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Miteinander ins Gespräch kommen


München in der Nachkriegszeit

Quellen zur Geschichte der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Ausstellung im Stadtarchiv München 16. März - 4. April 2012

Die Lebensverhältnisse der Münchner Bevölkerung in den ersten Jahren nach dem Ende des 2. Weltkrieges waren überaus schwierig. In der Stadt herrscht Mangel an Wohnraum und Gütern des täglichen Bedarfs. Die zurückkehrenden evakuierten Stadtbewohner, die herein strömende Flüchtlinge und eine hohe Anzahl von Displaced Persons, darunter auch Juden, führen darüber hinaus zu einer weiteren Verschärfung der angespannten Lage. Wohnungsbeschlagnahmeaktionen der Militärregierung zugunsten von Opfern des NS-Regimes schüren den Unmut in der Bevölkerung. Unter der Bevölkerung wir auch in Presseartikeln kommt es immer wieder zu antisemitischen Stimmungsäußerungen. Die Stadtspitze, allen voran Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl und Stadtschulrat Dr. Anton Fingerle, sucht nach Möglichkeiten, dieser Stimmungslage gegenzusteuern. Gleichzeitig sucht die Militärregierung nach Wegen, der Bevölkerung die Vorzüge des amerikanischen demokratischen und Erziehungssystems (Reeducation) nahezubringen.

Ein Besuch von Vertretern der amerikanischen Militärregierung und des „International Council of Christians an Jews“ (ICCJ) im Oktober 1947 bei Karl Scharnagl gibt den Anstoß für die Gründung einer Initiative aus Vertretern aller Konfessionen und Parteien, die für eine bessere Verständigung und ein erneuertes Verhältnis von Christen und Juden eintritt. Es kommt zunächst zur Bildung eines „Komitees zur Bekämpfung des Antisemitismus“. In der Folgezeit engagiert sich Reverend Carl F. Zietlow, Beauftragter des ICCJ in der amerikanischen Besatzungszone, sehr für die weitere inhaltliche und organisatorische Ausgestaltung des Münchner Kreises (Abb. s. unten).

Historisch knüpft die Initiative an bereits seit den 1920er Jahren in den USA, in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz bestehende Initiativen zur christlich-jüdischen Versöhnung an. Dies führte 1928 in den USA zur Gründung einer „National Conference of Christians and Jews“ (NCCJ) und in der Folgezeit zur Gründung des ICCJ.

Die Gründung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München

Am 9. Juli 1948 findet auf Einladung von Stadtschulrat Dr. Anton Fingerle und unter Leitung des 2. Bürgermeisters Dr. Karl Scharnagl im Münchner Rathaus die Gründungsversammlung der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.“ statt. München ist damit die erste deutsche Stadt, in der sich eine solche Vereinigung bildet. Für die Mitarbeit sollen Persönlichkeiten von Rang gewonnen werden. Den ersten Vorstand bilden Dr. Karl Scharnagl als katholischer Vertreter, der jüdische Arzt und Senator Dr. Julius Spanier (1880-1959) und der evangelische Journalist Hans H. Gensert. Das „Komitee zur Bekämpfung des Antisemitismus“ geht in der Neugründung auf. Zum ersten Geschäftsführer wird Dr. Josef Brandlmeier ernannt.

Im August 1948 rückt Prof. Dr. Ernst Lichtenstein für Gensert in den Vorstand nach. Julius Spanier leitet seit Juli 1945 die Israelitische Kultusgemeinde in München (bis 1951) und vertritt die Israelitischen Kultusgemeinden im Bayerischen Senat.

