zum Seitenanfang
Münchner Kindl mit Schriftzug Landeshauptstadt München Landeshauptstadt München

Stipendien für Bildende Kunst - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2017


Jurybegründungen der Stipendien

Timothy Bennett

Timothy Bennett (1973 geboren in Rochdale GB) hat Malerei und Bildhauerei bei Ben Willikens und Hermann Pitz an der Akademie der Bildenden Künste München studiert und seinen Master

of Fine Arts am Goldsmiths College in London gemacht. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler in München. In seinen Werken, die bildhauerische Prozesse und malerische Qualitäten vereinen, bedient er sich häufig handelsüblicher Baustoffe wie Gips und Gipskarton, Marmor, Zement oder Holz. Bewusst werden die durch den Herstellungsprozess bedingten formalen Eigenschaften der Materialien aufgegriffen und thematisiert. Durch die Betonung der künstlerischen Geste, durch Verfahren der Neukontextualisierung und Veredelung werden die Materialien in neue Bedeutungsräume überführt.

In seinem Projektvorhaben einer „Scheinsanierung“ eines leerstehenden Ladenlokals in Obergiesing implantiert Timothy Bennett seine künstlerische Arbeitsweise temporär in den alltäglichen öffentlichen Raum. Ein Ladenraum wird zur performativen Skulptur, indem er mit grünen Gipskartonplatten ausgekleidet wird, die verspachtelt und geschliffen werden. Graffititexte zum Thema Luxussanierung und Gentrifizierung, die der Künstler zuvor im Stadtteil recherchiert hat, werden in die Oberflächen der Gipskartonwände eingefräst. Nach der Eröffnung wird der Raum durch Vorträge und Interventionen von Münchner Künstlerinnen und Künstlern bespielt, die Bennett zu seinem Projekt einlädt. Als Link an einer zentralen Stelle in der Stadt werden zugleich zwei großformatige Fotoarbeiten von der Rauminstallation auf der Kunst-Insel am Lenbachplatz präsentiert. Die Ästhetisierung der Prozesse von Sanierungsmaßnahmen steht im Vordergrund von Bennetts Aktion, mit der er nicht zuletzt auch die Funktion, die Kunst bei der Veränderung und Kommerzialisierung des Stadtraums spielen kann, bewusst macht und hinterfragt.

Federico Delfrati

In seinem Performance-Projekt „Around the world in 80 Mb/s“ nimmt sich der Künstler Federico Delfrati vor, einmal um die Erde zu laufen. Dazu schafft er in seinem Atelier in der Münchner Baumstraße eine spezielle Laborsituation. Sie besteht aus einem Laufband sowie einem Headset für Virtuelle Realität. Federico Delfrati wird sich allein mit diesem VR-Headset durch die virtuelle Welt von Google-Earth bewegen. Dazu kommen verschiedene Instrumente zur Vermessung seines Körpers. Die gemessenen physiologischen Eckdaten, wie Herzfrequenz oder verbrannte Kalorien, werden in einem Blog online gestellt. Sie sind der einzige Beleg, dass diese Grand Tour des Künstlers tatsächlich stattgefunden hat, und der Blog ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt.

Durch seine Weltumrundung, physisch auf dem Laufband und mental innerhalb der virtuellen Realität, in der Bewegung durch die Bildwelt von Google-Earth, spielt Delfrati mit den Phänomenen unseres Informationszeitalters wie etwa der Trennung von Ort und Anwesenheit, aber auch dem Begehren, den Geist vom Körper zu trennen. Während Designerinnen und Designer virtuelle Welten entwerfen, Informatikerinnen und Informatiker diese programmieren und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie analysieren, liefert Delfrati einen künstlerischen Modellversuch, um sie im Durchlauf auf eigene Weise zu erproben und die zum Verständnis unserer Zeit nötigen Erkenntnisse zu gewinnen. Die virtuelle Welt von Google-Earth wird linear aufgezeichnet, jedoch nutzen wir diese Daten zumeist nicht im konstanten Verlauf, sondern in punktuellen Inseln. Vergleichbar der fahrbaren Google-Kamera wird Delfrati hingegen die Linearität der Strecken überprüfen, sich ihre Konsistenzen erlaufen, womöglich versteckte Orte und Datenfragmente entdecken. Federico Delfratis Weltumrundung in 80Mb pro Sekunde ist eine Grand Tour des Medienzeitalters, die in ihren Beobachtungen und Online-Aufzeichnungen im dazugehörigen Blog denselben Informationswert entwickeln kann wie Goethes Reisenotizen.

