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Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes


    Interview mit Kommunalreferent Axel Markwardt

    Der Bund Deutscher Forstleute, Landesverband Bayern (BDF), interviewt Axel Markwardt, Kommunalreferent und Leiter der Städtischen Forstverwaltung

    Ansprüche der Stadt

    BDF: Sehr geehrter Herr Markwardt, Sie haben auf der „Wald-vor-Wild“-Preisverleihung des ÖJV (Ökologischer Jagdverband) an die Stadt München eine vielbeachtete Rede gehalten. Können Sie uns kurz Ihren Forstbetrieb vorstellen und die wichtigsten Ansprüche der Stadt München an die Waldbewirtschaftung?

    Die Städtische Forstverwaltung ist zweitgrößter Kommunalwaldbesitzer in Bayern. Alle 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Forstleiter Jan Linder sehen sich in ihrer täglichen Arbeit gegenüber dem Gemeinwohl verpflichtet. Schließlich gilt es, den Forst als Bürgerwald zu erhalten. Im Ganzen gesehen handelt es sich bei den über 5.000 Hektar um keinen kleinen Wald. Er verteilt sich so: 2.400 Hektar Stadtwald, circa 1.800 Hektar Stadtwerkswald, rund 800 Hektar Stiftungswald Forst Kasten - der Rest sind Naherholungswald, Gutswald und Vorratsflächen für die städtische Grundstückspolitik. Dieser Waldbesitz befindet sich im Umkreis von 100 km der LHM und besteht aus sechs Revieren.

    Unsere Leitziele lauten: Gewährleisten der Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen des Waldes –
    und das auf höchstem ökologischen Standard. So erreichen wir auch die hohe Qualität und Attraktivität unseres Trinkwasserschutzwaldes am Taubenberg im Mangfalltal.

    Wirtschaftliche Ziele

    BDF: In den meisten öffentlichen Wäldern wird die Diskussion von der Ökonomie und dem Streben nach möglichst hohen Gewinnen beherrscht. Gilt dies auch für die Stadt München?

    Die Städtische Forstverwaltung macht im Jahr circa drei Millionen Euro Umsatz. Der jährliche Holzeinschlag beträgt rund 40.000 m³. Das klingt für den flüchtigen Betrachter nach Profitstreben. Der zweite Blick auf unsere Arbeit zeigt jedoch, dass dem nicht so ist. Denn unsere nicht immer einfache Aufgabe als Städtischer Forstbetrieb besteht darin, verschiedene und oftmals miteinander konkurrierende Funktionen zu gewährleisten und die Wälder der Stadt München fit für den Klimawandel zu machen.

    Alle bisherigen und der jetzige Betriebsleiter bewirtschaften seit fast 60 Jahren den kommunalen Waldbesitz naturgemäß. Nicht zu vergessen: der umsichtige Umgang mit dem Ökosystem Wald durch die Revierleiter vor Ort. So erreichen wir unsere wirtschaftlichen Ziele und bringen sie mit Ökologie nachhaltig in Einklang.

    Maßnahmen

    BDF: Mit welchen Maßnahmen versuchen Sie, diese Ziele zu erreichen?

    Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen: Die Natura 2000 zeichnet 28 Prozent im europäischen Schutzgebietsnetz aus. Für uns heißt das: 13 Flora-Fauna-Habitat-Gebiete sind als besonders schützenswert erfasst - davon 695 Hektar im Stadtwald und 731 Hektar im Stadtwerkswald.
    Seit Herbst 2001 erhalten wir immer wieder das Zertifikat für die erfolgreiche Sicherstellung der Naturland-, FSC- und PEFC-Waldbewirtschaftungsstandards für zertifizierte Forstbetriebe. Grund hierfür ist insbesondere unser angepasster Wildbestand. Zusätzlich wirtschaften wir mit standortheimischen Baumsorten. Unsere Holzernte läuft waldschonend ab. Darüber hinaus überlassen wir zehn Prozent der Flächen im Stadtwald komplett der Natur.

    Akzeptanz

    BDF: Trotz Ihrer anerkannt vorbildlichen Arbeit gab es z.B. im Mangfalltal öffentliche Diskussionen. Hat die Forstwirtschaft ein Akzeptanzproblem?

    Sie sprechen den Fall im Januar an. Zu diesem Zeitpunkt führte die Städtische Forstverwaltung München des Kommunalreferats im Waldgebiet zwischen Hohendilching und Grub, im Landkreis Miesbach, Holzerntemaßnahmen zum Aufbau, Erhalt und zur Förderung eines strukturreichen, gestuften Mischwaldes durch. Darum entnehmen wir alle fünf bis zehn Jahre einzelne Bäume, um den Zuwachs auf jüngere oder bessere Bäume zu lenken und die Wuchskraft aller verbleibenden Bäume zu fördern. Auch wenn bei dieser Maßnahme zum Teil große Bäume fallen müssen, kann von einem Kahlschlag, wie in diesem Fall von einigen Anwohnern befürchtet, nicht im Geringsten die Rede sein.

    Durch gezielte Entnahme von Altbäumen erhöhen wir vielmehr den Lichteinfall auf den Boden, so dass im aufgelockerten Schatten des Waldes die Jungpflanzen nachwachsen können. Schon jetzt zeigt das Ergebnis, dass unterschiedliche Baumarten nebeneinander gedeihen und für einen stabilen Mischwald sorgen.

