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Innstraße 18


Foto von Irene und Wilhelm Neuburger  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Privat

Wilhelm Neuburger

geboren 05.02.1896
in München,
deportiert 14.01.1943
nach Kamp Westerbork,
ermordet 22.01.1945
im Konzentrationslager Bergen-Belsen


 

Wilhelm Neuburger wurde am 5. Februar 1896 in eine bürgerliche, jüdische Familie in München hineingeboren. Seinen Eltern, Isidor Neuburger und seiner Frau Alice geb. Gutmann, war sein Vorname wegen des Geschäftsnamens «Wilhelm Neuburger und Söhne» ihrer Familienfirma verpflichtend. Nach erfolgreich abgeschlossener Mittelschule schickten die Eltern den jungen Wilhelm nach Krefeld in die Lehre in eine Seidenweberei. Infolge Ausbruchs des Ersten Weltkrieges konnte Wilhelm Neuburger seine Lehrzeit in Krefeld nicht abschließen und musste nach München heimkehren. Er meldete sich freiwillig für den Militärdienst und konnte so wenigstens auswählen, wo er diesen absolvieren würde. Nach der militärischen Ausbildung tat er Dienst in Serbien. Dort schien es der Familie weniger gefährlich zu sein. Trotzdem lebten Wilhelms Eltern drei Jahre in Angst um den jungen Mann. Glücklicherweise kam Wilhelm nur mit kleinen Blessuren nach Hause zurück, und einige kleine Splitter mussten aus seinem Schienbein entfernt werden. Sein Rheumaleiden, das er sich im Krieg zugezogen hatte, wurde er jedoch nicht mehr los.
Ohne abgeschlossene Ausbildung hatte er nach dem Krieg keine großen Möglichkeiten zur Berufswahl und trat ins väterliche Geschäft ein. In seiner freien Zeit liebte Wilhelm das Tennisspiel, Skifahren und machte gerne Ausflüge mit seinem besten Freund, dem Kunsthändler Heini Jordan, und seiner Cousine Thesy Güldenstein. Er war seit März 1926 Mitglied beim FC Bayern München. Als sportlicher, junger Mann gewann Wilhelm sogar die Skimeisterschaft von Bayern.
Auf einem jüdischen Ball im Winter 1925/26 fiel ihm ein Mädchen auf, das er noch nirgends gesehen hatte - Irene Gundelfinger. Sie lernten sich schätzen und lieben. Bereits Ende Juni 1926 fand die Vermählung statt. Obwohl Wohnungsnot herrschte, fand das junge Paar eine geeignete Wohnung an der Möhlstrasse in München-Bogenhausen. Wilhelm war ein liebenswürdiger, anpassungsfähiger, sensibler Mensch, der seine junge Ehegattin am Freitag oft mit Blumen oder einem Buch verwöhnte. An den Wochenenden fuhren die Jungvermählten häufig ins Isartal und im Winter Skilaufen.
Am 7. August 1927 wurde dem Paar ein kleines Töchterlein namens Erica Else geboren. Die junge, kleine Familie zog nun in Münchens Äußere Prinzregentenstraße.  Dort wuchs die Familie, und das zweite Töchterchen Marion Therese kam am 23. Juni 1930 zur Welt. Nachdem die Großeltern Gundelfinger in die Schweiz umgezogen waren, bewohnten Wilhelm, Irene und die beiden Mädels die Villa der Großeltern an der Innstraße 18 in München-Bogenhausen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich das Leben der Familie Neuburger radikal. Während der Sommerferien in Marienbad im Jahre 1936 besprach man die Auswanderung nach Holland, denn sie waren sich sicher, dass das Leben für Juden in Deutschland immer gefährlicher werden würde. Aus Wilhelms Briefmarkenhobby wurde in Amsterdam sein Beruf. Er eröffnete mit einem anderen Emigranten aus Lettland ein eigenes Geschäft. Wilhelm war für die Zukäufe verantwortlich und kannte bald alle Briefmarkengeschäfte in ganz Holland. Er wurde von allen sehr geschätzt. Die Familie lebte in Amsterdam zunächst in der Courbetstraße 21 und ab 1940 am Minervaplan 24. Auch Wilhelms Mutter Alice Neuburger emigrierte in die Niederlande und wohnte bei ihnen.

