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Stipendien für Bildende Kunst - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2018


Jurybegründungen der Stipendien

Elke Dreier

Elke Dreier, 1984 in Memmingen geboren, hat 2015 als Meisterschülerin von Olaf Nicolai ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München abgeschlossen und ist seither an zahlreichen Ausstellungen sowohl in München als auch international beteiligt.

Ihr für das Projektstipendium eingereichtes Film-Projekt „Betrachtungen des Waldes“ ist die filmische Darstellung einer Waldlichtung. In einer Dreikanal-Videoinstallation soll diese Lichtung zeitgleich aus drei unterschiedlichen Perspektiven inszeniert und diskutiert werden. Dabei fungiert der Wald im ersten Bild als bloßer Raum für alles, was „natürlich“ passiert. Im zweiten Bild wird er durch Bildkonstruktion, Fokus und Nachvertonung gezielt inszeniert und schließlich im dritten Bild unter verschiedenen wissenschaftlichen und kulturellen Aspekten analysiert, wobei hier auch Text- und Tonaufnahmen eingespielt werden.

Das Filmprojekt führt Dreiers künstlerische Untersuchungen von Wahrnehmungsabläufen und der Gleichzeitigkeit verschiedener Wahrnehmungsebenen fort und überzeugt durch seine konzeptionelle Stringenz.

Stefan Fuchs

Der Künstler Stefan Fuchs (geb. 1988) reflektiert in seinem Projekt „Der Gerümpelträger“ auf kritische Weise den Wandel des Münchner Stadtbildes in Zusammenhang mit geänderten Bedingungen für den Einzelhandel im 21. Jahrhundert.

Als Mitbetreiber des Projektraums „Loggia“ wird er dort im kommenden Jahr verschiedene Objekte in einer Displaysituation versammeln, die dem lokalen Stadtbild nachempfundenen sind. Dieses „Gerümpel“ wird von Fuchs in verschiedenen Ladengeschäften Münchens erstanden. Dabei handelt es sich vor allem um solche Läden, bei denen es besonders rätselhaft erscheint, ob sie mit ihren derzeitigen, teilweise auf alte Traditionen beruhenden Geschäftsmodellen, auch zukünftig einen Platz in der Stadt werden behaupten können. Die so versammelten Dinge erzählen einerseits ganz unterschiedliche eigene Geschichten und stellen als Ensemble und durch ihre Zusammenführung im Ausstellungskontext andererseits eine Art heterogenes Spiegelbild der Stadtgesellschaft dar.

Indem die kapitalistischen Außenseiter in einem Raum der Kunst ein temporäres Zuhause finden, thematisiert Fuchs - dessen malerische und bildhauerische Arbeiten immer wieder auch durch fein eingeflochtene Ironie überzeugen - zugleich auch das künstlerische Prekariat, dem es in diesem Projekt, als eine kleine Geste der Großzügigkeit möglich ist durch das Stipendium eben auch den bedrohten Einzelhandel quer zu subventionieren.

Lee JiYoun

Die Künstlerin Lee JiYoun, 1978 in Südkorea geboren, realisiert mit ihrem Projekt mit dem Titel „Etwas Raum im Alltag“ eine ortsspezifische Arbeit in einem temporär angemieteten Ladenraum in München.

Lee JiYoun sammelt bei ihren Spaziergängen durch die Stadt Dinge, die andere Leute weggeworfen haben. Sie ordnet diese Objekte im Raum, am Boden, an der Wand, stehend, hängend und liegend an. Die Gegenstände werden von ihr neu zusammengesetzt, verknüpft und gestapelt, aber auch durch Neues ergänzt. In der künstlerischen Installation und durch konkrete Titel erhalten scheinbar nutzlos gewordenen Objekte eine neue Identität in einem anderen Umfeld und Kontext.

Lee JiYoun möchte ihr Projekt bewusst in der Vorweihnachtszeit zwischen den reich dekorierten Fenstern der Innenstadt realisieren. Die Jury fand die Idee unterstützenswert, dass sie einen, im Idealfall sogar mehrere Ladenlokale oder Räume in München temporär in Kunsträume verwandelt und durch ihre spezielle Arbeitsweise ein Gegenposition zur Konsum- und Warenwelt installiert, mit der sie erweiterte Wahrnehmungsräume für das Unscheinbare, Alltägliche schafft.

