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Jutastraße 24


Porträt Sylvia Klar  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Stadtarchiv München, Judaica Kennkartendoppel 2024

Syvia Klar

geb. Adlerstein
geboren 26.03.1885
in München,
verhaftet 01.12.1939,
inhaftiert 02.02.1940
im Frauen-KZ Ravensbrück,
ermordet Ende Mai/Anfang Juni 1942
in der Tötungsanstalt Bernburg

Sylvia Klar kam am 26. März 1885 in München zur Welt, ein Jahr später wurde ihre Schwester Johanna geboren. Ihre Eltern, Justizrat Dr. Arnold Adlerstein und Ida Adlerstein, geborene Gotthelf, ließen sich nur wenige Jahre nach der Geburt der Kinder scheiden. 1903 ging die Mutter eine neue Ehe mit dem Gymnasialprofessor Dr. Hermann Koebert ein. Über Sylvia Adlersteins Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Im Alter von 25 Jahren heiratete sie am 23. Juli 1910 den Arzt Dr. Max Klar. Von 1931 an lebte das Paar in der Jutastraße 24.

Max und Sylvia Klar standen der SPD nahe, mit dem Politiker und späteren bayerischen Ministerpräsident Wilhelm Hoegner waren sie befreundet. Als die SPD im Juni 1933 verboten wurde und Hoegner sich vor der Bayerischen Politischen Polizei verbergen musste, stellten sie ihm ihr Jagdhaus bei Ingolstadt zur Verfügung. Die letzten Tage vor seiner Flucht nach Tirol verbarg er sich in ihrer Wohnung. Am Morgen des 11. Juli 1933 fuhr Sylvia Klar ihn und zwei seiner Freunde im Auto ihres Mannes in die Nähe von Mittenwald, von wo er über die Grenze entkommen konnte.

Vermutlich war Sylvia mit der Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ durch die Freundschaft mit Lotte Branz, die für die Gruppe Kurierdienste ins Ausland unternahm, enger verbunden als Max Klar. Als Lottes Ehemann Gottlieb Branz im Sommer 1933 im KZ Dachau inhaftiert war, unterstützte Sylvia Klar ihre Freundin auch finanziell.

Am 10. November 1938 wurde Max Klar verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt. Zwanzig Tage später kam er dort ums Leben. Bei seiner Beerdigung, an der nur ein Rabbiner und Lotte Branz teilnahmen, legte Sylvia Klar ihrem Mann ein schwarz-rot-goldenes Bändchen, die Farben des Reichsbanners, unter den Kopf – ein Bekenntnis für eine demokratische Republik.

Am 1. Dezember 1939 verhaftete die Gestapo Sylvia Klar „wegen Vergehen gegen das Heimtückegesetz“ und verschleppte sie zwei Monate später als „politische Gefangene“ ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.

Im Juni 1940 folgte eine neue Anklage „wegen fortgesetztem gemeinschaftlich begangenem Vergehen gegen das Devisengesetz“. Sylvia Klar hatte 1939 auf Bitten von Freunden, die kurz vor der Emigration standen, Geld und Wertgegenstände in Verwahrung genommen. Schon seit Jahren pflegte sie gute Kontakte zum britischen Konsul Phillips, und so kam sie mit ihm überein, dass er diese Vermögenswerte mit nach England nahm und den Emigranten aushändigte. Als England nach Kriegsbeginn den Konsul abberief, kam diese Angelegenheit ans Licht.

Zur Gerichtsverhandlung im März 1941 musste Sylvia Klar von Ravensbrück nach München gebracht werden. Das Urteil des Landgerichts München I vom 4. März 1941 lautete auf 4 Monate Gefängnis und 1.000 RM Geldstrafe. Die 15 Monate KZ-Haft rechnete ihr der Richter nicht an, weil sie „nicht allein wegen des Devisenvergehens“ in Schutzhaft war.

Sylvia Klar kam nicht mehr frei. Sie wurde im Februar 1940 in das KZ Ravensbrück deportiert und Ende Mai/Anfang Juni 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

Ingrid Reuther

Quellen:

  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.
  • Staatsarchiv München, Polizeidirektion 14484.
  • Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 17513.
  • Staatsarchiv München, Justizvollzugsanstalten 2278.
  • Staatsarchiv München, Oberfinanzdirektion 9016.
  • Archiv Gedenkstätte Dachau, Zugangsbuch 104/19977, 104/21057, 104/20307.

Literatur

  • Sabine Asgodon, „Halts Mail – sonst kommst nach Dachau!“, Köln 1990, S. 21.
  • Wilhelm Hoegner, Der schwierige Außenseiter. Erinnerung eines Abgeordneten, Emigranten und Ministerpräsidenten, o. O., 1959, S. 120.
  • Wilhelm Hoegner, Flucht vor Hitler. Erinnerungen an die Kapitulation der ersten Republik 1933, S. 254.
  • Ingelore Pilwousek, Verfolgung und Widerstand. Das Schicksal Münchner Sozialdemokraten in der NS-Zeit, München 2012, S. 222-223.