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Stipendien für Bildende Kunst 2020


Jurybegründungen

Samuel Fischer-Glaser und Angela Stiegler

Bei ihrem partizipativen und sozial engagierten Projekt „Schmarotzerbrücke“ greifen Samuel Fischer-Glaser und Angela Stiegler eine aktuelle politische Diskussion künstlerisch auf. Die Umbenennung der Hilblestraße in München/Neuhausen und der Umgang mit belasteten Straßennamen im Allgemeinen wird derzeit stark diskutiert. Der Name „Schmarotzerbrücke“ ist eine Anspielung auf den Namensgeber der Straße Friedrich Hilble. Während des NS-Regimes war er als städtischer Verwaltungsbeamter und berufsmäßiger Stadtrat, der Ideologie des Dritten Reiches folgend, wesentlich daran beteiligt sogenannte „Asoziale und Schmarotzer“ deportieren und zu Zwangsarbeit verpflichten zu lassen.

Das Konzept von Samuel Fischer-Glaser und Angela Stiegler beschreibt ein Projekt, in dem die Bewohner der Hilblestraße am Bau einer "Brücke" beteiligt werden, "die keiner betreten will". Durch Fragebögen und in persönlichen Gesprächen werden die Anwohner*innen in der ersten Projektphase zu den Hintergründen informiert und über die eigenen Interessen in dieser Auseinandersetzung befragt. In Phase zwei soll u.a. aus persönlichen Gegenständen der Anwohner*innen, die diese überflüssig finden und dem Projekt überlassen, in einer „partizipativen Collagetechnik“ eine Brücke entstehen. Die Dokumentarfilmemacherin Yulia Lokshina und die Fotografin Constanze Meléndez begleiten das Projekt. Die "Schmarotzerbrücke" stellt ein transformatives künstlerisches Experiment dar, mit dem Anliegen Sichtbarkeit für soziale und kulturelle Vielfalt zu schaffen und gleichzeitig die kritische Auseinandersetzung mit dem Namensgeber der Hilblestraße und den Diskurs deren Umbenennung voran zutreibt.

Angela Stiegler hat an der Akademie der Bildenden Künste München Bildhauerei bei Hermann Pitz und Stephan Dillemuth studiert. Nach ihrem Diplom 2014 war sie künstlerische Mitarbeiterin von Hermann Pitz. Sie ist Mitbegründerin und Leiterin der selbstorganisierten Künstler*inneninitiative "K Hybrid", die sich als Forum des Austauschs zwischen „Künstler*innen und Denker*innen unterschiedlicher Disziplinen" versteht. In ihren multimedialen Projekten setzt sie sich mit dem Körper als Ausdrucksmedium auseinander, und übersetzt dies in ihren Arbeiten in digital-skulpturale Bilder von Handlungen und Affekten. Samuel Fischer-Glaser ist Schriftsteller und Bildhauer. In seinen Texten wie in seien künstlerischen Arbeiten befasst er sich mit Alltagsphänomenen und stellt dabei die Themen von Identität und Selbstverordnung und deren Brüche ins Zentrum. Nach seinem Studium der Bildhauerei bei Hermann Pitz (Diplom 2018) studiert er seit 2017 Kunstpädagogik bei Stephan Dillemuth an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Laura Leppert

Mit ihrem Projekt „Possession. An underground Panorama“ widmet sich Laura Leppert der „Vielstimmigkeit“ des Bodens. Die Medieninstallation setzt sich mit der in der Erde abgelagerten Geschichte auseinander sowie mit dem Abbau der dort enthaltenen Rohstoffe durch den Menschen. Dabei interessieren Lepppert auch die Zusammenhänge zwischen vermeintlich toter Materie und lebenden Organismen, zwischen dem Boden und unserem Körper.

Laura Leppert machte im Frühjahr 2020 ihr Diplom an der Akademie der Bildenden Künste in München mit dem preisgekrönten experimentellen Kurzfilm „Forecast“. In ihren Arbeiten, in denen immer wieder die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt verwischen, untersucht sie die sozialen, historischen und ideologischen Bedingungen, in denen Architekturen, Gegenstände oder Räume auftauchen und die sie erzeugen.

Die Produktion von „Possession“, die sehr unterschiedliche künstlerische Techniken und Medien zusammenführt, bedeutet einen weiteren Schritt in ihrem Schaffen. So erstellt Leppert skulpturale Bodenschnitte und arbeitet mit Stop-Motion-Animation. Sie fertigt mit experimentellen Schreibtechniken Texte an, in denen fiktive archaische und futuristische Charaktere auf unsere Zeit blicken, und lässt dabei gewissermaßen auch den Boden selbst zu Wort kommen. Sie begibt sich auf Feldforschung in München sowie im Tagebau Garzweiler II, der ohne Rücksicht auf die Natur oder die dort lebenden Menschen dem Boden Rohstoffe entreißt, Wunden schlägt und apokalyptische Landschaften hinterlässt.

