Top
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Förderpreise 2016 der Landeshauptstadt München


Für Bildende Kunst, Architektur, Design, Fotografie und Schmuck

Die jeweils mit 6.000 Euro dotierten Förderpreise werden vergeben an in München arbeitende und lebende Künstlerinnen, Künstler und Gestalterinnen und Gestalter als Auszeichnung für herausragende Leistungen in den Bereichen Bildende Kunst (zwei Preise), Architektur, Design, Fotografie und Schmuck. Beurteilt wird das gesamte bisherige Schaffen.

Auf Basis einer Juryempfehlung hat die Vollversammlung des Stadtrates am 28.04.2016 über die Preisvergabe entschieden. Die Jury begründete ihr Votum wie folgt:

Förderpreise 2016 für Bildenden Kunst

Ruth Höflich

Ruth Höflich produziert weit mehr als das, was als ihre eigene „künstlerische Arbeit“ erkennbar ist. Zu ihren Arbeiten gehören Videos, Siebdrucke, Fotografien, Publikationen oder Installationen; zum Beispiel die, die in der Förderpreis-Ausstellung in der Lothringer 13 zu sehen ist. Diese neue Zweikanalvideo-Installation steht in enger Beziehung zu Ruth Höflichs kontinuierlichem Interesse an Sprache, Semiotik, archivarischen Themen und der Auseinandersetzung mit der überwältigenden Bilderflut, wie sie im Internet kursiert.

Es fällt sofort ins Auge, das Ruth Höflichs Arbeit in Hinblick auf Ästhetik, Inhalt und künstlerische Prozesse höchst zeitgemäß ist. Ebenso augenscheinlich ist die hohe Bildauflösung ihrer Arbeiten – typisch für viele heutige Videos – und doch gründet sich Ruth Höflichs Herangehensweise auf ihr enormes literarisches Wissen. Ihr technisches Können als Videoredakteurin oder Druckherstellerin ist ebenso offenkundig wie ihre Sensibilität für das Material: Sie arbeitet mit hoch aufgelöstem Videomaterial und nutzt gleichzeitig die traditionellen Prozesse mechanischer Reproduktion in Serigraphie oder Siebdruck.

In einem erweiterten Feld ist Ruth Höflich auch als eine Künstlerin tätig, die kollaborativ mit anderen zusammenarbeitet – so entwickelt sie Events, Veröffentlichungen und Performances im Kontext des Kunstraums Lothringer13_Florida, unterrichtet Drucktechniken in der Werkstatt Höflich, und vieles mehr. Ruth Höflich agiert dabei zugleich „lokal“ wie „international“. Sie ist in München geboren, hat in London studiert, kehrte zurück nach München und studiert weiter in regelmäßigen Zeiträumen am Bard College in New York. Obwohl sie intensiv in die Münchner Kunstszene involviert ist, ist sie gleichzeitig eine zunehmend internationale Künstlerin. Mit der Verleihung des Förderpreises soll ihrem Werk nachdrücklich die höchst verdiente Beachtung zukommen.

Veronika Veit

Mit Veronika Veit als Preisträgerin hat sich die Jury für eine nicht nur in München bereits deutlich sichtbar gewordene Künstlerin entschieden. Seit dem Ende ihres Studiums an der Kunstakademie war sie an zahlreichen Ausstellungsprojekten im In- und Ausland beteiligt. Souverän arbeitet sie in unterschiedlichen künstlerischen Gattungen wie der Fotografie, der Skulptur oder der Installation und dem Video, die sie geschickt miteinander zu verknüpfen weiß.

In der Ausstellung in der Lothringer 13 überzeugte Veit die Jury mit ihrer Videoinstallation „Bessere Zeiten“ (2015), die Endzeitstimmung weckt. In einem von außen einsehbaren, mit Sesseln und Tischen eingerichteten Bauwagen zeigt sie das Video von zwei Männern, die sich in einem Kontrollraum verschanzen. In einen absurden Dialog verstrickt, haben sie den Kontakt zu der Außenwelt längst verloren. Veit spielt mit der Installation auf die Verunsicherung und irrationalen Ängste vieler Menschen vor Katastrophen an, schafft aber auch gleichzeitig für den Außenstehenden eine Situation des Unbehagens, die nicht zuletzt eine kritische Reflexion zur eigenen Haltung gegenüber aktuell relevanter gesellschaftlicher Motive anstößt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Auszeichnungen ist der Förderpreis der Landeshauptstadt München nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Die Jury würdigt damit nicht nur die aktuelle Präsentation von Veronika Veit, sondern auch ihre bisher überzeugende künstlerische Leistung.

