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Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Frequenzen – akustische Dimensionen der Stadt


Rote Linien, die an Klangfrequenzen erinnern und das Bild einer auf den Kopf gedrehten Silhouette der Münchner Skyline ergeben.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Temporäre akustische Kunstprojekte im öffentlichen Raum von Mai bis Oktober 2019

Wie hören sich Münchens Straßen und Plätze an? Wie klingt die Stadt? Auf welchen Frequenzen sendet sie, welche Schwingungen sind wahrnehmbar?
Neben dem sichtbaren öffentlichen Raum gibt es vielfältigste unsichtbare Räume des Hörbaren.

Acht Münchner Künstlerinnen und Künstler hatten den Wettbewerb „Frequenzen“ des Kulturreferates der Landeshauptstadt München gewonnen und zeigten in ihren temporären Arbeiten die große Bandbreite der klanglichen Dimensionen im öffentlichen Raum.

Ihre prämierten Kunstprojekte waren von Mai bis Oktober 2019 dem Sound der Stadt auf der Spur. Als Installation, skulpturale Intervention, Performance, Augmented Reality oder als partizipatives Konzept.

Eine Einladung, München neu und unerwartet anders wahrzunehmen – sinnlich, musikalisch, verwirrend, ungewöhnlich, bombastisch – und sehr poetisch.

Foto der roten Haustür eines offensichtlichen älteren Hauses. Im Vordergrund sind große Mengen an Gestrüpp zu sehen.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Emanuel Mooner

Emanuel Mooner: „Songs Of The Siren. Part I - House of Good Memories“

Akustisches Environment, begehbare Skulptur
Ort: Zehetmeierstr. 2, U6 Freimann oder U6 Studentenstadt, Bus 181 Sondermeierstraße
Zeitraum: 9. bis 20. Mai 2019, täglich 15 bis 19 Uhr

Hinterlässt der Mensch an einem Ort persönliche Emotionen? Sind diese wahrnehmbar, messbar, übertragbar, abrufbar?
„Songs Of The Siren“ untersuchte verwaiste Orte und deren oft schwierige Geschichte in einem interaktiven Projekt. Emanuel Mooner verfremdete leer stehende Räume akustisch und setzte sie neu zusammen.
Die Besucherinnen und Besucher erkundeten Stück für Stück verlassene Plätze, die teilweise seit Jahren in einen Dornröschenschlaf gefallen waren. Die Reduktion auf die auditive Wahrnehmung ließ die Teilnehmenden dieser begehbaren Skulptur, Töne, Assoziationen und Stimmungen neu erleben.

Der leere Starnberger Fügelbahnhof, durch den eine einzelne Person geht, die in dem großen Gebäude etwas verloren wirkt.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Sofia Dona

Sofia Dona: „Applaus“

Eine Ortsspezifische Klanginstallation
Ort: Hauptbahnhof München / Starnberger Flügelbahnhof
Zeitraum: 11. Mai bis 11. Juni 2019, 7 bis 23 Uhr

Die Klanginstallation „Applaus“ erinnerte an den Starnberger Flügelbahnhof in München als Willkommens-Ort – 1989 für die DDR-Bürgerinnen und -Bürger nach dem Mauerfall und 2015 bei der Ankunft von Geflüchteten des Syrienkriegs. Das Kunstprojekt lenkte den Fokus auf den damaligen Applaus. Vor dem Hintergrund des politischen Klimas 2019 und Erstarkens des Rechtsradikalismus stellte Sofia Dona mit ihrer akustischen Erinnerung die Frage: Wie können wir diesen Applaus heute wahrnehmen? Was löst er jetzt in uns aus? Die Soundinstallation lud am historischen Ort dazu ein, das Willkommenheißen von 2015 nochmals zu erfahren – im Moment der baulichen Transformation des Münchner Hauptbahnhofs.

Vier Holzobjekte im Olympiapark, die dazu dienen, Schallwellen zu bündeln  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Kulturreferat

Franziska Agrawal: „Nature Unplugged“

Eine akustische Architektur, experimentelle Installation
Ort: Wiese zwischen Olympiaberg, Olympia-Alm & Schuttblume im südlichen Olympiapark
Zeitraum: 1. Juni bis 29. August 2019

Der Klang der Natur entspannt uns laut Naturpsychologen nicht nur, sondern fördert nachweislich eine bessere körperliche und psychische Gesundheit für Menschen in der Stadt. „Nature Unplugged“ fing die klanglichen Dimensionen der Natur in der Stadt ein, und lud so als „soundcatcher“ zum Sitzen und Entspannen ein. Die strukturell geometrische Formgebung erhöhte die Akustik der umgebenden Natur. So bot der „Naturverstärker“ nicht nur die Möglichkeit, sich einer andauernden städtischen Geräuschkulisse zu entziehen, sondern auch die akustische Wahrnehmung zu schärfen und „Stille“ wieder zu hören.

