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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Top View 29.53 ft.


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Nevin Aladağ / Beate Engl

Installation für den öffentlichen Raum von 14. bis 23. September 2012.

Manche Leute können eine Stadt mit geschlossenen Augen erkennen. Die Geräusche der vorbeifahrenden Autos, das Stimmengewirr der Menschen, der Rhythmus ihrer Schritte auf dem Asphalt. „Jede Stadt hat eine eigene musikalische Sprache“, behauptet Nevin Aladağ.

Und wie klingt München? Welchen Rhythmus haben die Menschen in der bayerischen Landeshauptstadt? Wie kann man die Bürgerinnen und Bürger in ein partizipatorisches Projekt im öffentlichen Raum einbinden? Wie kann das urbane Gefüge einer Stadt durch akustische und räumliche Veränderung eine Umdeutung erfahren?

Diese Fragen versuchte Aladağ gemeinsam mit der in München lebenden Künstlerin Beate Engl zu ergründen. Beate Engl bezieht sich in ihrer künstlerischen Arbeit häufig auf politisches Propagandamaterial, wie Rednertribünen, Megaphone oder rote Fahnen, das sie umcodiert. Für München entwickelten Nevin Aladağ und Beate Engl das multimediale Projekt Top View 29.53 ft. für den öffentlichen Raum, das sowohl partizipatorische Elemente als auch eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Ort beinhaltete. Inspiriert von überdimensionalen Werbetafeln, wie man sie häufig an Ausfallstraßen und auf den Dächern von Häusern in internationalen Metropolen findet, entwarf Engl ein etwa neun Meter hohes Gerüst für ein Display, auf dem eine Videoarbeit von Nevin Aladağ zu sehen war. Die Form des Gerüsts ergab sich nicht allein aus den technischen oder ortsbezogenen Bedingungen, sondern behauptete sich als autonome Skulptur im Stadtraum. Einige Gerüstteile wurden nicht funktional verwendet, sondern ragten als chaotische Elemente aus der sonst kompakten Form heraus. Das bewusst improvisierte Erscheinungsbild der temporären Konstruktion weckte nicht nur Erinnerungen an überforderte Baumeister, sondern auch an das Scheitern von utopischen Architekturprojekten.

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Für das Video hatte Nevin Aladağ Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlecht, unterschiedlicher Ethnizität und Gesellschaftsschicht in der Münchner Innenstadt angesprochen und sie gebeten, einige Tanzschritte vor der Kamera vorzuführen. Obwohl die Menschen im Film anonym blieben und man von ihnen nicht viel mehr als die Schuhe und die Bewegung der Füße sah, verrieten sie doch sehr viel über ihre Identität. Etwa 50 Filmsequenzen komponierte Aladağ zu einem Loop, dessen Sound sich aus dem Klappern der Absätze und den schlürfenden Sohlen auf dem jeweiligen Plattenbelag von Münchner Gehwegen und Plätzen zusammensetzte.

Der Film wurde projiziert auf einem LED-Display, wie sie gewöhnlich in der Werbung im öffentlichen Raum verwendet werden. Der Titel der Arbeit „Top View 29.53 ft.“ bezog sich auf die reale Höhe des Gerüsts, beinhaltete mit der englischen Maßeinheit aber auch eine Anspielung auf die Füße, die auf dem Display zu sehen waren.

Als Aufstellungsort für ihr multimediales Projekt wählten die Künstlerinnen bewusst den Rindermarkt, der mit seinem terrassenförmig gestalteten Brunnen eine Art Tribünensituation vorgibt. „Wir suchten einen Ort, der eine urbane Struktur, aber auch eine Verweilqualität hat“, erklärte Engl. An diesem belebten Platz verdichtete sich der Rhythmus der Tanzenden mit den realen Geräuschen der Stadt zu einem sommerlichen Klangteppich.

Fotos: Leonie Felle (Außenaufnahmen, Portraits), Nevin Aladağ (Videostills), Beate Engl (Gerüst)

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Rindermarkt