Karl Scharnagl

Karl Scharnagl (Abb. s. unten) legt am 17. August 1949 sein Amt als katholischer Vorsitzender nieder. Hintergrund bilden angebliche antisemitische Bemerkungen, die er einem Journalisten gegenüber während seiner Amerikareise im Frühjahr 1949 geäußert hätte. Scharnagl hatte eine zunehmende antisemitische Stimmung in Bayern mit der wirtschaftlichen Notlage und dem Aufenthalt einer großen Anzahl von Juden, welche sich nur vorübergehend im Land aufhalten wollten, begründet. Der Streit darüber hat in München und Deutschland ein großes Medienecho. Der Rücktritt Scharnagls wird von den Mitgliedern der Gesellschaft sehr bedauert.

Die Ziele der Gesellschaft

Die überregionale Ausstrahlung der Münchner Gesellschaft führt schon bald zur Gründung von Partnergesellschaften in Augsburg (1951) und Regensburg (1952). Organisatorisch bleiben die beiden Partnergesellschaften weiterhin mit der Münchner Gesellschaft verbunden. Als Dachorganisation für die deutschen Gesellschaften wird im September 1949 der „Deutsche Koordinierungsrat“ gegründet.

Auch die rasch steigende Mitgliederzahl der Münchner Gesellschaft spricht für die positive Akzeptanz ihrer Tätigkeit: Von anfangs 20 steigt sie auf 152 bei der ersten Hauptversammlung am 24. Oktober 1949 an.

Die Gesellschaft widmet sich in erster Linie der „Beseitigung von Vorurteilen zwischen Menschen verschiedener rassischer, nationaler, religiöser und sozialer Herkunft.“ (Satzung vom 10. Mai 1951). Wirkung sollte als ethisch-moralische Instanz entfaltet werden, auf der Ebene des „ethisch-religiösen und sozialen Denkens und Handelns. [...] Die Wirkungsweise unserer Organisation muss aber immer eine moralische bleiben, wir können den Politikern nur Impulse geben.“ (Carl Zietlow, 1949)

Die Gremien und Ausschüsse der Gesellschaft

Die Hauptarbeit der Gesellschaft sollte in Ausschüssen erfolgen, die sich jeweils bestimmten Themen widmeten. Als erstes Gremium bildet sich am 4. November 1948 der Erziehungsausschuss, den Stadtschulrat Dr. Anton Fingerle (Abb. s. unten) leitet. Fingerle übernimmt im August 1949 auch die Funktion des katholischen Vorsitzenden von Karl Scharnagl. Schwerpunkte der Ausschusstätigkeit bilden die Lehrplangestaltung, die Schulreform und die Revision einzelner Inhalte der Schulbücher.

Veranstaltungen / Tätigkeit

Dem im November 1948 gegründeten Religiös-kirchlichen Ausschuss gehören katholische, evangelische und jüdische Theologen an, welche die Grundlagen für die Arbeit der Gesellschaft schaffen sollen. Dazu werden bedeutende Theologen zu Vorträgen eingeladen (u.a. Martin Buber [1954], Baruch Graubard [mehrfach] und Schalom Ben-Chorin [seit Mitte der 1960er Jahre]). Mit Schalom Ben-Chorin entwickelt sich seit Mitte der 1960er Jahre ein intensiver Gesprächs- und Briefaustausch. Oftmals macht er auf Vortragsreisen auch in seiner Heimatstadt München Station.

Am 31. Januar 1949 nimmt der Zivile Ausschuss die Arbeit auf. Dessen Aufgabe besteht in der Gewinnung einflussreicher Gruppen und Institutionen des öffentlichen Lebens für die Arbeit der Gesellschaft. Darüber hinaus soll er sein Augenmerk auf die Erziehung der breiten Öffentlichkeit im Sinne und Geist der „Gesellschaft“ richten. Als weitere Arbeitskreise wurden ein Frauenarbeitskreis (ab August 1949) und ein Jugendausschuss (ab November 1949) eingerichtet.