Zita Schüpferling

Zita Schüpferling verwandelt mit ihrem Projekt, das mit dem Titel „Positive Energie auf minimal wahrnehmbarem Level“ bezeichnet ist, die bekannte Situation einer Ausstellungseröffnung in ein soziales Experiment zwischen inszenierter Realität und realer Inszenierung. Das performative Spiel ist subtil und flüchtig, erzeugt jedoch eine bleibende atmosphärische Wirkung. Von der Künstlerin instruierte Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen sich bei Ausstellungseröffnungen anonym zwischen den Besucherinnen und Besuchern und flirten alleine durch Bewegungen, Gesten und Mimik mit ihnen. Die Arbeit sensibilisiert für ein Thema, über das nur selten nachgedacht wird: die Stimmung, in der Ausstellungsbesucher Kunst rezipieren, sowie deren Beziehung zueinander. Zita Schüpferling lädt zur Reflexion ein, auch darüber, nach welchen Spielregeln das soziale Ereignis „Ausstellungseröffnung“ funktioniert, das immer auch ein Spiel der Eitelkeiten seiner Besucher ist, die sehen und gesehen werden wollen.

Carina Shoshtary

In ihrem Projekt „The Hunter“ plant die Schmuckkünstlerin Carina Shoshtary ihre Schmuckarbeiten erstmals mit eigens produzierten Musik- und Soundfiles zu verbinden und in ein dafür konzipiertes Ausstellungsdisplay zu übersetzen. Neben ihrer künstlerischen Arbeit als Schmuckkünstlerin ist für Carina Shoshtary Musik immer eine wichtige, fast gleichbedeutende Ausdrucksform gewesen. Nachdem sie Mitglied verschiedener Bands war, nutzt sie nun die Möglichkeiten aktueller elektronischer Soundproduktion. Für die Schmuckarbeiten der Serie „The Hunter“ verwendet Shoshtary einfachste Materialien aus ihrer Umgebung und transformiert sie zu Schmuckstücken für ein fiktives Volk von Jägern und Sammlern – eben jene „Hunter“. In ihren außergewöhnlichen Arbeiten gelingt es ihr dabei, die gegensätzlichen Motive des Wunsches nach Autonomie mit dem archaischen Drang nach Geborgenheit und Gemeinschaft zu verbinden. Diese Schmuckarbeiten setzt Carina Shoshtary in dem von ihr geplanten Vorhaben mit individuell konzipierten Soundfiles, wie gesungenen Texten oder mantraartigen Liedfragmenten und Klängen, in Beziehung und eröffnet so für das jeweils eigene Sehen und Hören neue Erfahrungsräume.

Das von Carina Shoshtary vorgeschlagene Projekt überzeugte die Jury durch die stringente Verbindung von zeitgenössischen künstlerischen Schmuckarbeiten mit Klangkunst, die zu einem einzigartigen synästhetischen Erfahrungsmoment wird.

Jurybegründung des Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreises für Bildende Kunst

Lukas Hoffmann

Lukas Hoffmann studiert seit 2013 an der Akademie der Bildenden Künste München bei Albert Hien und seit 2016 parallel bei Pia Fries. In den letzten Semestern hat eine bemerkenswerte Entwicklung seiner Arbeiten stattgefunden. So hat Lukas Hoffmann seinen künstlerischen Handlungsspielraum von kleinformatigen Objekten hin zu raumgreifenden Installationen, kinetischen Objekten und Kollaborationen mit anderen Studierenden ausgeweitet. Mit radikaler Konsequenz hat er Materialwahl und Formensprache ständig weiterentwickelt und bereits zu einer eigenständigen künstlerischen Position gefunden, die zwar im zeitgenössischen Kunstkontext verortet ist, dabei aber einen ganz eigenen Blick offenbart. Schaumstoff, bemalte Äste, Klebebänder, Moos oder Steinwolle, um nur einige der verwendeten Materialien aufzuzählen, verwandeln sich in irritierende, hybride Arbeiten, die den ironischen Blick Hoffmanns auf die Welt nicht verbergen wollen. Ungewöhnlich ist, wie Lukas Hoffmann sein Gespür für den Raum in großformatigen Installationen und skulpturalen Arbeiten mit einem besonderen sinnlichen Empfinden für Farbe, Oberflächen und Material verbindet.

Die Arbeiten von Lukas Hoffmann überzeugten die Jury durch die Präzision der Ausführung, die Stringenz der künstlerischen Sprache und die gleichzeitige Offenheit, immer wieder Neues zu wagen und neue Themenstellungen für sich zu entdecken. Sie machen neugierig auf seine nächsten Serien, Präsentationen und Ausstellungen.

Jurymitglieder

Emily Barsi, Kunstraum München e.V.
Dr. Patricia Drück, Akademieverein München e.V.
Wolfgang Ellenrieder, Verein für Originalradierung München
Ines Wiskemann, Kustverein München e.V.
Ralf Homann, Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten
Katharina Vossenkuhl, Sammlung Goetz
Stadträtin Kathrin Abele, SPD-Fraktion
Stadträtin Kristina Frank, CSU-Fraktion
Stadträtin Sabine Krieger, Fraktion Die Grünen / Rosa Liste
Stadtrat Marian Offmann, CSU-Fraktion
Stadträtin Julia Schönfeld-Knor, SPD-Fraktion

Die Stipendien für Bildende Kunst werden gemeinsam mit den Stipendien für Musik, den Projektstipendien Junge Kunst / Neue Medien und den Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreisen für Bildende Kunst und Musik im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung am 10. Oktober im Schwere Reiter verliehen.

Nähere Informationen unter E-Mail presse.kulturreferat@muenchen.de.