    Die Waldarbeiter schlagen das Holz selbst ein – in manchen Situationen braucht es allerdings Holzerntemaschinen. Der Transport an die Forststraße erfolgt ausschließlich über markierte Rückegassen. Niederdruckbereifung und Bänder gewährleisten größtmögliche Bodenschonung.

    Damit bekennen wir uns klar und deutlich zu einer naturgemäßen nachhaltigen Waldbewirtschaftung und handeln nach dem Grundsatz, dass der mäßige und stetige Holzeinschlag der beste Garant für stabile Wälder ist.

    Strategie

    BDF: Wenn ja, welche Strategien haben Sie, um Ihre Waldbewirtschaftung der Bevölkerung nahezubringen?

    Ich sage nur eine Zahl: 5.000. Genau so viele Interessierte führte die Städtische Forstverwaltung pro Jahr durch den Wald. Das „Grüne Klassenzimmer“ soll den Stadtkindern den Wert des Waldes nahebringen. Das ist doch ein sehr anschauliches Beispiel, wie wir unsere Arbeit kommunizieren. Ein anderes wäre unser immer wiederkehrendes Waldfest – ein Anlass, bei dem wir nicht nur feiern, sondern auch informieren. Oder der jährliche Tag der Daseinsvorsorge der Stadt München – auch hier sind wir mit unserer Forstverwaltung vertreten. Natürlich setzen wir auch viele herkömmliche Instrumente der PR ein.

    Grundsatz Wald vor Wild

    BDF: Die Stadt München hat den Wald-vor-Wild-Preis erhalten. Wie setzt die Stadt München den Grundsatz Wald vor Wild um?

    Zum ersten Mal erwähnte der fürstbischöfliche Forstinspektor und Staatsrevierförster in Würzburg Carl Emil Diezel 1848 den Wildverbiss. Seit diesem Zeitpunkt streiten sich die zwei verschiedenen Lager. Trotzdem stoßen wir insgesamt auf große Akzeptanz für unsere Arbeit.

    Die rund 5.000 Hektar untergliedern sich in 17 Eigenjagden mit Regiejagd für Rehwild. Der Rest gehört zu Gemeinschaftsjagdbezirken. Insgesamt erlegen wir pro Jahr circa 400 bis 450 Rehe.

    Anfang 2012 fasste der Münchner Stadtrat den Beschluss zur Umwandlung der Eigenjagdreviere in Regiejagden. So soll die Städtische Forstverwaltung die Jagdausübung im Sinne einer nachhaltigen Ressourcennutzung unter Beachtung waldbaulicher Grundsätze und Ziele vorbildlich durchführen beziehungsweise durchführen lassen.

    Wir verstehen Jagdmanagement als wichtigen Teil des Waldbaus, der die Bodenfruchtbarkeit erhöht und der mangelnden Mischung von Flora und dem Strukturverlust entgegenwirkt (höhere Biodiversität).

    Zum Einsatz kommen bei uns alle gesetzlich zulässigen Jagdmethoden: 50 Prozent Ansitzjagd, 30 Prozent Drückjagd, 20 Prozent Kirrjagd. Daneben gibt es auch noch Guts- und Feldjagden. Wofür wir viel Lob ernten, gefällt dem einen oder anderen Jäger nicht. Dennoch versuchen wir immer wieder für unsere Arbeit zu werben. Schließlich brauchen wir revierlose Jäger zur Jagd. Alleine mit den Beschäftigten der Forstverwaltung wäre der in der Bayerischen Verfassung verankerte Ansatz „Wald vor Wild“ nicht machbar. Denn ihre originäre Aufgabe ist das effektive und effiziente Jagdmanagement.

    Zusätzlich zu den gesetzlichen Vorgaben führen wir ein eigenes jährliches Traktverfahren unter dem Motto "Der Wald zeigt, ob die Jagd stimmt" durch. So können wir mit unseren eigenen Werten und den Aussagen des dreijährigen staatlichen Vegetationsgutachtens belegen, dass 90 Prozent der Trakte und Vegetationaufnahmepunkte einen geringeren Verbiss als zehn Prozent - viele sogar unter fünf Prozent – aufweisen.

    Unser Ziel lautet darum: hohe Streckenzahlen und geringe Verbissbelastung. Das wäre ohne das außerordentlich hohe Engagement der Pirschbezirkler und der Revierleiter nicht möglich. Viel Geduld und nötiges Sitzfleisch war besonders bei ihnen in den letzten Jahren deswegen nötig. Dennoch sind wir der Meinung, dass die Jagd sich als waldbauliches Instrument dem forstlichen Handeln unterordnen muss. Also das Bewahren oder Herstellen eines standortgemäßen und möglichst naturnahen Zustandes des Waldes unter Berücksichtigung des Grundsatzes "Wald vor Wild". Das heißt ein konsequentes Ausrichten des artenreichen und gesunden Wildbestandes am Zustand der Waldverjüngung. Nicht zu vergessen, dass wir auf die Belange der Erholungssuchenden bei der Jagdausübung Rücksicht nehmen.

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