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Stipendien für Bildende Kunst - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2019


Jurybegründungen der Stipendien

Gretta Louw

In ihrer Medieninstallation „Einen gewaltigen Schwarm“ entwickelt die Künstlerin Gretta Louw ihr bisheriges Werk sowohl thematisch als auch formell konsequent weiter. Die Künstlerin greift mit ihrer Arbeit (techno)ökologische Diskurse auf, die Modernisierungs- und Industrialisierungsprozesse seit ihren Anfängen kritisch begleiten und ein radikales erkenntnistheoretisches (Subjekt-Objekt-Kontext) Umdenken einfordern. Im Mittelpunkt ihres Projekts stehen die Darstellungen von Lebewesen, die ein vorgestelltes, posthumanes Zeitalter einer Ökologie-Adaption verkörpern oder das „Chthulucene“, wie Donna Haraway dieses Zeitalter bezeichnet, in dem wir lernen werden, durch die kollaborative Verflechtung von menschlichen und nicht-menschlichen Ökologien zu überleben.

Die Medieninstallation von Gretta Louw bedient sich ebenso klassischer Repräsentationsformen – mit der Raumskulptur und dem Stoffdruck – wie sie diese überformt mit bewegten digital animierten Bildern und Texten, und zusätzliche Stimmen und Klänge einspielt, wodurch sich die Vermittlungsdimensionen verstärken. Die künstlerische Forschung zu Quallen, mit der sich Gretta Louw intensiv beschäftigt, berücksichtigt sowohl wissenschaftliche, theoretische, aktivistische als auch fiktionale Diskurse und lässt sich so als eine synkretische, unterschiedliche Ansätze und Perspektiven bewusst ineinander setzende Kunstform beschreiben. All dies spricht für die Aktualität der Arbeit von Gretta Louw, die sich im internationalen Kontext verortet. Durch ihre weltweite künstlerische und kuratorische Tätigkeit leistet Gretta Louw zudem einen wichtigen Beitrag zur Öffnung und internationalen Anbindung lokaler Kunstproduktion.

Lorenz Mayr

Der 1991 in München geborene Künstler Lorenz Mayr hat eine auf intensiver Recherche basierende, multimediale Praxis entwickelt, die von außergewöhnlichem politischen Bewusstsein und Analysefähigkeit zeugt. In seinem ambitionierten Film-, Ausstellungs- und Publikationsprojekt „Deutsches Gift“ wendet sich Lorenz Mayr der in die Ideologie des deutschen Nationalsozialismus verstrickten Firmengeschichte von Agfa zu, und setzt so seine kritische Auseinandersetzung mit ästhetischen Verfahren konzeptuell weiter fort.

Seine interdisziplinäre und internationale Ausbildung, die neben dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Res Ingold und Prof. Maria Muhle auch die Teilnahme am Educational and Artistic Research Programme der Athens School of Fine Arts, ein abgeschlossenes Studium der Politischen Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ein Gaststudium an der Hochschule für Film und Fernsehen in München beinhalten, qualifizieren ihn in besonderem Maße, sich in visueller Form politisch komplexen Themen anzunähern. In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt sich Lorenz Mayr mit dem Sichtbarmachen von Spannungen und deren Formen und es gelingt ihm in seinen Arbeiten, bildlich die widerständigen Kräfte in unserer Gesellschaft genauso wie deren Entgleisungen aufzudecken. Seine Arbeitsweise gleicht dabei oftmals einer subtilen Spurensuche, durch die er mit künstlerischer Sensibilität und historischem Bewusstsein das politische Klima der Gegenwart einfängt. Mit dem Stipendium für sein Projektvorhaben soll seine künstlerische Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen gefördert werden. Lorenz Mayrs Ansatz, Systeme und deren Prozesse auf ihre politische Bedeutung hin zu befragen, ist unter diesem Gesichtspunkt besonders vielversprechend.

Jonas von Ostrowski

Das Projekt „Furniture for LOS ANGELES“ von Jonas von Ostrowski steht im Zusammenhang mit einem langfristig angelegten, größeren Vorhaben des Künstlers: In dem kleinen Ort Günsterode, einem Stadtteil von Melsungen in der Nähe von Kassel, entsteht auf einem Grundstück von rund 3000 Quadratmetern LOS ANGELES, ein Arbeits- und Aufenthaltsort für Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Derzeit wird das erste Gebäude errichtet, das funktionale Architektur wie begehbare Skulptur zugleich ist und auf den geometrischen Formen von Dreieck und Quadrat basiert. Für eine Ausstellung in München entwickelt Jonas von Ostrowski nun in Erweiterung des Projekts eine Skulpturengruppe aus verschiedenen Objekten, die, wie auch das erste Gebäude in LOS ANGELES, eine hohe skulpturale Qualität aufweisen und zugleich nutzbar sind. Nach der Ausstellung in München werden die Objekte nach LOS ANGELES gebracht.

