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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes


    Der Wald ist eine jahrhundertealte Kulturlandschaft

    Jan Linder, der Leiter der Städtischen Forstverwaltung, gibt in diesem Interview einen Einblick in die Münchner Wälder. Die größte Herausforderung für den Betrieb sind aktuell der Klimawandel und die damit einhergehenden Folgen. Das langfristige Ziel: strukturreiche Mischwälder schaffen.

    Spüren Sie schon einen Klimawandel?

    Ja. Wir spüren ihn schon seit mehreren Jahren. Ganz extrem und in das vordergründige Bewusstsein eingetreten ist er durch Sturm Niklas. Dieser wütete 2015 besonders in München, Landsberg und Murnau und hat binnen weniger Stunden ein Vielfaches unseres jährlichen nachhaltigen Hiebsatzes umgelegt. Ab diesem Zeitpunkt kamen dann auch viele Rekordsommer und Rekordtrockenjahre, die bei uns im Wald den Borkenkäfer sehr begünstigen, weil die Bäume dann nicht mehr so gut mit Wasser versorgt sind und die Käfer damit leichtes Spiel haben, diese Bäume zu befallen und zu töten. Das nächste Extremereignis kam im Jahr 2019 durch die Schneemassen in der sogenannten Vorbergzone der Alpen, wo auch wir mit dem Wald am Taubenberg dazugehören. Hier hatten wir mit vielen Schneebrüchen zu kämpfen, also Bäumen, die unter der Schneelast zerbrechen wie Streichhölzer. Hier kann man ganz klar sagen, dass wir einen Klimawandel spüren. Klimawandel heißt für uns Förster, dass die Durchschnittstemperatur und die Extremwettertemperaturen steigen. Dadurch verändert sich die Niederschlagsverteilung und Extremereignisse wie Stürme, Hagel und Stark regen nehmen zu. Also all das, was wir in letzter Zeit in und um München erlebt haben. Zudem heizt eine Großstadt wie München das Klima noch mehr auf, deshalb sind die städtischen Wälder hier auch nochmal stärker betroffen.


    Was ist dabei die größte Gefahr für die Münchner Wälder?

    Eine große Gefahr für die Münchner Wälder ist, dass in den nächsten Jahren eine durchschnittliche Temperaturerhöhung von 2 Grad prognostiziert wird. Mit diesem Szenario würden wir einigermaßen klarkommen. Klar, dadurch ändern sich dann auch die Wälder massiv. In München wird beispielsweise die temperaturempfindliche Fichte nicht mehr mitkommen und zu großen Teilen verschwinden. Daher müssen wir einen Waldumbau betreiben, hin zu Laubhölzern wie Buche, Eiche und exotischen Baumarten, die mit der Trockenheit besser zurechtkommen. Ähnlich, wie es aktuell in Weinanbaugegenden in Unterfranken ist. Das werden wahrscheinlich unsere künftigen Wälder sein. Die größte Gefahr ist aber, dass dieses Szenario nicht eintritt, sondern wir noch höhere Temperatursteigerungen erleben. Dann kommen viele Bäume in München, vor allem in der Schotterebene, an ihre Grenzen. Dann haben wir ein massives Problem, ob wir überhaupt noch Wald um München halten können.

     

    Welche Gegenmaßnahmen gibt es?

    Das sind zunächst einmal die allgemeinen Klimaschutzziele der Politik. Die Städtische Forstverwaltung kann nur versuchen, das Risiko maximal zu streuen, das heißt, mit vielen unterschiedlichen Baumarten zu pflanzen. Damit wird das Risiko gestreut: Wenn ein Baum nicht mehr mitkommt, folgen andere nach. Es geht also darum, nicht nur auf einzelne Bäume, sondern auf viele unterschiedliche Baumarten zu setzen. Bei konstanten Temperaturerhöhungen, einer dauerhaften Veränderung der Niederschlagsverteilungen bis hin zu einer vegetationslosen Zeit werden uns allerdings irgendwann die Baumarten ausgehen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir können nur mit möglichst vielen Baumarten vorbauen.


    Wie viel Holz schlägt die Städtische Forstverwaltung jährlich?

    In den Normaljahren, also vor Sturm Niklas, hatten wir einen nachhaltigen Hiebsatz. Nachhaltig heißt, wir schlagen nur das, was auch wieder dazuwächst. Plakativ gesagt, wir betreiben keinen Raubbau im Wald. Nachhaltig schlagen wir auf unseren 5 .000 ha Wald rund 36 .000 Festmeter Holz pro Jahr. Das entspricht auch in etwa 36.000 Bäumen.


    Wie begegnen Sie Schädlingen wie dem Borkenkäfer und dem Asiatischen Laubholzbock?