Förderpreis für Architektur 2016

Sebastian Kofink & Simon Jüttner

Seit zwei Jahren arbeiten die Architekten Sebastian Kofink und Simon Jüttner zusammen. Simon Jüttner beschäftigt sich zudem in eigenen Fotoprojekten mit Architektur und der Stadt. Beide unterrichten an Hochschulen. So gibt es eine Ergänzung aus anderen Zusammenhängen, die die Arbeit des Büros sichtbar bereichert.

Zu ihren eigenen Architektur-Projekten gehören Umbauten, freistehende Privathäuser, Ausstellungskonzepte und ausgesuchte, großmaßstäbliche Wettbewerbe. Viele der bereits realisierten Projekte sind selbst initiiert, und die Architekten bauen zum Teil unmittelbar mit. Dieses Interesse am Gebauten, das Erdachte zu sehen und in die Welt zu bringen, ist eine besondere Qualität ihrer Arbeit. Die Aufgabenstellungen werden sehr präzise in Gebäude übersetzt, oft mit deutlich weniger Aufwand als vom Auftraggeber erwartet. Die Potentiale der jeweiligen Aufgabe untersucht das Büro genau. So hat jedes der gezeigten Projekte eine Erweiterung der Aufgabe erfahren, sei es die Nutzungsvielfalt, räumliche Besonderheiten oder die Konstruktion.

Der Kontext der Projekte spielt eine große Rolle bei der Entwicklung ihrer Architektur, die dieses Bezugsfeld wiederum interpretiert. So wäre der nächste Schritt, dass das Team auch im städtischen Kontext tätig werden kann, sehr wünschenswert. Mit dem Förderpreis für Architektur werden damit zwei Architekten ausgezeichnet, die keinen Stil, keine Gewohnheiten anbieten, sondern Methoden, eigene Sichtweisen und große Begabung.

Förderpreis für Design 2016

Philipp Weber

Philipp Weber gehört zu einer jungen Generation von Designern, die mit selbst initiierten Projekten gängige Herangehensweisen und Praktiken hinterfragen. In seiner Arbeit experimentiert er mit Produktionsprozessen, Formen und Materialien.

Der Überzeugung folgend, dass in einer zunehmend digitalisierten Welt das Verständnis und die Wertschätzung für ursprüngliche Produktionsprozesse verloren gehen, verhilft er diesen mit seinen Projekten zu neuer Aufmerksamkeit. So entwickelt er beispielsweise – inspiriert von einem Blasinstrument – ein neuartiges Werkzeug zur Herstellung von Glas. Im Gegensatz zur klassischen Technik kann seine „Glasmacher-Trompete“ im Produktionsprozess gleichzeitig mehrere Hohlräume in einem Glasobjekt erzeugen. Oder er experimentiert mit dem Material Kokskohle, das als Zwischenprodukt in der Stahlherstellung dient. Sein Ziel ist es, diesem Material eine eigene Identität zu geben. Dazu entwickelt er zur Herstellung von neuartigen, aus Koks gefertigten Objekten einen eigenen Brennofen.

In seiner Beschäftigung mit traditionellen (Handwerks-)Techniken greift Philipp Weber altes Wissen auf, holt dieses in die Gegenwart und transformiert es für die Zukunft. Seine Arbeit gleicht einer Forschungsreise, an dessen Ende überraschende und poetische Objekte stehen, die nicht nur neugierig machen, sondern auch ästhetisch überzeugen. Mit seiner Herangehensweise überschreitet er die Grenzen des klassischen (Industrie-)Designs und trägt so zur Erweiterung einer Disziplin bei, die im 21. Jahrhundert nicht mehr länger nur als Dienstleister einer Konsumindustrie zu verstehen ist, sondern als disziplinübergreifendes Experimentierfeld zwischen Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft.