Mit seinem künstlerischen Ansatz steht von Ostrowski in der Tradition der konstruktivistischen Avantgarden, die danach strebten, das Verhältnis von Kunst und Leben neu zu definieren und mittels Gestaltung auf die Gesellschaft einzuwirken. Auch wenn das Kunstprojekt LOS ANGELES tatsächlich als internationaler Begegnungsort verwirklicht wird, wohnt dem Projekt zugleich ein utopischer Grundgedanke inne. Der Ort soll als ein Kunstraum funktionieren, der neue Formen künstlerischer Zusammenarbeit untersucht und die Entwicklung ländlicher Räume durch Kunst bzw. ländliche Potentiale für die Entwicklung von Kunst befragt. Seinem Projekt „Furniture for LOS ANGELES“ kommt dabei eine besondere Rolle zu, da die Objekte wesentlich für die zukünftige künstlerische Betätigung und Interaktion in LOS ANGELES sind, zugleich aber auch als eigenständige Arbeit in München funktionieren. Die Jury hat daher das Projekt als wichtigen Bestandteil des Gesamtprojektes LOS ANGELES für ein Stipendium vorgeschlagen.

Judith Neunhäuserer und Mathias R. Zausinger

Im Herbst des vergangenen Jahres gingen Judith Neunhäuserer und Mathias R. Zausinger in Genua an Board der CMA CGM Puget. Rund zwei Wochen später verließen sie das Containerschiff in New York City. Dazwischen machten sie Filmaufnahmen, führten Interviews und näherten sich den Erzählungen, Ritualen und persönlichen Lebensgeschichten der Besatzung, wie auch der ästhetischen Phänomenologie des Reisens auf einem ortlosen und in sich verschachteltem wie abgekapseltem Mikrokosmos. Vessels and Widgets ist der Titel des Filmprojekts von Judith Neunhäuserer und Mathias R. Zausinger, das nun als künstlerische Arbeit aus dieser Reise von Genua nach New York und dem dabei gesammeltem Stoff entstehen soll. Die Arbeit wird ein Hybrid aus Dokumentation und Essay sein, in dem sich die beiden Künstlerinnen und Künstler mit einem der großen Mythen der Menschheit auseinandersetzen: den Weltmeeren.

Der offene Ozean stellt für die meisten Lebewesen eine "Wüste" dar – nur rund ein Prozent der Biomasse des Meeres wird fern der Küsten produziert. Die einzige Möglichkeit für Menschen in dieser unwirtlichen Umgebung zu überleben, ist die Nutzung künstlicher Inseln, sprich die Schifffahrt. Die Entzauberung der Naturgewalt durch Technik und die kühle Kalkulation, die im Laufe der Jahrhunderte die hitzige Geschichte von Entdeckungen ablöste, beschäftigen die entstehende Arbeit. Angetrieben von Fragen zum Regelwerk der merkantilen Interessen, das historisch wie auch gegenwärtig Menschen auf Boote treibt, und den daraus folgenden Entwicklungen bis hin zu Eroberungen und Kolonialismus, vermittelt dieses Projekt beispielhaft, wie sich Verbindungen zwischen sich zunächst scheinbar fern liegenden Punkten als Zusammenhänge begreifen lassen.
Behälter und Dinge, so würde eine mögliche deutsche Übersetzung des Titels lauten, soll als filmische Erzählung in sechs Teilen konzipiert sein und als Mehrkanalprojektion präsentiert werden. In Zeiten von Klimawandel und Welthandel, so lässt sich vermuten, könnte das Werk davon erzählen, dass auch München – ganz ohne falsche Romantik – letztlich am Meer liegt.

Jurymitglieder

Der Jury unter Sitzungsleitung des Kulturreferates gehörten an: Anna Schneider, Haus der Kunst, Rasmus Kleine, Kallmann-Musuem, Dr. Katja Kobolt, Lothringer13_Florida, Karsten Löckemann, Sammlung Goetz, Sabine Ruchlinski, Galerie der Künstler, Konstantin Lannert, Münchner Stadtmuseum, sowie aus dem ehrenamtlichen Stadtrat Dorothea Wiepcke und Ulrike Grimm (beide CSU-Fraktion), Kathrin Abele und Constanze Söllner-Schaar (beide SPD-Fraktion) sowie Sabine Krieger (Fraktion Die Grünen – rosa liste).