Lena Policzka

Lena Policzkas künstlerischer Ansatz ist geprägt von einem konzeptionellen Zugriff auf die sichtbare Welt. Ihre Arbeiten, die sich in den Bereichen Skulptur, kinetische Installation, Fotografie und Video bewegen, setzen sich mit Sachverhalten aus Natur und Wissenschaften sowie gesellschaftlichen Konventionen einer (post-)industriellen Welt auseinander. Mit dem Projektstipendium plant sie eine Videoarbeit, die sich in einen Werk-Zyklus einreiht, der sinnbildlich vom Menschen als Umwelt gestaltende Kraft handelt.

Der Handlungsort ist ein Ameisenbau in einem Wald, auf dem eine Skulptur, die mit rosafarbenen Zuckerkristallen überzogen ist, wie auf einem riesigen Sockel thront. Dokumentiert wird die Vergänglichkeit der Skulptur, die einer Raumsonde ähnelt. Nach und nach werden die Zuckerkristalle von den Ameisen abgetragen, bis nur das Skelett aus Edelstahl übrigbleibt.

Lena Policzka, die ihre Arbeiten häufig selbst als Denkmodelle bezeichnet, reagiert mit den Inhalten, die sie in ihren Projekten verhandelt, auf die drängenden Fragen der Gegenwart. In ihrer vielschichtigen visuellen künstlerischen Sprache verweist sie bildhaft auf Zusammenhänge, die weit über die konkrete Situation des vom Betrachter unmittelbar Erlebten hinausgehen.

 

 

Jurybegründung des Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreises für Bildende Kunst

Sophia Mainka

Sophia Mainka studiert seit 2012 an der Akademie der Bildenden Künste München, zuerst bei Stephan Huber und seit 2018 in der Klasse von Alexandra Birken. In ihren jüngsten Arbeiten gibt Sophia Mainka ihren Ideen breiten Raum und inszeniert diese in beeindruckenden Beiträgen bei verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen. Zu nennen wären dabei besonders die Ausstellungen „Cure for Wellness“ im Kösk München, „Es gibt viele, die dich weinen“ in der Akademiegalerie und „Cannibals with feelings“ in den Kunstarkaden.

Für ihre Arbeiten verwendet sie auf den ersten Blick eher disparate Dinge aus den Mittelschichts-Haushalten, wie Gardinenreiniger oder Hamsterräder. Sie verarbeitet sie weiter, seziert und verändert sie, und entzieht sie so ihrem natürlichen Kontext. Die Titel der Arbeiten, wie zum Beispiel „Wenn man ein Rollo hat kann man sich wenigstens einen Wal an die Decke projizieren“, zeigen ihren subtilen Humor aber reflektieren auch die stetige Verunsicherungen unserer komplexen, modernen Welt gegenüber.

Mit großer Konsequenz hat Sophia Mainka ihre Materialwahl und Formensprache geöffnet und so bereits zu einer relevanten künstlerischen Position gefunden, die im zeitgenössischen Kunstkontext verortet ist, dabei aber immer einen ganz eigenen und persönlichen Blick offenbart. Die Arbeiten von Sophia Mainka überzeugten die Jury durch die Präzision der Ausführung, die inhaltliche Poesie und die gleichzeitige Offenheit, immer wieder Neues zu wagen. Sie machen neugierig auf ihre nächsten Serien, Präsentationen und Ausstellungen.

Die Stipendien für Bildende Kunst werden gemeinsam mit den Stipendien für Musik und den Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreisen für Bildende Kunst und Musik im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung am Dienstag, 23. Oktober 2018, um 19.00 Uhr in der Black Box, Gasteig, vergeben.

Jurymitglieder

Dr. Patricia Drück, Akademieverein München e.V.
Wolfgang Ellenrieder, Verein für Originalradierung München
Ines Wiskemann, Kunstverein München e.V.
Konstantin Lannert, Münchner Stadtmuseum
Katharina Vossenkuhl, Sammlung Goetz
Sabine Ruchlinski, Galerie der Künstler BBK
Stadträtin Kathrin Abele, SPD-Fraktion, vertreten durch Stadträtin Renate Kürzdöfer
Stadträtin Ulrike Grimm, CSU-Fraktion
Stadträtin Sabine Krieger, Fraktion Die Grünen - rosa liste
Stadträtin Beatrix Burkhardt, CSU-Fraktion
Stadträtin Dr. Constanze Söllner-Schaar, SPD-Fraktion

Zehn der elf stimmberechtigten Mitglieder der Jury bzw. ihre benannten Vertretungen wa­ren in der Sitzung am 27.07.2018 anwesend. Stadträtin Kathrin Abele wurde durch Stadt­rätin Renate Kürzdöfer vertreten. Stadträtin Beatrix Burkhardt musste sich für die Sitzung entschuldigen. Die Sitzungsleitung übernahm Diana Ebster in Vertretung des Kulturrefe­renten.