Förderpreis für Fotografie 2016

Florian Huth

Florian Huth (*1980) ist klassisch ausgebildeter Fotograf. Seinen Ansatz erweitert er durch eine künstlerisch konzeptuelle Herangehensweise. Grundsätzlich macht er seine Aufnahmen nicht als Reportage- oder journalistischer Fotograf, sondern als ein Beobachter und Kritiker der sozio-kulturellen und politischen Verhältnisse unserer Gegenwart. Exemplarisch steht dafür seine Fotoserie „G7“, die 2015 während des G7-Gipfels in Elmau entstanden ist, aus der er bei der Ausstellung der Förderpreise 2016 eine Auswahl präsentiert.
Huth konnte sich trotz der strengen Sicherheitsbedingungen in nächste Nähe des Geschehens begeben und Situationen festhalten, die zum einen die groß angelegte Aktion des Gipfeltreffens zeigen, zum anderen die Absurdität der getroffenen Sicherheits- und „Schönheitsvorkehrungen“.

Huth arbeitet ausschließlich analog und legt große Sorgfalt auf die handwerkliche Herangehensweise an die Fotografie. Zu seinen Fotografien entstehen parallel immer auch Publikationen, die seine Serien in einem weiteren Medium zusammenfassen.
Florian Huth überzeugte die Jury durch seine inhaltliche und formale Beschäftigung mit der Fotografie als eigenständige künstlerische Gattung. Der Förderpreis soll das noch junge, aber bereits aussagekräftige Schaffen des Fotografen auszeichnen und die weitere Entwicklung seines Werkes unterstützen.

Förderpreis für Schmuck 2016

Yutaka Minegishi

Yutaka Minegishis Arbeiten sind explizit als Schmuck zu verstehen. Innerhalb dieser Kunstform konzentriert er sich fast ausschließlich auf Ringe – noch spezifischer ist es der Ring als eine komplette, integrierte Gesamtform. In der Gattung Schmuck hat der Ring den intensivsten Körperbezug, denn im Gegensatz zur Brosche, der Kette oder dem Ohrschmuck, ist er nicht nur für den Betrachter, sondern auch für den Träger zum Anschauen gedacht. Innerhalb dieser bewusst so eng gewählten Rahmenbedingungen beginnen die Ringe von Yutaka Minegishi ihre Geschichten zu erzählen.

Bemerkenswert ist seine Herangehensweise: Blöcke von einfarbigen, harten, zähen Materialien – die von Mammutelfenbein bis zu Stein reichen – verwandeln sich in seiner Bearbeitung in ungewöhnlich weiche, mollige oder sogar sahnig erscheinende Formen. So verbinden Minegishis Stücke einen faszinierenden Widerspruch in sich. Minegishis Materialien selbst legen den Grund für die spätere Form. Sie sind häufig bewusst und intensiv ausgesucht und kommen von weit her, aus Russland oder Neuseeland. Sie können aber auch Zufallsgeschenke sein, wie etwa eine Bowlingkugel, aus der eine Serie von Ringen entsteht, deren Form durch die Farbe ihres Holz inspiriert ist.

Die erste spontane, leichtfüßige Idee wird von Minegishi in einem langwierigen Prozess der Bearbeitung wie in slow-motion aus dem ausgesuchten, widerständigen Material herausgearbeitet. Dies mit hoher Aufmerksamkeit für die Präzision von Linien und Volumen und dem Bewusstsein, dass diese bei einem falschen Handgriff für immer verloren wären und das Stück verdorben ist. Seine geschwungenen, geometrischen, zum Teil extrem weich anmutenden Ring-Objekte lassen einen Mund entdecken, eine Nase, eine Sahnehaube, ein Gesäß oder einen kleinen Kothaufen – Urmotive des Lebendigen. Minegishis Schmuck ist überraschend, frech, subversiv und humorvoll. Und nicht zuletzt ist er eine Beschreibung für den Menschen Yutaka Minegishi selbst.

Nominiert für die Förderpreise 2016 waren

Bildende Kunst: Justin Almquist, Ruth Höflich, Agnes Jänsch Justin Lieberman Tunay Önder, Clea Stracke & Verena Seibt, Veronika Veit

Architektur: Benedict Esche / Roman Dietzig & Anne Wernicke / Agnes Förster / Alexander Fthenakis & Rolf Berninger / Sebastian Kofink & Simon Jüttner / Vanessa Philipp, Philipp Reichelt, Werner Schührer, Andy Westner, Christan Zöhrer

Design: Nigin Beck, Federico Lameri, Ana Relvao, Charlotte Talbot, Philipp Weber

Fotografie: Julian Baumann, Florian Huth, Asja Schubert, Frank Stürmer, Robert Voit, Matthias Ziegler

Schmuck: Attai Chen, Doerthe Fuchs, Daniel Michel, Yutaka Minegishi, Martin Papcún, Gisbert Stach