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Mauerkircherstraße 13


Porträt Siegfried Jordan  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Siegfried Jordan (Foto: Stadtarchiv München, Judaica Kennkartendoppel 1866)

Siegfried Jordan

geboren 18.07.1889
in München,
deportiert 20.11.1941
nach Kaunas,
ermordet 25.11.1941
in Kaunas




Eigentlich wollte Siegfried Jordan, der am 18. Juli 1889 in München geboren wurde, immer lieber „Fritz“ genannt werden. Seine Eltern, Leopold Jordan und Berta geb. Thalheimer, betrieben einen Viehhandel und hatten fünf Söhne und drei Töchter. Siegfrieds Bruder Emil wanderte schon 1910 in die USA aus. Vater Leopold Jordan verstarb am 12. Dezember 1933 in München, Mutter Berta Jordan wurde am 5. Juni 1942 aus dem Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Hermann-Schmid-Straße 70 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo sie ermordet wurde; ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Siegfried „Fritz“ Jordan besuchte die Städtische Handelsschule und die private Schule Karlmann. Von 1915 bis 1918 kämpfte er im Ersten Weltkrieg als Gefreiter beim Bayerischen Gebirgsbataillon Nr. 8.

Er heiratete am 16. Dezember 1921 Paula Frank aus Bad Kissingen, die wie er aus einer Viehhändlerfamilie stammte. Am 5. Oktober 1923 wurde dem Paar ihr Sohn Peter geboren. Seit 1925 wohnte die junge Familie in der Mauerkircherstraße 13. Siegfried und Paula Jordan betrieben die Kunstgalerie Jordan & Co, die sich bis 1929/1930 in der Blumenstraße 21 befand. Danach führten sie die Galerie zunächst in der Herzog-Rudolf-Straße 29 und seit 1935 in der Prinzregentenstraße 2.

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft verschlechterten sich die Lebensverhältnisse der Familie Jordan, die immer mehr den antisemitischen Verfolgungen ausgesetzt war. Drei Geschwister von Siegfried „Fritz“ Jordan verließen Deutschland und emigrierten in die USA. Seine Schwester Klara überlebte aufgrund ihrer Ehe mit einem Nichtjuden, die Schwester Rosa Harburger hingegen wurde am 13. März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde Siegfried Jordan am nächsten Tag in das KZ Dachau verschleppt, wo er bis zum 6. Dezember 1938 inhaftiert war. Im Januar 1939 verhaftete ihn die Gestapo wegen angeblicher Beleidigung noch einmal für vier Tage.

Paula und Siegfried Jordan wurden gezwungen, ihre Galerie aufzugeben, da sie – wie alle Juden – nicht Mitglied der der Reichskammer für bildende Künste werden durften und daher keine Genehmigung bekamen, mit so genanntem deutschem Kulturgut zu handeln. Sie mussten schon 1938 mit Wirkung vom 15. September 1937 ihr Gewerbe abmelden. Die Galerie ging im Dezember 1939 an den langjährige Mitarbeiter sowie den nichtjüdischen Schwager der Jordans über und firmierte jetzt unter dem Name Siegfried Niemeitz KG. Bei dem Schwager der Jordans handelte es sich um den späteren Bundesjustizminister Dr. Thomas Dehler, der mit Paulas Schwester Irma verheiratet war und sich auch unter dem Druck der Nationalsozialisten nicht von ihr trennte. Möglicherweise versuchte er, für Paula und Siegfried Jordan Vermögen für eine geplante Emigration zu retten, was aber von den nationalsozialistischen Behörden verhindert wurde.

Lange hatte sich die Familie Jordan nicht dazu entschließen können, Deutschland zu verlassen, zu eng fühlten sie sich besonders Bayern und München verbunden. Siegfried war ein begeisterter Skifahrer und war oft in den Bergen. Paula und Franz Jordan gelang es im Mai 1939, ihrem einzigen Sohn, dem damals 15-jährigen Peter, die rettende Emigration nach Großbritannien zu ermöglichen. Voller Hoffnung, ihm bald zu folgen, ahnten sie nicht, dass sie ihr Kind niemals wiedersehen würden. Im Frühjahr 1940 wurden die Jordans gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen. Sie lebten einige Wochen in einer Pension in der Leopoldstraße 16, ehe sie im Juni 1940 in die Reitmorstraße 52 ziehen und sich mit einer anderen jüdischen Familie die Wohnung teilen mussten. Noch einmal wechselten sie ihre Bleibe und wohnten wieder in der Pension in der Leopoldstraße 16.

Siegfried „Fritz“ Jordan und seine Gattin Paula gehörten zu den 1000 jüdischen Frauen, Männern und Kindern, die vom ersten Deportationsbefehl in München betroffen waren. Am 20. November 1941 hatten sie sich im „Barackenlager Milbertshofen“ in der Knorrstraße 148 einzufinden. Von hier aus mussten sie die Fahrt ins litauische Kaunas antreten, wo SS-Einsatzgruppen sie am 25. November 1941 erschossen und in Massengräbern verscharren ließen.

Text: Barbara Hutzelmann

Quellen:

Literatur:

  • W. G. Sebald, Die Ausgewanderten, Frankfurt am Main 1993.
  • Wolfram Selig, „Arisierung in München. Die Vernichtung jüdischer Existenzen 1937–1939, Berlin 2004, S. 636–638.

 

Stadtrat Dr. Roth spricht bei der Übergabe der Stele Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtrat Dr. Roth spricht bei der Übergabe der Stele

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Angehörige der Familie Jordan Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Angehörige der Familie Jordan

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Peter Jordan vor der Stele Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Peter Jordan vor der Stele

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Erinnerungsstele Paula und Siegfried Jordan Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungsstele

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

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Vor der Mauerkircherstraße 13

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

Erinnerungszeichen Paula und Siegfried Jordan: Hauseingang Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Vor dem Eingang Mauerkircherstraße 13

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München