    Der Asiatische Laubholzbock ist erfreulicherweise im letzten Jahr nicht mehr aufgetaucht. Dieser Käfer ist ein Quarantäneschädling, der stark überwacht werden muss. Wird er entdeckt, sind wir gehalten, in einem Umkreis von 100 Metern alles außer die Eichen zu eliminieren und zu zerhacken. Zum Glück haben unsere Bekämpfungsmaßnahmen in den zwei Quarantänezonen gewirkt. Es besteht also Hoffnung, dass wir auf unseren Flächen keine weiteren Käfer mehr finden und er in unserer Region als bekämpft gilt und schließlich die Quarantänezonen wieder aufgelassen werden können. Idealerweise schon in einem Jahr.

    Viel mehr beschäftigt uns stattdessen der Borkenkäfer. Dem Borkenkäfer begegnen wir mit Monitoringfallen. Diese werden mit Lockstoffen bestückt. Aktuell haben wir diese an vier Standorten. Dasselbe wird auch in den anderen Wäldern, zum Beispiel des Freistaats, betrieben. Alle Standorte sind im Internet veröffentlicht. So können wir unsere eigenen besser kontrollieren, aber auch regelmäßig auf die Fallen in anderen Gebieten und deren Fallzahlen schauen. Damit wissen wir immer, wie hoch die Aktivität ist . Sollte eine kritische Anzahl überschritten werden, sind wir vorbereitet. Käfersuchtrupps markieren betroffene Bäume. Bei größeren Mengen rücken wir mit großen Maschinen an, um die betroffenen Hölzer möglichst schnell zu ernten. Wenn man feststellt, dass sich der Borkenkäfer eingebohrt hat, hat man in der Regel 6 Wochen Zeit, um den Baum aus dem Wald zu bringen, damit die neuen Jungkäfer nicht ausschwärmen. Wenn wir das gemacht haben, beginnt das Spiel von vorne. In manchen Waldgebieten machen wir 4 bis 5 Käfersuchaktionen zwischen April und November. Bei stärkerem Befall setzen wir Harvester Maschinen ein, damit wir schneller das Holz aufarbeiten und in die Sägewerke zur schnellen Weiterverarbeitung bringen können.


    Wie sieht der ideale Wald aus?

    Der ideale Wald sieht sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wo man sich befindet. Am Taubenberg im Trinkwasserschutzwald ist es eine Mischung aus Fichte, Buche, Tanne, also ein sogenannter Berg-Mischwald. Auf engem Raum stehen hier starke, weniger starke und ganz kleine Bäume mit unterschiedlicher Höhe und unterschiedlichen Durchmessern. Wenn alte Bäume geerntet werden, können so junge Bäume gleich wieder diesen Raum erobern. In diesen strukturreichen Mischwäldern ist es meiner Meinung nach aber auch wichtig, Totholz zu belassen. Das führt zu einer hohen Biodiversität, weil es Nahrungsgrundlage und Wohnraum und Habitatgrundlage für viele Käfer- und Pilzarten ist. Zusätzliche Biotopbäume schaffen so einen Wald, in dem Holzgewinnung und Naturschutz gleichzeitig betrieben werden können. In der Schotterebene sieht es etwas anders aus. Hier ist es nicht ganz so strukturiert,
    weil immer noch die Fichte dominiert. Ideal wäre die Eiche, weil sie mit Trockenheit besser zurechtkommt.

     

    Welche Rolle spielt die Jagd für die Forstwirtschaft?

    Die Jagd spielt bei der Waldbewirtschaftung eine sehr große Rolle. Wir sind bestrebt, gesunde Rehwildbestände im Wald zu haben. Wichtig ist, dass unsere jungen Bäume unbeschädigt hochwachsen und nicht durch Wildfraß beschädigt werden. Dafür brauchen wir ausgeglichene Rehwildpopulationen. Oft wird uns vorgeworfen, dass wir Rehe ausrotten wollen. Das passiert in keinem Fall. Ein gesunder Wald wirkt sich auch positiv auf das Wild aus und fördert letztlich auch wieder dessen Population.


    Was sollte Ihrer Meinung nach jeder über den Wald wissen?

    Die meisten Wälder bei uns sind kein wilder Wald, sondern eine jahrhundertealte Kulturlandschaft. Aus dieser wird der CO²-neutrale Rohstoff Holz gewonnen. Die Städtische Forstverwaltung arbeitet naturgemäß und bewirtschaftet naturnah. Also keine Kahlschläge, keine Insektizide und Ähnliches. So wird nachhaltig Holz gewonnen, aber auch der Naturschutzfunktion des Waldes genügend Raum gelassen. Der Wald ist schließlich nicht nur eine Freizeitkulisse, sondern auch Rohstoffquelle für die Holzwirtschaft, eine der größten Branchen in Deutschland. Wir als Forstverwaltung stehen gerade in einem massiven Spannungsfeld zwischen den Erholungssuchenden, der Nutzfunktion und äußeren Faktoren des Klimawandels, die auf den Wald einwirken.

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