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Sintpertstraße 15 (früher Perlacher Straße 100)


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Herbrecht Josef Reinhardt

Herbrecht Josef Reinhardt,
geboren10.6.1927
in Stuttgart,
inhaftiert 08.03.1943
im Polizeigefängnis München,
ermordet Frühjahr 1944
im Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau

Herbrecht Josef Reinhardt wurde am 10. Juni 1927 in Stuttgart als Sohn des Musikers und Kapellmeisters Rudolf Reinhardt und seiner Frau Anna geboren. Er hatte noch fünf Geschwister - Siegfried, geboren 1926, Martin geboren 1928, Margarete geboren 1929, Rigo geboren 1931 und schließlich das 1941 geborene Nesthäkchen Adolf. Eine überlebende Freundin der Familie berichtete von dem großen musikalischen Talent aller Familienmitglieder und einem harmonischen Miteinander.

Im Sommer 1940 zog Herbrecht Josef Reinhardt mit seinen Geschwistern und Eltern von Fürstenfeldbruck nach München. Den letzten Wohnsitz hatte die Familie in der Perlacher Straße 100 in einer Gartenkolonie, heute die Sintpertstraße 9 bis 15.

Seinen Vater Rudolf Reinhardt ließ die Münchner Kripo im Sommer 1942 in das Konzentrationslager Flossenbürg deportieren. Er starb im Oktober 1942 im Konzentrationslager Mauthausen-Gusen. Im gleichen Zeitraum wurden Herbrecht Josef und sein Bruder Martin von der restlichen Familie getrennt und in Piusheim bei Glonn gebracht, etwa 35 Kilometer außerhalb von München. Auch ihre Schwester Margarete wurde in ein Heim, das Clemens-Maria-Kinderheim in München, gesteckt. Fast alle Erlasse des Deutschen Reichs zu „Zigeunern“ thematisierten die Einweisung von Kindern und Jugendlichen in Heime. Offiziell sollte dies zur Sesshaftmachung der vermeintlich stets Reisenden beitragen und die angeblich Verwahrlosten zu einem angepassten Lebensstil zwingen. Mit Hilfe der Fürsorgeerziehung wurden Sinti und Roma jedoch unterdrückt und die Familienstrukturen zerrüttet. Ab 1933 richteten die Nationalsozialisten die Fürsorge in ihrem Sinne aus: Hilfsschüler, unehelich Geborene unbekannter Eltern sowie Kinder mit vermeintlichem Hang zur Kriminalität galten als „erbbiologisch minderwertig“ und wurden vor allem in religiöse Erziehungsanstalten gebracht. Die Hintergründe für die Einweisung der zwei Brüder Reinhardt ins Piusheim bei Glonn sind nicht überliefert. Der Münchner „Katholische Verein zur Betreuung gefährdeter Jugend“ gründete 1905 das Piusheim. Die Erziehungsanstalt entsprach den damaligen Vorstellungen zum Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen. Fern der Großstadt sollten die Heranwachsenden eine strenge und harte Erziehung erhalten. Aufgrund brutaler Prügel- und Arreststrafen kam das Piusheim in Verruf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterten sich die Verhältnisse. So waren die Jugendlichen nun auch von Zwangssterilisation und der Einweisung in ein „Jugend-Schutzlager“ betroffen.

Die Heimleitung übergab die beiden Brüder Herbrecht und Martin Reinhardt im März 1943 der Münchner Kriminalpolizei. Sie wurden nach München gebracht und am 13. März 1943 zusammen mit ihrer Mutter und drei Geschwistern sowie über 100 weitere Sinti und Roma ins „Zigeunerlager“ des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort ermordete die SS Herbrecht Josef Reinhardt im Frühjahr 1944.

Text von Sarah Grandke

Quellen:

  • NS-Dokumentationszentrum München, Datenbank der Münchner NS-Verfolgten, Herbrecht Josef Reinhardt.
  • Stadtarchiv München, EWK 65, Einwohnermeldekarte Herbrecht Josef Reinhardt.

Literatur:

  • Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern, Publikation zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München, Berlin 2016, S. 148, S. 150-152 und S. 152 und 302.