Im Jahr 1951 wird von der Münchner Gesellschaft erstmals die „Woche der Brüderlichkeit“ durchgeführt, deren Organisation und Durchführung seither zum festen Bestandteil der Arbeit der Gesellschaft gehört. Bundesweit wird die „Woche der Brüderlichkeit“ erst seit 1952 veranstaltet.

Das interreligiöse Gespräch, die religionspädagogische Arbeit wie auch die offene Auseinandersetzung mit antisemitischen und rassistischen Strömungen in der deutschen Bevölkerung bilden seit Gründung der Gesellschaft die wichtigsten Themenfelder ihrer Arbeit. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Öffentlichkeit, mangelnde Bemühungen der Politiker sich mit antisemitischen Stereotypen und Strömungen auseinanderzusetzen und auch mangelnde Bereitschaft der Kirchen, sich im Religionsunterricht mit jüdischen Themen zu befassen, prägen die bundesrepublikanische Gesellschaft. (Abb. s. unten)

Als es 1964 um die Aufnahme diplomatischer Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland mit Israel geht, engagiert sich die Gesellschaft ebenfalls sehr stark.

Großes Medienecho findet die über viele Jahre hinweg von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit geäußerte Forderung nach einer Reformierung der Texte des Oberammergauer Passionspieles bzw. nach Tilgung antijüdischer Textbestandteile (insbesondere im Vorfeld der Aufführungen von 1960 und 1970). Diese Bemühungen sind schließlich von Erfolg gekrönt.

In zahlreichen Veranstaltungen kann die Gesellschaft ihre Anliegen immer wieder in die Stadtgesellschaft hineingetragen, wobei sich ein Schwerpunkt hin zu einem stärker bürgerrechtlich und zivilgesellschaftlich orientierten Engagement entwickelt. In den letzten Jahren wären etwa zu nennen:

  • „Schule ohne Rassismus - Gewalt, Rassismus und Zivilcourage unter Kindern und Jugendlichen“. Veranstaltung für Schüler/innen, Lehrer/innen, sowie pädagogische Multiplikatoren/innen im Kardinal-Wendel-Haus, München, 14.-15.03.2005.
  •  „Wer baut, bleibt“. Die Architektur des neuen Jüdischen Zentrums Jakobsplatz. Veranstaltung in der Ludwig-Maximilians-Universität, 26.10.2005.
  •  „Erinnerung und Identität. Zum Konzept des neuen Jüdischen Museum“. Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie, 15.11.2005.
  •  Veranstaltungen anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus um den 27. Januar. Zuletzt fand am 26. Januar 2012 ein Zeitzeugengespräch mit der Holocaust-Überlebenden Frau Hanna Zimmermann im Jüdischen Museum München statt. Diese Veranstaltung wurde von sehr vielen Jugendlichen und Kindern besucht.

Die "Woche der Brüderlichkeit"

Auch die „Woche“ geht auf amerikanische Vorbilder zurück: Die „National Conference of Christians and Jews“ (NCCJ) veranstaltete seit 1934 jeweils Ende Februar bzw. Anfang März (orientiert am Geburtstag Georg Washingtons am 22. Februar!) „Brotherhood Weeks“, die trotz sozialer, ethnischer und religiöser Unterschiede die nationale Einheit der Vereinigten Staaten betonten. Die als weltweite Dachvereinigung der verschiedenen nationalen christlich-jüdischen Begegnungsgruppen 1950 in Paris gegründete „World Brotherhood“ schlug vor, derartige Wochen in möglichst vielen Ländern durchzuführen. Neben elf anderen europäischen Ländern wird dieser Vorschlag 1951 auch in Deutschland aufgegriffen, wo die Münchner „Gesellschaft“ eine Art Vorreiterrolle einnahm.

Im Oktober 1950 bildet sich innerhalb der Münchner Gesellschaft ein Aktionskomitee, das unter dem Vorsitz von Karl Scharnagl und dem evangelischen Dekan Friedrich Langenfaß die Veranstaltungen für ganz Bayern vorbereitet. Die „Woche der Brüderlichkeit in Bayern“ wird erstmals vom 18. bis 25. Februar 1951 in München und andernort durchgeführt. Die in Nürnberg bestehende Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit führt in Nürnberg-Fürth eigene Veranstaltungen durch.