Ort zum Zuhören und den Soundtrack Münchens auf sich wirken zu lassen"

Alt anmutender Lebensmittelladen mit allerlei herumstenden Gerümpel   Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Emanuel Mooner

Emanuel Mooner: „Songs Of The Siren. Part II - White Noise: Musique Nonstop“

Akustisches Environment, begehbare Skulptur
Ort: Tegernseer Landstraße 155, 80539 München
Zeitraum: 28. Juni bis 12. Juli 2019, täglich 15 bis 19 Uhr

Emanuel Mooner arbeitete mit der Atmosphäre eines leer stehenden Lebensmittelladens an der Tegernseer Landstraße, in dem einst die Arbeiterinnen und Arbeiter des Agfa-Camerawerks Verpflegung für die Schicht gekauft hatten. Seit etwa 1990 hatte keine Kundschaft mehr das Geschäft betreten - eine Stadtautobahn war vor der Ladentür entstanden, der Mittlere Ring wurde siebenspurig ausgebaut, das Agfawerk 2007 gesprengt.

Das Ende der Tegernseer Landstraße ist eine der lautesten Gegenden der Stadt, mit Feinstaub und Autolärm belastet. Doch der vermeintliche Unort barg in sich eine intakte Welt, einen in der Zeit gefrorenen Mikrokosmos. Mit akustischen Mitteln schaffte der Künstler Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Verfall und Neubeginn.

Virtuelle 3D-Skulptur im öffentlichen Raum, die einem Turm aus Bauklötzen ähnelt, der aufgrund seiner Statik in sich zusammenfallen würde.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Barbara Herold

Barbara Herold: „Stack Overflow“

Augmented Reality Installation
Ort: Forum, Münchner Freiheit
Zeitraum: 5. Juli 2019 bis 2021

Brutalismus auf dem Smartphone. „Stack Overflow“ ist eine interaktive Augmented Reality (AR) Installation für die Münchner Freiheit. Die Realität des Forums an der Münchner Freiheit wird dabei um virtuelle Elemente erweitert. In einem ersten Schritt wurde das Forum in seine akustischen und architektonischen Fragmente zerlegt, danach regelmäßig von immer wieder neu sortierten 3D Skulpturen virtuell bombardiert. Die App ist bis 2021 im  App Store und auf Google Play verfügbar. Alle Informationen unter www.stackoverflow-ar.de.

Beteiligte

Kim Ramona Ranalter: Sounddesign / Komposition
Frank Groh: App Development
Simon Kummer: Sound Mastering

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© Mathis Nitschke

Mathis Nitschke: „Isolde“

Operninstallation von Mathis Nitschke
Ort: Eingang der Kunsthalle München, Theatinerstraße 8
Dauer: 8. bis 12. Juli 2019, täglich 18 und 19 Uhr

Inmitten lustvoll shoppender Menschen tauchte eine Obdachlose auf. In der Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz verklärte sie alles Gewöhnliche zu Kunst. Geräusche aus ihrer Erinnerung fügten sich ein in eine Orchestrierung des urbanen Klangraums. Alles, was sie hörte, wurde zu einem weltumfassenden Gesang, in dem sie wie Wagners Isolde Erlösung durch Tod fand und Wiederauferstehung in der Liebe.

Beteiligte

Thomas Jonigk: Libretto
Martina Koppelstetter: Isolde
Klaus-Peter Werani: Bratsche
Katharina Dobner: Kostüm

Badezimmer  aus den 1970er Jahren mit zwei grünen Waschbecken, Spiegeln und grünen Kacheln an der Wand  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Emanuel Mooner

Emanuel Mooner: „Songs Of The Siren. Part III - Farewell Song“

Akustisches Environment, begehbare Skulptur
Ort: Graudenzer Straße 11, 81927 München
Zeitraum: 19. Juli bis 2. August 2019, täglich 15 bis 19 Uhr

Ein alter Apfelbaum stand im Garten eines verlassenen Grundstücks. Die Äpfel waren reif, doch es war niemand da, der sie aß. Das Haus war leergeräumt, es stand vor dem Abriss. Drinnen piepten die Rauchmelder vor sich hin. Die Rinde, Früchte und Blätter des Apfelbaumes wurden mittels eines Frequenzwandlers in MIDI-Daten (und somit Klänge) umgewandelt, womit der Baum ein letztes Lied singen konnte, bevor er gefällt werden sollte. Deutschlands erste Solar-Akku betriebene Kunstausstellung.

