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Romanstraße 74


Theodolinde Diem  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Theodolinde Diem, ca. 1925
© privat

Theodolinde Diem

geboren 21.03.1908
in München,
deportiert 09.04.1941 aus
Schönbrunn in die
Heil- und Pflegeanstalt
Eglfing-Haar,
ermordet 29.04.1941 oder
in den Folgetagen
in der Tötungsanstalt Hartheim

Meine Tante Thea wurde am 21. März 1908 in München geboren. Die Mutter von Thea Diem, Amalie Diem, geb. Eisch, stammte aus dem Bayerischen Wald. Ihr Vater Karl Diem kam aus einem niederbayerischen Dorf und erlernte das Schneiderhandwerk. Thea Diem wuchs mit ihren zwei älteren Schwestern Irma und Ella sowie ihrem jüngeren Bruder Heinz auf, der im Alter von sieben Jahren verstarb. Die Familie lebte in Nymphenburg, zuletzt in der Romanstraße 74.

Die drei Schwestern besuchten nach der Volksschule die „Höhere Mädchenschule“ der Englischen Fräulein in Pasing. Die Ferien wurden oft bei Verwandten in Niederbayern verbracht, da durfte natürlich auch der Hund mit, der lange Zeit zur Familie gehörte.

Da es in der Schule noch keinen Turnunterricht gab, bohrte Vater Karl in den hohen Plafond der Diele Haken für Turngeräte – Ringe und eine Stange; es wurde auch ein Turnlehrer angestellt. Jedes Mädchen lernte ein Instrument, leider weiß ich nicht, was Thea lernte; die beiden anderen bekamen Unterricht in Klavier und Geige.

Die beiden Schwestern erzählten, dass Thea nicht nur die hübscheste, klügste, sondern auch die flinkeste der drei Mädchen war, z .B. hatte sie ihre Hausaufgaben oft schon in der Schule erledigt, während die beiden anderen erst daheim damit anfangen konnten.

Thea erlitt mit circa 19 Jahren mehrfach epileptische Anfälle. Ihre Mutter war damit überfordert, die Schwestern hatten bereits selbst Familien. So beschlossen die gläubigen katholischen Eltern Eltern, Thea im Dezember 1927 aus dem behüteten Heim in die Assoziationsanstalt Schönbrunn bei Dachau zu geben. Sie dachten, dort würde sie unter der Aufsicht der Franziskanerinnen Heilung oder wenigstens Besserung erfahren. Die Familie besuchte Thea regelmäßig, und meine Mutter nahm mich manchmal mit. Erst vor einigen Monaten fand ich eine Ansichtskarte, adressiert an „Frl. Thea Diem“, auf der ein Franz der lieben Thea herzliche Grüße aus dem Urlaub sandte. Also Thea war ein ganz normales junges Mädchen, das auch Freundschaften hatte.

Eine andere Erinnerung an meine Tante bleibt: Zufällig war ich zu Besuch bei den Großeltern, als ein Brief kam und meine Großmutter sehr zu weinen anfing. Es wurde mir erzählt, dass sie einige Tage später, als mein Großvater von einer Geschäftsreise kam, sagte: „Karl, unsere Thea hams umgebracht.“ Im Brief stand, dass Thea an einer Lungenentzündung gestorben sei.

Am 9. April 1941 war Thea aber zuerst von Schönbrunn in die Heil- und Pflegeanstalt Egling-Haar gebracht worden, von dort am 29. April 1941 in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz. Wahrscheinlich wurde sie noch am gleichen Tag oder einige Tage später durch Gas ermordet. Thea war 33 Jahre jung. Sie hat eine Grabstätte im Familiengrab auf dem Münchner Westfriedhof.

Heute ist es mein großes Anliegen, dass wenigstens Theas Name nicht vergessen wird. Ich bin dankbar, dass er im „Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen 'Euthanasie'-Morde“ genannt wird und dass nun ein Erinnerungszeichen mit ihrem Namen, ihren Lebensdaten und einem Foto vor ihrem einstigen Wohnhaus erinnert.

Lisa Wanninger

Literatur:

  • Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, herausgegeben vom NS-Dokumentationszentrum München und dem Bezirk Oberbayern durch Michael von Cranach, Annette Eberle, Gerrit Hohendorf und Sibylle von Tiedemann, Göttingen 2018, S. 208; 339-342.