Die in München veranstaltete „Woche“ ist durch thematische Schwerpunkte gegliedert:

  • Tag der Erziehung
  • Tag der Konfessionen
  • Tag der Jugend
  • Tag der Heimatvertriebenen
  • Tag der Frauen“ und ein abschließender
  • Tag der Nationen.

In der Aula der Universität wird zum Abschluss der Woche die 9. Symphonie Beethovens mit den Münchener Philharmonikern aufgeführt. In Augsburg (21. Februar) und Regensburg (25. Februar) finden Feierstunden statt. Dazu wird ein umfangreiches kulturelles Programm angeboten, Theater, Kinos und Rundfunk stellen ihre Programme auf die „Woche“ ein.

Die im Jahr 1951 in München veranstaltete „Woche der Brüderlichkeit“ wirkt Vorbild gebend für die weitere Gestaltung der „Wochen“, die seit 1952 jährlich im März als bundesweite Veranstaltungsreihe unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stattfinden. Ausrichter sind die örtlichen Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Verbindung mit dem „Deutschen Koordinierungsrat“. Die erste bundesweite Woche der Brüderlichkeit wird am 7. März 1952 mit einer im Radio übertragenen Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss eröffnet.

Matinee der Münchner Kammerspiele

Die Münchner Kammerspiele veranstalten am 9. März eine Matinee mit Lesungen und Ansprachen „neuer deutscher Autoren“ wie Heinrich Böll, Walter Jens, Ilse Aichinger und Hans Werner-Richter. Die Autoren gehören alle zum Kreis der „Gruppe 47“, die sich seit 1947 um Richter gebildet hatte. Walter Jens hält zum Ende der Veranstaltung eine Rede, in der er Stellung bezieht zur jüngeren deutschen Vergangenheit und zur Rolle der Juden in der deutschen Literatur (weitere Abb. s. unten).

Wahrnehmung in der Öffentlichkeit

Die „Wochen“ sind bis heute das Ereignis, mit dem die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in der Öffentlichkeit am deutlichsten wahrgenommen wird. Die Inhalte wie die daran mitwirkenden Personen und Institutionen zeigen das Bemühen der Veranstalter, der „Woche“ einen hohen gesellschaftlichen Rang zu geben - Themenstellungen, die auch für Staat und Kommunen von Bedeutung sind. Getragen werden die Veranstaltungen von einem breiten Spektrum von kooperierenden Organisationen und Einrichtungen sowie Mitveranstaltern. Das Themenspektrum, das sich in 1950er Jahren auch auf gesellschaftliche Problemfelder und Fragestellungen (Heimatvertriebene, Jugend, Frauen) ausweitet, zeigt seit den 1960er Jahren meist folgende inhaltliche Schwerpunkte: der jüdisch-christliche Dialog, der deutsch-israelische Dialog, die Zusammenarbeit zwischen Christen und Juden, religiöse und kulturelle jüdische Traditionen und die Aufarbeitung des Holocaust.

Im Rahmen der Veranstaltung wird seit 1968 vom „Deutschen Koordinierungsrat“ in Erinnerung an die jüdischen Philosophen und Pädagogen Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929) die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Sie geht an Persönlichkeiten, Initiativen oder Einrichtungen, die sich um christlich-jüdische Zusammenarbeit und Verständigung verdient gemacht haben.

Ehrung von Lea Rabin

Im Jahr 1998 erhält Lea Rabin (+ 2000), die Ehefrau des 1995 ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, die Medaille bei einer Feier im Münchner Prinzregententheater verliehen. 2012 wird sie Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, erhalten (weitere Abb. s. unten).

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