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Königinstraße 85


Porträt Tilly Landauer  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
Tilly Landauer (Foto: Stadtarchiv München, Judaica Kennkartendoppel 2267)

Tilly Landauer

geb. Höchstädter,
geboren 02.04.1887
in München,
inhaftiert 10.12.1942
im Kamp Westerbork,
ermordet 15.10.1944
im KZ Auschwitz



Über das Leben von Tilly Landauer, die am 2. April 1887 in München das Licht der Welt erblickte, ist nur wenig bekannt. Sie entstammte einer sehr angesehenen Münchner Familie. Ihr Vater war der Kommerzienrat Siegmund Höchstädter, ihre Mutter Clothilde die Tochter des Münchner Zahnarztes Emmanuel Sternfeld und seiner Frau Emilie. Tilly wuchs mit ihren beiden älteren Schwestern Wilhelmine und Pauline in der Prinzregentenstraße 12 auf. Kommerzienrat Siegmund Hochstädter verstarb 1928 und wurde am Neuen Israelitischen Friedhof in München bestattet.

Tilly heiratete als Einundzwanzigjährige am 23. September 1908 in München den Kaufmann Franz Landauer, dessen Familie in der Kaufinger Straße ein großes Modehaus besaß. Das Ehepaar, das kinderlos bleiben sollte, wohnte seit Oktober 1908 direkt am Englischen Garten im ersten Stock der Königstraße 85, einem von Martin Dülfer erbauten Jugendstilgebäude.

Franz und Tilly lebten in gutbürgerlichen, wohlhabenden Verhältnissen. Tilly Landauer arbeitete seit 1931 als Bezirksinspektorin des Vereins „Familienschutz, Gemeinnütziger Verein für Hinterbliebenenfürsorge der Mitglieder der jüdischen Gemeinden e.V.“, der alle Versicherungsarten anbot.

Nach der Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland waren auch Tilly und Franz Landauer als Juden den immer engmaschiger werdenden Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Nach fast 30 Jahren, die sie in der Königinstraße 85 verbracht hatten, mussten sie im Juli 1938 ihr Heim verlassen und zogen in eine Wohnung im dritten Stock der Hohenstaufenstraße 7. Tilly musste nach der Pogromnacht am 9. November 1938 erleben, wie die Nationalsozialisten ihren 56-jährigen Gatten am 12. November 1938 in das KZ Dachau verschleppten, aus dem er erst am 19. Dezember 1938 entlassen wurde. Für die willkürlich erhobene „Judenvermögensabgabe“ an das Reich, die die Nationalsozialisten allen Juden nach der Pogromnacht als so genannte Sühneleistung auferlegt hatten, hatte das Ehepaar 25.000 RM zu zahlen. Außerdem raubte ihnen das Deutsche Reich auf Grundlage der „Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens“ vom 3. Dezember 1938 ihre Edelmetallgegenstände sowie sämtlichen Schmuck und zwang sie, alles am 24. März 1939 bei der Ankaufstelle des städtischen Leihamts abzugeben. Darunter befand sich auch ein silbernes Salzgefäß aus dem Jahr 1832, das das Bayerische Nationalmuseum ankaufte und erst nach langwierigen Verhandlungen 1955 dem Erben Kurt Landauer zurückerstattete.

Am 24. August 1939 gelang dem Ehepaar Landauer die Ausreise in die Niederlande, wohin Tillys Mutter Clothilde Hochstädter bereits im Juni 1939 entkommen war. Tilly und Franz Landauer waren zuvor gezwungen worden, 29.900 RM an „Reichsfluchtsteuer“ und „Auswandererabgabe“ zu entrichten, um ihre Heimat verlassen zu können. Sie lebten im noch sicheren Amsterdam in der Waalstraat 7.

Tillys Schwester Wilhelmine Gutmann emigrierte im Februar 1941 mit ihrer Familie nach Havanna. Schwester Pauline (Paula) Weil floh in die USA und lebte in Los Angeles.

Mit dem deutschen Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg am 10. Mai 1940 gerieten Tilly und Franz Landauer erneut in das Visier ihrer Verfolger. Am 10. Dezember 1942 verschleppten die deutschen Besatzer das Ehepaar Landauer sowie Tillys Mutter Clothilde Höchstädter in das Konzentrationslager Kamp Westerbork. Tillys Mutter und ihr Ehemann erlagen den prekären Lebensbedingungen in diesem Lager; Clothilde Höchstädter verstarb am 27. Mai 1943, ihr Schwiegersohn Franz am 10. Juli 1943. Beide sind in Urnengräbern auf dem jüdischen Friedhof in Diemen beigesetzt.

Tilly Landauer wurde am 18. Januar 1944 von Westerbork in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Am 12. Oktober 1944 musste sie die qualvolle dreitägige Fahrt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau antreten, wo sie wahrscheinlich sofort nach Ankunft des Zuges am 15.Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet wurde. Die Familie gedenkt Clothilde Höchstädter und ihrer Tochter Tilly Landauer mit einer Gedenkinschrift am Grab ihres Ehemannes auf dem Neuen Israelitischen Friedhof in München. Tilly Landauers Name ist auch auf dem Gedenkstein am Familiengrab der Landauers für die durch die Schoah ermordeten Familienmitglieder genannt.

Text: Barbara Hutzelmann

Quellen:

Literatur:

  • Janne Weinzierl, Familie Landauer, in: Ilse Macek (Hrsg.), ausgegrenzt-entrechtet-deportiert. Schwabing und Schwabinger Schicksale 1933-1945, München 2008, S. 231–234.

 

Stadtrat Offman, Oberbürgermeister Reiter und Uri Siegel Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Stadtrat Offman, Oberbürgermeister Reiter und Uri Siegel

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Oberbürgermeister Reiter bei der Anbringung des Erinnerungszeichens Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Oberbürgermeister Reiter bei der Anbringung des Erinnerungszeichens

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Oberbürgermeister Reiter, Uri Siegel und Stadtrat Offman vor der Tafel Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Oberbürgermeister Reiter, Uri Siegel und Stadtrat Offman vor der Tafel

Stadtarchiv München, E. Weichelt

Erinnerungstafel Franz und Tilly Landauer  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungstafel

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

Erinnerungstafel am Eingang Königinstraße 85 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Vor dem Eingang Königinstraße 85

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

Erinnerungstafel am Eingang Königinstraße 85 Link öffnet eine vergrößerte Darstellung in einer Diashow.

Erinnerungstafel

Gestaltung und Photographie: stauss processform, München

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Videodoclip zum Erinnerungszeichen für Tilly landauer