Aktuelle Corona-Infos der Stadt unter www.muenchen.de/corona
zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Sintpertstraße 15 (früher Perlacher Straße 100)


kein Bild vorhanden  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Rudolf Reinhardt

Rudolf Reinhardt,
geboren 26.01.1899
in Hüffenhardt,
deportiert 27.07.1942
in das Konzentrationslager
Flossenbürg,
ermordet 31.10.1942
im Konzentrationslager
Mauthausen-Gusen

Rudolf Reinhardt wurde am 26. Januar 1899 in Hüffenhardt bei Ansbach in Baden geboren. Er war ein bekannter Musiker und Kapellmeister, der vor allem in Süddeutschland Konzerte gab. Am 17. November 1925 heiratete er in Freiburg im Breisgau Anna Bamberger, die am 18. Februar 1906 in Gleiwitz zur Welt gekommen war. Dem Paar wurden sechs Kinder geboren – Siegfried 1926 in Schaffhausen, Herbrecht Josef 1927 in Stuttgart, Martin 1928 in Karlsruhe, Margarete 1929 in München, Rigo 1931 in Stuttgart und schließlich Adolf 1941 in München. Seine Frau Anna und die Kinder begleiteten Rudolf auf seinen Tourneen. Eine überlebende Freundin der Familie berichtete von dem großen musikalischen Talent aller Familienmitglieder und einem harmonischen Miteinander.

Mit Beginn des Zeiten Weltkrieges durften sich Sinti und Roma nicht mehr frei bewegen. Nach dem „Festsetzungserlass“ mussten als „Zigeuner“ klassifizierte Menschen an dem Aufenthaltsort bleiben, an welchem sie sich befanden. Umzüge waren nur mit Erlaubnis der Polizei möglich. Zudem überwachte die Kriminalpolizei sie noch strikter als zuvor.

Im Sommer 1940 konnte Familie Reinhardt von Fürstenfeldbruck nach München ziehen, wo auch bereits Familienangehörige lebten. Auch Anna Reinhardts Schwester Adelheid Bamberger lebte mit ihren Kindern in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Lebenswelt von Sinti und Roma wurde immer weiter eingeschränkt. Sie unterlagen denselben rassistischen Bestimmungen wie Juden. Den letzten Wohnsitz hatte die Familie in der Perlacher Straße 100 in einer Gartenkolonie. Heute befindet sich dort die Sintpertstraße 9 bis 15.

Rudolf Reinhardt wurde zunächst zur Wehrmacht eingezogen, aber 1941 wegen seiner Zugehörigkeit zur Minderheit der Sinti als „wehrunwürdig“ entlassen.

1941/42 wurde die Familie endgültig getrennt. Am 27. Juli 1942 ließ die Münchner Kriminalpolizei Rudolf Reinhardt in das Konzentrationslager Flossenbürg deportieren. In Flossenbürg herrschten grausame Bedingungen, viele der Häftlinge mussten im berüchtigten Steinbruch bis zur vollkommenen Erschöpfung arbeiten, oftmals quälte die SS sie zu Tode. Die SS überstellte Rudolf Reinhardt kurze Zeit später in das Konzentrationslager Mauthausen-Gusen bei Linz, wo er unmenschliche Zwangsarbeit verrichten musste. Auch hier wurden die inhaftierten Männer in einem Steinbruch geschunden. In Gusen herrschte ein brutales, von Sadismus geprägtes System gegenüber den Häftlingen; die Todesrate war enorm hoch.

Rudolf Reinhardt wurde dort am 31. Oktober 1942 ermordet.

Von seiner Familie überlebte niemand den Völkermord an den Sinti und Roma: Die Kriminalpolizei verhaftete am 8. März 1943 – wie mehr als 100 weitere Sinti und Roma aus München und Umgebung – seine Frau Anna Reinhardt und seine Kinder Herbrecht Josef, Martin, Margarete, Rigo und den erst zweijährigen Adolf. Sie deportierte sie alle am 13. März 1943 in das so genannte „Zigeunerlager“ des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Später traf mit einem weiteren Transport sein Sohn Siegfried in Auschwitz-Birkenau ein. Die Menschen starben an gezielter Mangelversorgung, katastrophalen hygienischen Verhältnissen, Krankheiten und medizinischen Versuchen, Zwangsarbeit und Gewalt. Anna Reinhardt musste erleben, wie ihre Kinder Herbrecht Josef, Martin, Margarete, Rigo und Adolf vor ihren Augen eines grausamen Todes starben. Ihren Sohn Siegfried verschleppte die SS in das Konzentrationslager Buchenwald, er wurde im Frühjahr 1945 vermutlich im Konzentrationslager Mittelbau-Dora ermordet. Anna Reinhardt wurde im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Text von Barbara Hutzelmann

Quellen:

  • Arolsen Archives, Korrespondenzakte T/D 130 134; Individuelle Unterlagen Rudolf Reinhardt, Flossenbürg, 1.1.8.3/10983055.
  • NS-Dokumentationszentrum München, Datenbank der Münchner NS-Verfolgten, Rudolf Reinhardt.
  • Stadtarchiv München, EWK 65, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.

Internetquellen:

Literatur:

  • Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Verfolgung der Sinti und Roma in München und Bayern, Publikation zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München, Berlin 2016, S. 138, 186, 302.
  • Jörg Skribeleit, Flossenbürg – Stammlager, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 4: Flossenbürg Mauthausen Ravensbrück, München 2006, S. 17-66.
  • Bertrand Perz, Gusen I und II, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hrg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 4: Flossenbürg Mauthausen Ravensbrück, München 2006, S. 371-380.