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Clemensstraße 41


Foto von Michael Strich  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privatbesitz

Dr. Michael Strich

geboren 22.03.1881
in Berlin,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
in Kaunas

Die Eltern von Michael Strich, der Kaufmann Alexander Strich, geboren am 3. November 1841, und seine am 20. Oktober 1854 geborene Frau Eva geb. Tietz waren im 19. Jahrhundert nach Berlin gekommen. Beide stammten aus Miedzychód in der heutigen Wojewodschaft Großpolen. Damals gehörte der Ort zu Preußen und hieß Birnbaum, der als „Wiege der Kaufhäuser“ einige Bekanntheit erlangte. Frau Strichs Angehörige aus der Familie Tietz gründeten später die berühmten Kaufhäuser Hermann Tietz.
Michael Samuel Strich kam am 22. März 1881 in Berlin zur Welt. Eine Fotografie, aufgenommen 1884 vom Atelier Loescher & Petsch in Berlin, zeigt einen gut gekleideten, scheu blickenden dreijährigen Jungen. Sein 1883 geborener Bruder Eduard Heinrich verstarb 1889 im Alter von sechs Jahren. Kurz nach dessen Tod wurde der Familie noch ein Sohn geboren, Isidor Eduard. Der Vater beabsichtigte, seinen Sohn Michael zum Kaufmann ausbilden zu lassen und schickte ihn in eine Görlitzer Fabrik. Nach einem halben Jahr konnte Michael Strich durchsetzen, dass er wieder an das Berliner Leibniz-Gymnasium zurückkehren durfte und erlangte dort das Abitur. Anschließend studierte er in Berlin, Göttingen, Freiburg und seit 1903 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Geschichte und Literaturgeschichte. In München wurde er 1907 auch promoviert.

Von 1909 bis 1914 unternahm Michael Strich ausgedehnte Studienreisen, die ihn in Archive nach Wien, Paris, Rom und Turin führten. Wie er in seinem Lebenslauf schrieb, „ [erstreckten sich] diese Forschungen hauptsächlich auf die bayer[isch]-französischen Beziehungen im Zeitalter Ludwigs XIV“, die zum Thema seiner lebenslangen wissenschaftlichen Arbeiten werden sollten. Vielleicht stammt ein Scherenschnitt von Michael Strich - schon mit Brille und einem Strohhut, einer so genannten „Kreissäge“, auf dem Kopf – aus diesen Jahren.
Der Beginn des Ersten Weltkriegs unterbrach seine Forschungen; ab 1915 kämpfte er an der Westfront, war später bei der militärischen Überwachungsstelle in München eingesetzt und wurde mit dem Frontkämpferkreuz ausgezeichnet. Nach Kriegsende lebte er wieder in München-Pasing und war 1919 Mitglied der dortigen gegenrevolutionären Einwohnerwehr. Zwar national gesinnt, sei er jedoch politisch nie hervorgetreten, bemerkt er in einem undatierten Lebenslauf. Herr Dr. Strich war mit Leib und Seele Historiker, und der Privatgelehrte verfasste neben zahlreichen Aufsätzen, die er in bedeutenden Fachzeitschriften veröffentlichte, drei Bücher: Im Jahr 1912 erschien im Verlag Oldenburg „Liselotte und Ludwig XIV“ und 1925 „Liselotte von Kurpfalz“ im Ullstein-Verlag. Noch 1933 publizierte er sein Hauptwerk „Das Kurhaus Bayern im Zeitalter Ludwigs der XIV. und die europäischen Mächte“, herausgegeben von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seine Bücher und Schriften erhielten in vielen namhaften Fachzeitschriften ausführliche Rezensionen.
Über den Privatmann Michael Strich ist hingegen nur wenig bekannt. Seine Tochter Elisabeth Charlotte, genannt Liselotte, wurde am 21. August 1923 in München geboren und war wie ihre Mutter katholisch. Er ging sehr gern zu Rennen auf die Galopprennbahn in Daglfing und in die Oper; oft spielte er nach diesen Besuchen auf dem Klavier Arien, die ihm besonders gefallen hatten. Seit 1920 lebte er in München in der Clemensstraße 41 und war Eigentümer des Hauses. Der Privatgelehrte legte offensichtlich viel Wert auf elegante Kleidung und war eine sehr distinguierte, seriöse Erscheinung, wie auf einem weiteren Foto zu sehen ist. Auf Wunsch seiner Enkelin ist dieses Bild auch für das Erinnerungszeichen für Dr. Strich in der Clemensstraße 41 verwendet worden.

Die nationalsozialistische Herrschaft änderte das Leben des Historikers grundlegend. Zunächst wurde anscheinend der Vertrieb seines Buches „Liselotte von der Kurpfalz“ erschwert. Es ist nicht klar ersichtlich, ob das Werk sich schon vor 1933 schlecht verkaufte oder ob der im Juni 1933 gegründete Reichsverband Deutscher Schriftsteller e. V das Buch des jüdischen Autors bewusst für ein paar Pfennige verramschen ließ. Dr. Strich empörte sich darüber in einem Schreiben an den Verband vom 7. April 1934. Offenbar hatte auch der Ullstein-Verlag, der schon 1934 zwangsenteignet wurde, keinen Spielraum mehr dagegen einzuschreiten.
Im Jahr 1935 konvertierte Michael Strich zur katholischen Religionsgemeinschaft. Er unternahm keine Bemühungen, das Land zu verlassen, empfand er sich doch ganz als Deutscher. Das Foto auf dem Doppel seiner mit einem großen „J“ gestempelte Kennkarte von November 1938 lässt erahnen, wie viele Demütigungen der immer noch elegante, doch resigniert wirkende Herr in den letzten Jahren ertragen musste. Die „Arisierungsstelle“ enteignete am 20. September 1939 zwangsweise sein Haus in der Clemensstraße 41. Der Verkaufspreis wurde auf ein Sperrkonto überwiesen, von dem Michael Strich allerdings die so genannte Judenvermögensabgabe sowie Steuern und eventuelle Tilgungsraten finanzieren musste, ansonsten darauf aber keinen Zugriff hatte.
Er konnte zwar weiterhin in seinem Haus wohnen, dass jedoch zu einem „Judenhaus“ wurde – achtzehn Frauen und Männer mussten im Zuge der Gettoisierung der Jüdinnen und Juden ab Ende 1938 dorthin umziehen, dreizehn von ihnen wurden Opfer der Shoah.
Michael Strich gehörte zu den eintausend Jüdinnen und Juden, die die Gestapo am 20. November 1941 nach Kaunas deportierte, wo sie am 25. November 1941 von SS-Männern des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A der Sicherheitspolizei und des SD erschossen wurden. Seine Tochter Elisabeth Charlotte überlebte die nationalsozialistische Verfolgung, sein Bruder Isidor Eduard Strich emigrierte und starb 1968 in Los Angeles in den USA.

Text von Angelika Krebs und Barbara Hutzelmann

 

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Judaica, Kennkartendoppel.
  • Stadtarchiv München, Judaica Varia 113/I und 113/II.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.

Internet:

  • https://www.welt.de/print-welt/article310836/Hertie-KaDeWe-Die-Wiege-stand-in-Birnbaum.html