Am 10. Mai 1940 besetzten die Deutschen Holland, und das Leben der Familie veränderte sich dramatisch. Über die unmenschliche Zeit der deutschen Besatzung in Amsterdam haben die Töchter Erica sel. und Marion sel. lange geschwiegen. Wie Irene und Wilhelms Tochter Erica Guggenheim-Neuburger später in einem schriftlich festgehaltenen Vortrag berichtete, war plötzlich so vieles verboten; unter anderem durften Juden keine öffentlichen Schwimmbäder mehr besuchen, und die Familie musste das Radio und den Schmuck bei den deutschen Besatzern abliefern. Glücklicherweise hatten Wilhelm, Irene und die kleinen Töchter bei befreundeten christlichen Familien Wertsachen und auch Fotoalben zur Aufbewahrung deponiert, welche teilweise den überlebenden Töchtern nach dem Krieg zurückgegeben wurden. Es gab auch wahre Freunde in dieser schweren Zeit.
Am 30. Dezember 1942 wurden Irene, Wilhelm und die Töchter verhaftet und zunächst in dem Amsterdamer Sammellager „Hollandsche Schouwburg“ interniert. Die Deutschen deportierten die ganze Familie am 14. Januar 1943 in das Transitlager Kamp Westerbork. Wilhelm wurde von seiner Familie getrennt, da Männer und Frauen in verschiedenen Baracken hausen mussten.
Wilhelm Neuburger entging mit seiner Familie lange der Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz, weil seine Schwiegermutter in der Schweiz gültige Pässe für Uruguay für die junge Familie besorgt hatte und seine Frau Irene von Geburt an einen englischen Pass besaß.
Trotzdem wurden sie schließlich alle im Februar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Die SS wies sie in das so genannte Austauschlager für jüdische Geiselhäftlinge ein; sie galten wegen der uruguayischen Pässe und Irene Neuburgers englischem Pass als „Vorzugshäftlinge“. Wilhelm und seine Frau Irene mussten in der „Schuhabteilung“ arbeiten. Irene infizierte sich bei dieser schmutzigen Arbeit und starb am 28. November 1943 an einer unbehandelten Blutvergiftung. Wilhelm erkrankte infolge der grauenhaften Zustände an Typhus und Durchfall.
Obwohl die Namen von Wilhelm und den Kindern auf einer Austauschliste mit deutschen Kriegsgefangenen aufgeführt waren, konnten sie die Reise in die Freiheit nicht antreten, da Wilhelm zu schwach dafür war. Er starb am 22. Januar 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen.

Erica und Marion Neuburger mussten weiter unter entsetzlichen Bedingungen im Konzentrationslager Bergen-Belsen leben und kurz vor der Befreiung auf einen Todesmarsch gehen. Sie wurden von der Roten Armee in der Nähe von Riesa befreit und gelangten später zu ihrer Großmutter mütterlicherseits Jenny (Johanna) Gundelfinger-Nahm in Zürich in der Schweiz. Ihre Großmutter Alice Neuburger war am 23. Juli 1943 im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden.

SEIN ANDENKEN SEI ZUM SEGEN

Text von Irene Shilling

Quellen:

  • Privatbesitz, Chroniken von Erica Guggenheim-Neuburger s. A.
  • Stadtarchiv München, Einwohnermeldekarte.
  • Stadtarchiv München, Hausbogen.
  • Stadtarchiv München, Datenbank zum Biografischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933-1945.
  • Arolsen Archives, 1131-00447-0181; 12783364.
  • Stadtarchiv Amsterdam, A01232_0586_0751; 0296_0760.
  • Clubnachrichten der FC Bayern München e.V. 1926, Nr. 3.

Videos zur Übergabe des Erinnerungszeichens

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Bericht (15 Minuten)
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Dokumentation ( 1 Stunde)