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Gaußstraße 3


Foto Ruth Levinger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© UAM, Stud.-Kart. I

Ruth Levinger

geboren 20.01.1908
in München,
verlegt 08.02.1939
in die Heil- und Pflegeanstalt
Eglfing-Haar,
ermordet 20.09.1940
oder in den Folgetagen
in der Tötungsanstalt Hartheim

Ruth Levinger, geboren am 20. Januar 1908 in München, wuchs gemeinsam mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Fritz im Münchner Stadtteil Bogenhausen in einem schönen Haus mit Garten in der Gaußstraße 3 auf. Ruths Kindheit war behütet. Nach der Gebeleschule besuchte sie das Luisengymnasium. Ihre Eltern hatten sich wie viele der Münchner Juden dem „Centralverein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens“ angeschlossen, der das assimilierte bürgerlich-liberale Judentum repräsentierte.

Am 9. November des 1923 versuchten die Nationalsozialisten mit einem Putsch das erste Mal an die Macht zu kommen. Diese politisch und wirtschaftlich schwierigsten Zeiten beeinflussten Ruths Schulnoten nicht negativ. In der 7. Klasse charakterisierte sie ihr Lehrer als „Ganz Verstandesmensch, sehr zielbewusst u. selbständig im Denken u. Handeln. [...] Ist allgemein geachtet und beliebt, scheint soziale Gesinnung zu haben.“ Ihr ausgezeichnetes Abiturzeugnis unterzeichnete Joseph Gebhard Himmler, der Vater des späteren Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Im gleichen Jahr immatrikulierte Ruth sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München in den Fächern Medizin und Philosophie, ab dem Winterhalbjahr 1930/31 studierte sie nur noch Medizin. Am 11. November 1932 wurde sie vom Studium abgemeldet und in der Kuranstalt Obersendling aufgrund einer akuten Erkrankung aufgenommen.

Wie Ruth die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 erlebte, ist nicht überliefert. Ruths Bruder Fritz wäre als Jude nicht mehr zum juristischen Staatsexamen zugelassen wurden und emigrierte im Juni 1933 nach Palästina. Auch Ruths Eltern dachten über Emigration nach. Im Januar 1936 schließlich wanderten Elisabeth und Siegfried Levinger nach Palästina aus. Eine Entscheidung, die ihnen das Leben retten sollte. Ruth dagegen musste in Deutschland bleiben. Aufgrund ihrer Erkrankung konnte sie die für eine Einwanderung nach Palästina erforderlichen Gesundheitszeugnisse nicht vorlegen. Im Juli 1935 wurde sie in der Heil- und Pflegeanstalt Düsseldorf-Grafenberg aufgenommen, im November 1935 in das Sanatorium Herzoghöhe bei Bayreuth. Dort verbrachte sie vier Jahre, bis sie am 8. Februar 1939 aus unbekannten Gründen in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt wurde.1940 war die „Rassetrennung“ zwischen Juden und Nichtjuden in der deutschen Gesellschaft weitgehend vollzogen. Eine räumliche Trennung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Patien­ten in den Heil- und Pflegeanstalten, wie es der Reichsminister des Innern am 22. Juni 1938 anordnete, war dagegen aufgrund von Platzmangel in den Anstalten nicht umsetzbar. Das nationalsozialistische „Euthanasie“-Mordprogramm, das mit dem sogenannten „Euthanasie“-Erlass vom 1. September 1939 begann, bot die Möglichkeit, die jüdischen Anstaltspatienten loszuwerden. Die doppelte Stigmatisierung als Juden und Psychiatriepatienten führte zur ausnahmslosen Vernichtung. Zwischen 1.900 und bis zu 2.500 Menschen wurden in der „Sonderaktion gegen jüdische Anstaltspatienten“ in den Jahren 1940 und 1941 in den Tötungsanstalten der „Aktion T4“ ermordet.

Diese „Sonderaktion“ begann mit der Erfassung aller jüdischen Anstaltspatienten ab dem 15. April 1940 auf Anweisung des Reichsinnenministeriums in Zusammenarbeit mit der „Euthanasie“-Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4. Am 30. August 1940 wurde die Verordnung erlassen, alle jüdischen Patienten in eine der Sammelanstalten zu deportieren. Für Bayern und die Pfalz war dies die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, wohin bis zum 14. September 1940 mindestens 160 jüdische Anstaltspatienten aus bayerischen Einrichtungen verlegt wurden.

In den Morgenstunden vom 20. September 1940 wurde Ruth Levinger mit weiteren 190 Männern, Frauen und Kindern von der Heil- und Pflegeanstalt in die Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich bei Linz deportiert und nach Ankunft mit Kohlenmonoxid ermordet. Alleine die „rassische Zugehörigkeit“ entschied, wer im Rahmen der „Sonderaktion gegen jüdische Anstaltspatienten“ ermordet wurde. Anders als bei den Opfern der „Aktion T4“ spielte die Arbeitsfähigkeit keine Rolle. Dieser erste systematische Massenmord an Juden vor Beginn der Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager gilt daher als Vorstufe zum Holocaust.

Nach Ruth wurden aus ihrer engeren Familie neun weitere Verwandte Opfer des nationalsozialistischen Terrors.

Text von Sibylle von Tiedemann

 

Quellen:

  • Archiv des Landschaftsverbands Rheinland, Patientenakten, „PHP Grafenberg“, Ruth Levinger.
  • Stadtarchiv München, Bestand Luisengymnasium, Schulakte Ruth Levinger.
  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte 65 L 261.
  • Universitätsarchiv München, Stud-Kart I (Levinger, Ruth)

Literatur:

  • Eine ausführliche Biographie über Ruth Levinger wurde veröffentlicht im Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum München und dem Bezirk Oberbayern durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann, Göttingen 2018.
  • Monika Ebert: Zwischen Anerkennung und Ächtung. Medizinerinnen der Ludwig-Maximilians-Universität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Neustadt an der Aisch 2000.
  • Henry Friedländer, Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung, Berlin 1997.
  • Gerhard Schmidt, Selektion in der Heilanstalt 1939-1945, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1983, Neuausg. mit ergänzenden Texten, Berlin / Heidelberg 2012.
  • Ruth Verroen, Leben Sie? Die Geschichte einer jüdischen Familie in Deutschland (1845-1953), Marburg 2015.

Ich danke Dr. Ekkehard Hübschmann, Bayreuth, Dr. Wolfgang Schaffer, Leiter des Archivs des Landschaftsverbands Rheinland, und den Familienangehörigen von Ruth Levinger in Israel und Deutschland für ihre hilfreichen Informationen.