchiv München)

Lina Binswanger

geb. Moos,
geboren 11.07.1872
in Ulm,
deportiert 25.06.1942
nach Theresienstadt,
ermordet 07.05.1943
in Theresienstadt


Lina Moos wird am 11. Juli 1872 in Ulm (Schwaben) in eine Familie assimilierter Juden als zweite von vier Geschwistern geboren. Ihr Vater Isidor ist Lederhändler, ihre Mutter Louise eine geborene Neuburger. Lina heiratet früh, im Alter von 19 Jahren, den ebenfalls aus einer jüdischen Familie stammenden Augsburger Alfred Binswanger. Binswangers besitzen eine Likörfabrik mit Werken in München, Augsburg und Regensburg. Nach der Heirat zieht das Paar nach Regensburg, um dort ein gemeinsames Leben aufzubauen. Alfred Binswanger leitet die Likörfabrik Edmund Jacobi Nachfolger in der Wöhrdstraße 11, die auf einer Insel mitten in der Donau liegt. Das Paar wohnt in einem Haus neben der Fabrik. In vielen Briefen, die sie an ihre Verwandte schicken, wird aus dem Leben jener Jahre erzählt, von glücklichen Momenten des Familienlebens, von den Treffen an Festtagen am Flussufer mit einer großen gedeckten Tafel und mit frisch gezapftem Bier aus der nahe gelegenen Wirtschaft. Großmutter Lina hat ein sanftes Lächeln, sie ist großzügig und kocht sehr gut. Als überzeugte Patriotin engagiert sie sich während des Ersten Weltkriegs in einer Gemeinschaftsküche der Stadt Regensburg. Dafür erhält sie das Eiserne Kreuz.

Lina und Alfred haben zwei Töchter. Die Ältere, Elisabeth, ist 1893 geboren. Sie heiratet 1912 in München den Diplomaten Ludwig Lindner, mit dem Sie in den zwanziger Jahren nach Italien zieht. Martha ist ein Jahr jünger und zweimal verheiratet. Ihre Tochter Anneliese, die Opfer der Shoah wird, stammt aus der Ehe mit ihrem zweiten Mann Martin Treumann.

Am 30. März 1933 erleidet die Familie den ersten Schlag durch die soeben in Deutschland an die Macht gekommenen Nationalsozialisten. Alfred Binswanger wird an jenem Nachmittag um 16 Uhr von zwei SA-Männern verhaftet und muss die Nacht im Gefängnis verbringen. Am folgenden Morgen wird er nach einer ärztlichen Untersuchung freigelassen. Er ist schwer herzkrank und verstirbt bereits im November desselben Jahres. Die Verfolgung der Nationalsozialisten trägt zu seinem frühen Tod bei. Als die NSDAP am 1. April 1933 zu einem reichsweiten Boykott jüdischer Unternehmen aufruft, muss das Familienunternehmen einige Filialen schließen, im Juli wichtige Verträge mit seinen Partnern kündigen. Im Herbst 1933 kommt es zum Zwangsverkauf der Augsburger Filiale und am 1. August 1936 zum Verkauf der Regensburger Filiale: Die Likörfabrik wird „arisiert“ und von Wilhelm Braun übernommen.

Im Juni 1934 zieht Lina Moos nach München in eine Wohnung in der Destouchestraße 16. Im Januar 1937 stirbt ihre Tochter Martha an Multipler Sklerose und so zieht Lina in deren Wohnung in der Leopoldstraße 102, um sich um ihre vierzehnjährige Enkelin Anneliese kümmern zu können. Die Wohnung liegt im Hochparterre, wie sie in einem Brief an Verwandte in Italien erzählt. Es gibt vier Zimmer, ein Badezimmer und eine Küche mit Balkon.

Sie lebt dort bis zum Oktober 1939. Seit Jahresbeginn werden Juden durch neue nationalsozialistische Gesetze auf engem Wohnraum ghettoisiert. Lina Binswanger und ihre Enkelin Anneliese müssen zunächst in die Franz-Joseph-Straße 15 ziehen, wo sie gemeinsam mit anderen jüdischen Frauen in einer Wohnung untergebracht werden. Im September 1941 muss Lina in das Fremdenheim Hauser in die Amalienstraße 54 umziehen, heute ein Dienstgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität. Anneliese lebt schon seit dem Sommer in einen Zwangsarbeitslager in Lohhof. Ende 1941 wird schließlich Lina in dem Übernachtungsheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Hohenzollernstraße 4 untergebracht. Dort wird sie am 25. Juni 1942 abgeholt und nach Theresienstadt deportiert. Anneliese wurde bereits am 4. April 1942 nach Piaski deportiert. Die letzten Nachrichten an die in Italien lebenden Verwandten übermittelt Anni Hauser. Die Inhaberin der Pension, in der Lina Binswanger im Herbst 1941 für kurze Zeit lebte, hatte sich in den letzten Monaten viel um Lina gekümmert und auch um Martha Mussgnung, eine Freundin von Lina aus Regensburger Tagen die zeitgleich nach Theresienstadt deportiert wird. Nur sieben der 50 Personen dieses Transportes überleben. Unter Ihnen ist auch Martha Mussgnung. Lina Binswanger hingegen überlebt die Strapazen des Lagers nicht. Sie stirbt in Theresienstadt am 7. Mai 1943.

Auch Linas Geschwister werden Opfer der Shoah. Ihr Bruder Alfred und die Schwester Bertha sterben in Treblinka, ihr Bruder Karl Isidor im Ghetto Izbica. Bertha und Karl hatten zuvor erfolglos versucht, auszuwandern. Anneliese Treumann kehrt ebenfalls nicht zurück. Ihr Schicksal ist unbekannt. Vermutlich fiel sie der Aktion Reinhardt zum Opfer, bei der die Nationalsozialisten bis Oktober 1943 mehr als eineinhalb Millionen Juden in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordeten.
 

Die Autoren Mara Fazio und Claudio Lindner sind Angehörige von Lina Binswanger, sie leben in Rom und Mailand. Aus dem Italienischen übersetzt von Adriana Borra.
 

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Judaica Varia 177

Literatur:

  • Maximilian Strnad, Zwischenstation Judensiedlung. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1949-1945, München 2011.