Dem Titel „Possession“ kommt eine doppelte Bedeutung zu, bezieht sich der Begriff einerseits auf das Prinzip Besitzens, bedeutet er andererseits aber auch, dass wir besessen von etwas sein können – etwa vom Graben und Ausbeuten. Präsentiert wird „Possession“ als interaktive Installation aus filmischen und skulpturalen Elementen, die aufeinander aufbauen und sich an unterschiedlichen Präsentationsorten immer wieder verändern können, da auch die Betrachter*innen als Akteur*innen an den Arbeiten mitwirken.
Indem Laura Leppert Fragen nach einem neuen Verhältnis des Menschen zum Boden jenseits von Unterwerfung und Ausbeutung aufwirft, berührt sie eine der wesentlichen unsere Zeit bestimmenden Diskussionen und bietet zugleich einen positiven Ausblick auf eine postapokalyptische Zeit.

Anna M. Pascó Boltà

Nach einem abgeschlossenen Kunststudium an der Universitat de Barcelona, hat die Künstlerin Anna M. Pascó Boltà an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Olaf Nicolai studiert, und 2019 ihr Diplom als Meisterschülerin erhalten. Bereits während ihres Studiums waren ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und überraschten durch ihre außergewöhnlichen Themen. Den konzeptuellen Überlegungen der Künstlerin liegt ein breites Ideenspektrum zugrunde, das sich auch mit aktuellen Erkenntnissen der Natur-und Geisteswissenschaft beschäftigt. Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist die Untersuchung von Strukturen und Funktionen, die die menschliche Lebensrealität bestimmen. Dabei spürt die Künstlerin deren Grundlagen nach, verschränkt diese mit biologischen und kulturellen Entwicklungen und macht Analogien sichtbar.

Im vorliegenden Projekt „ZENZ(A)I“ soll eine künstliche Intelligenz (KI) anhand von eingespeisten Wetterdaten und bekannten Bauernregeln neue Bauernregeln schaffen. Diese neuen, durch KI entwickelten Regeln sollen das aktuelle Wetter interpretieren, aber auch zukünftige Wetterlagen vorhersagen können. Bewusst soll dabei der Faktor „Kreativität“ in die Programmierung integriert werden. Eine Fähigkeit, die bislang Mensch und Maschine unterscheidet. Ein neuronales Netzwerk wird mit Prinzipien wie „Scheitern, Schlendern und Entdecken“ konfrontiert, um dieser schöpferischen Fähigkeit nahe zu kommen, aus der der Mensch seine Schaffenskraft gewinnt. Eine interaktive Installation wird durch mit dem Internet verbundene Tablets für die Besucher*innen bedienbar. So entsteht ein performatives Feld, das schließlich die eigenen Handlungen und Erwartungen der Besucher*innen reflektieren lässt und Anknüpfungspunkte zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen bietet. Dabei überzeugt Anna M. Pascó Boltà durch ihre visuell zurückhaltende und gleichermaßen prägnante künstlerische Sprache.

Viola Relle und Raphael Weilguni

Das Künstlerpaar Viola Relle und Raphael Weilguni hat in den letzten Jahren seine skulpturale Praxis mit den Materialen Keramik und Porzellan konsequent verfolgt und die Szene mit abstrakten, organisch und gleichzeitig widerständig wirkenden Skulpturen bereichert. Die komplexen Formen und farblich nuancierten Kompositionen ihrer Arbeiten sind gleichermaßen anziehend wie herausfordernd für ihre Betrachter*innen. Trotz des hohen Maßes an Abstraktion wirken sie belebt und dynamisch und sind sowohl in ihren Details als auch in der gesamten Form außerordentlich faszinierend. Lediglich die Titel ihrer Arbeiten geben Hinweise auf Prinzipien zwischenmenschlicher Beziehungskonstellationen, die Sie künstlerisch in ihr plastisches Material übertragen.

Mit dem Stipendium  soll der Bau eines holzbefeuerten Keramikofens (inklusive Soundelement) ermöglicht werden. Von der Realisierung sollen auch andere Künstler*innen profitieren. Die Auseinandersetzung mit dem jahrtausende alten Wissen und Handwerk stellt sowohl eine Recherche zur Tradition der Keramik als auch ein künstlerisches und soziales Erlebnis dar und bereichert zudem die lokalen Strukturen des Münchner Stadtraums.

Viola Relle und Raphael Weilguni haben an der Akademie der Bildenden Künste München studiert (2011-17): Viola Relle bei Norbert Prangenberg, Kerstin Brätsch und Nicole Wermers; Raphael Weilguni in der Klasse von Jean-Marc Bustamante und Florian Pumhösl. 2019 waren sie als Gastprofessoren für künstlerische Keramik an der IKKG Hochschule Koblenz tätig und bauten zudem die offene Keramikwerkstatt in der Färberei München auf, die sie seitdem leiten. Sie sind international mit der Keramikszene vernetzt und haben zahlreiche fachspezifische Residencies absolviert.

Jury

Maresa Bucher, freie Kunsthistorikerin und Kuratorin
Andrea Huber, Köşk
Rasmus Kleine, Kallmann-Museum Ismaning
Dr. Katja Kobolt, freie Kuratorin
Nina Pettinato, BNKR
Anna Schneider, Haus der Kunst

Stadträtin Mona Fuchs, Fraktion Die Grünen - Rosa Liste
Stadtrat Dr. Florian Roth, Fraktion Die Grünen - Rosa Liste
Stadtrat Leo Agerer, Fraktion der CSU
Stadtrat Lars Mentrup, Fraktion SPD / Volt
Stadtrat Rudolf Schabl, Fraktion ÖDP / FW