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Stipendien für Bildende Kunst - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2016


Jurybegründungen der Stipendien

Ben Goossens

Ben Goossens inszeniert in dem von ihm geplanten Projekt einer Video-Sound-Installation fantasti­sche Räume mit formal einfachen Mitteln. Der Betrachter steht einer endlosen Kamerafahrt durch einen tunnelartigen Raum gegenüber. Durch die Soundebene der Arbeit wird der Eindruck des Ein­dringens in den Raum verstärkt, und zugleich übersteigt die Seherfahrung die eigenen körperli­chen Dimensionen. Als berühmtes Vorbild für dieses Phänomen könnte man den Raum/Zeit-Flug in Kubricks "2001 – Odyssee im Weltraum" erinnern. Bei Goossens sind es im Zeitalter der Digitali­sierung jedoch keine elektronisch manipulierten Bilder, er arbeitet ausschließlich mit analog herge­stellten Effekten.

In seinen Projekten nutzt und reflektiert Goossens souverän die charakteristischen Eigenschaften des Mediums Video: Licht und Schatten, Raumillusion und Bewegung, Schärfe und Unschärfe. Es entsteht eine epische Erzählung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, die abwechslungs­reich und gleichzeitig konzentriert mit der Wahrnehmung spielt. Der erhebliche Aufwand bei der Er­stellung der Arbeit wird durch das Ergebnis bei weitem gerechtfertigt, weil das Werk mit den ent­stehenden Bildern erfolgreich aus Medienklischees ausbricht und für die Betrachter ein spannen­des visuelles Experiment erfahrbar macht.


Lukas Kindermann

Die Arbeit „Block Island“ von Lukas Kindermann gehört zu einer Gruppe von Werken des Künst­lers, in denen er sich mit den Möglichkeiten der Darstellung von Natur auseinandersetzt, indem er aktuelle technische Verfahren einbezieht. Das von der Jury zur Auszeichnung vorgeschlagene Pro­jekt sieht vor, eine exakte Kopie eines Mars-Meteoriten im Maßstab 1:1 anzufertigen und ihn als plastisches Objekt auszustellen. Grundlage der Produktion sind die digitalen Daten in Form eines vollständigen Scans des Meteoriten, die während einer Mars-Mission der NASA erstellt wurden und dem Künstler zur Verfügung stehen. Der Transfer einer natürlichen Form, über 50 Millionen Ki­lometer hinweg, durch deren Entmaterialisierung mittels Digitalisierung, der Neuerstellung im 3D-Druck-Verfahren und einem anschließenden Gießprozess wirft nicht nur Fragen nach dem Verhält­nis von Abbild und Gegenstand auf, sondern auch nach der Erfahrbarkeit von etwas Abwesendem, dessen Aura, als ungreifbar Entferntes, auch im künstlerischen Objekt der technischen Duplikation spürbar bleibt.


Keiyona Constanze Stumpf

Keiyona Constanze Stumpfs skulpturale Arbeiten thematisieren natürliche Prozesse des Wach­sens und Vergehens. Ordnung und Chaos als Ursprungsprinzip allen Lebens sind sowohl inhaltli­cher wie auch formaler Ausgangspunkt in dem umfangreichen Werk der jungen Künstlerin. In Aus­einandersetzung mit den Formprinzipien der Natur und den Themenkomplexen Schönheit, Sym­metrie und Ornamentik kreiert sie barock anmutende Objekte und Installationen, die oft über­dimensional über die Ausstellungswand hinweg und in den Raum hinein wuchern.

Die mit unterschiedlichsten Materialien, wie Plastikfolien, Gips oder Papier gekonnt arbeiten­de Künstlerin fokussiert sich in den letzten Jahren auf den Werkstoff Keramik bzw. Porzellan, der ihren zunehmend filigraner und kleinteiliger werdenden Wandobjekten entspricht. In ihrer Ornamentik und Formensprache dem verspielten Stil des Rokoko zugewandt, entwickeln ihre Werke eben darin eine spannungsvolle Ambivalenz zu ihren inhaltlichen, körperlichen Motiven.