Gebrauchte, verbeulte Verkehrsschilder, die im Unrat vor einem Berg Pflastersteinen liegen  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Thomas Glatz

Thomas Glatz und Martin Krejci: „Motorenwelt 2020“

Eine experimentelle Lesung und Konzert im öffentlichen Raum
Ort: Taxistand am Candidplatz, 81543 München
Zeitpunkt: 12. September 2019, 17 bis 18 Uhr

An einem stark befahrenen Ort im Münchner Stadtraum fand die Performance „Motorenwelt 2020“ statt: Thomas Glatz und Martin Krejci stellten sich jeweils auf die gegenüberliegende Straßenseite und lasen sich, verstärkt durch Megaphone, ausgewählte Leserbriefe einer bekannten Automobilzeitschrift vor. Der permanente Straßenlärm zwischen den Künstlern und dem Publikum behinderte die Aufführung, der auf- und abschwellende Lärm der Straße wurde Bestandteil der Performance. Die Lesung ging nahtlos in ein elektronisches Noise-Konzert der Künstler Anton Kaun und Daniel Door über, das mit Teilen der Lesung eine Art Live-Hörspiel ergab. Schöner kann man den nahenden Verkehrskollaps nicht kommentieren.

Zwei Personen in einem düsteren Kellerraum mit Messgeräten und einem Notebook, auf dessen Display Schallwellen zu sehen sind.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.

Agnes Jänsch und Cornelia Böhm: „Walk on a deeper ceiling“

Sechs geführte, live performte Soundwalks
Ort: Königsplatz
Zeitraum: 25. und 29. September, 2. und 5. Oktober 2019

Der Münchner Stadtraum ist von zahlreichen unterirdischen Räumen durchzogen. Das Projekt „Walk on a deeper ceiling“ machte unsichtbare Architekturen akustisch wahrnehmbar.

Es transformierte die unterirdischen Gänge und Luftschutzanlagen am Rande des Königsplatzes in Klänge und setzte sich dabei auf künstlerische Weise mit einem wichtigen Erinnerungsort im Zentrum Münchens auseinander. Dazu bedienten sich die Künstlerinnen Cornelia Böhm und Agnes Jänsch der Methode der Sonifikation – der Umsetzung von Messdaten in Töne. Das daraus entstehende Material diente dem Komponisten Henrik Ajax als Grundlage für eine experimentelle Komposition, die bei den Live-Soundwalks zu hören war.

Schwarzweißfoto einer hochbetagten Dame, die in einem Park im Rollstuhl sitzend in Richtung Kamera winkt.  Link öffnet eine vergrößerte Darstellung des Bildes.
© Reiner Leist / VG Bildkunst Bonn 2019

Julia Wahren: „Schluss.Ton“

Klang-Bild-Komposition
Ort: Außenwand des Münchner Stadtmuseums, Sebastiansplatz
Zeitraum: 20. bis 27. Oktober 2019, täglich 17 bis 19:30 Uhr

Wie klingt der letzte Lebensabschnitt eines Menschen? Oft verschwinden diese Klänge hinter geschlossenen Türen. Die Künstlerin Julia Wahren verschaffte der Welt des Alters Gehör. Sie traf alte Menschen, hörte zu, sammelte Erzählungen und Geräusche, Geschirrklappern, tickende Tischtennisbälle, alte Lieder, schaffte daraus die Tonspur, verdichtete sie mit assoziativer Musik des Posaunisten Christofer Varner. Die Projektionen des New Yorker Fotografen Reiner Leist waren das visuelle Pendant zum Klang. Ton und Bild erreichten die Passanten im Wortsinn „beiläufig“, blieben als künstlerische Aussage jedoch nachhaltig im Gedächtnis haften.

Beteiligte

Julia Wahren: Konzept, Komposition, Regie
Reiner Leist: Fotografie
Christofer Varner: Posaune
Paolo Mariangeli: Tonaufnahme, Schnitt, Klangregie
Barbara Dolainsky: Schnitt, Postproduktion