Ihr Projektvorschlag ’mutations’ umfasst die Realisierung von voraussichtlich sechs reliefarti­gen Wandobjekten aus zart glasiertem Porzellan. Objekte, die in ihrer Ausgangsform an übergroße Schmuckamulette oder Rocaillen erinnern, verwandeln sich in dieser Serie, wie von autonomen inneren Vorgängen getrieben, zu seltsamen, wuchernden Gebilden, die sich vor ihrem Hintergrund im Raum zu bewegen scheinen.


Verena Seibt & Thomas Splett

Verena Seibt und Thomas Splett sind beide bereits durch eigenständige künstlerische Arbei­ten hervorgetreten. Für das Stipendium haben sie eine gemeinsame Arbeit vorgeschlagen, die ihre künstlerische Herangehensweise vor neue Herausforderungen stellt.

Zentrales Thema ihres Projekts ist die Auseinandersetzung mit Geschlechteridentitäten und ihren sozial konstruierten und biologisch determinierten Zuschreibungen. Ihre Recherche umfasst Erkundungen des menschlichen Paar- und Rollenverhaltens im Spannungsfeld von Männlich und Weiblich, bezieht darüber hinaus aber auch das Verhältnis zwischen Mensch und Tier und dessen Übertragungen in Rollenmodelle mit ein. Indem Seibt/Splett über die gewohnten Befragungen hinaus Verhaltensmuster und Erscheinungsweisen untersuchen, er­zeugen sie bewusst Mehrdeutigkeiten und zeigen ungewohnte Zusammenhänge auf. Gera­de im Als-Ob-Spiel des Forschens entsteht die Möglichkeit, Bekanntes, Vertrautes und Kli­schees einer neuen Wahrnehmung auszusetzen.

Ihre experimentellen Versuchsanordnungen beziehen die Medien Video, Fotografie und Per­formance mit ein. Die Resultate ihrer künstlerischen Forschung werden in einer begehbaren Rauminstallation kulminieren. In dieser Rauminstallation wird der Betrachter mit einer stili­sierten Modelllandschaft zwischen Natur, Kultur und Künstlichkeit konfrontiert, die überra­schende Perspektiven bietet und neue Erfahrungsräume für den Diskurs öffnet.

Jurybegründung - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Bildende Kunst

Patrik Thomas

Zentrales künstlerisches Medium bei Patrik Thomas ist der Film. Mit Engagement und unauf­dringlicher Bestimmtheit lotet er die politischen Potentiale dieses Mediums aus, wobei er den Betrachter in seinem Rezeptionsprozess als aktiven Mitgestalter versteht. Die Themen seiner künstlerischen Projekte sind Migration, Flucht und Konsum, auf deren Dringlichkeit er unsere Aufmerksamkeit mit der Frage lenkt: Wohin führt uns die übergroße Macht der Medien? In Erweiterung seiner bisherigen Arbeit zur postkolonialen Geschichte Portugals soll nun ein neues Projekt in der portugiesischen Kolonie Guiné-Bissau entstehen, wo er bereits teilweise lebt.

Patrik Thomas' künstlerische Position ist in ihrer Vielschichtigkeit beachtlich. Seine Art und Weise, sich mit der Bedeutung und den Möglichkeiten der zeitgenössischen Kunst zu befas­sen, hat eine eigenständige Qualität und zeigt innovative Perspektive auf vermeintliche politi­sche und soziale Wahrheitsbegriffe.

Jurymitglieder

Eike Berg, Europäisches Künstlerhaus Schafhof
Dr. Patricia Drück Kunstraum München e.V.
Manuela Hartel, Medienkünstlerin, München
Rasmus Kleine, Kallmann Museum, Freising
Katharina Weishäupl, Vorstand Galerie der Künstler, München
Dana Weschke, Lothringer 13 Halle
Stadträtin Ulrike Grimm, CSU-Fraktion
Stadträtin Sabine Krieger, Fraktion Die Grünen/Rosa Liste
Stadtrat Marian Offman, CSU-Fraktion
Stadtrat Klaus Peter Rupp, SPD-Fraktion
Stadträtin Dr. Constanze Söllner-Schaar, SPD-Fraktion