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Stipendien für Bildende Kunst 2021


Jurybegründungen

Beowulf Tomek

In seinem Projekt „Plantage Dachau“ (AT) befasst sich Beowulf Tomek (*1988) in einer künstlerischen Recherche mit einem Außenlager des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau. Die sogenannte „Plantage Dachau“, die nordöstlich der heutigen KZ-Gedenkstätte liegt, war ein bis zu 148 ha großes Gelände und zählte zu den „Versuchsgütern“ der Waffen-SS.

Ziel ist die Entwicklung einer digitalen Landkarte des Areals, durch die User*innen navigieren und sich so verschiedene Erinnerungsschichten und Erzählebenen erschließen können. Dazu sollen verschiedene Perspektiven und Dokumente eingebunden werden. Beowulf Tomek erweitert in diesem Projekt seine künstlerische Methodik, die sich bereits in früheren Projekten durch die Zusammenarbeit mit Personen und Gruppen anderer Disziplinen ausgezeichnet hat. Für die Umsetzung und Vermittlung des Projekts strebt Tomek unter anderem eine enge Zusammenarbeit mit Zeitzeug*innen und deren Angehörigen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, Künstler*innen, Aktivist*innen und Institutionen wie der KZ-Gedenkstätte Dachau und dem NS-Dokumentationszentrum München an.

Die Dokumente und Spuren, die seine Recherche versammelt, sollen im Projektverlauf zu einem digitalen Panorama zusammengeführt werden, in dem sich Inhalte überlagern und verknüpfen lassen und damit eine Gleichzeitigkeit von unterschiedlichsten Perspektiven ermöglichen. Mit dem Projekt zur Geschichte der „Plantage Dachau“ werden wichtige Aspekte zur Wahrnehmung und Vermittlung des ehemaligen Konzentrationslagers verhandelt, aber auch Aspekte zur Wahrnehmung von erinnerungspoltischen und aktuelle Debatten, die Tomek hier mit Fragen nach der Rolle, die digitale Medien zukünftig in dieser Erinnerungskultur einnehmen können, verknüpft.

Janina Totzauer

In ihrem Projekt “Fairytales of the past for an unknown future“ wird die Münchner Künstlerin Janina Totzauer einen Video-Walk in Form eines inszenierten Computerspiels entwickeln, das einen interkulturellen Diskurs anregt. Dabei ist es ihr ein Anliegen, unbekannte Erzählungen ihrer Wahlheimat Mosambik mit Erzählungen aus dem bayerischen Alpenraum zu verstricken und daraus eine futuristische Fantasiewelt zu kreieren. Nicht nur die eurozentrische Sicht vieler Märchen will sie dabei aufbrechen, sondern eine audi-visuell hyperrealistische Alternativwelt schaffen, die sich an das Prinzip der überbordenden Ästhetik von Computerspielen bezieht.

Das Medium Video setzt Totzauer dabei ein, um Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und das geschriebene oder mündlich überlieferte Wort in emotional erfahrbare Bilder zu übersetzen. Die Szenen in ihrer Wahlheimat Mosambik sind bereist abgedreht. Das Stipendium ermöglicht der Künstlerin, die noch fehlenden Szenen im bayerischen Alpenraum zu drehen, um dann die beiden Kulturräume in ihrem künstlerischen Projekt miteinander zu verbinden.

Gülbin Ünlü

Im Rahmen ihres Projektes "The Future is now and it's freakin' me out" setzt sich die Künstlerin Gülbin Ünlü mit künstlerischen Mitteln damit auseinander, wie sich unsere Vorstellungen von „Gegenwart“ durch die Prinzipien des Samplings und der Collage be- und hinterfragen lassen. Basierend auf der Lektüre der gegenläufigen Theorien von Mark Fisher und Ursula K. Le Guin entwickelt Gülbin Ünlü „Bildformeln“, die nach Ordnungen außerhalb gewöhnlicher Konventionen suchen und sich weder enzyklopädisch noch chronologisch sortieren lassen. Der künstlerische Prozess wird das Private und Politische sowie das Biologische und Kulturelle gleichermaßen integrieren und so die Grenzen zwischen Digitalem/Analogem und Privatem/Öffentlichem verschwimmen lassen. Dabei werden sich die Medien Malerei, Video und Musik verschränken und ineinandergreifen. Die entstehenden Bilder kollidieren mit akustischen Mash-Ups aus recherchierten Sound-Samples und performativen Videoclips mithilfe der Greenscreen-Technik.

Durch die Kopplung von analogem und digitalem Material und der inhaltlichen Vermengung kollektiver und individueller Inhalte erschafft Gülbin Ünlü ästhetisch und inhaltlich faszinierende und gleichzeitig irritierende, visuelle Annäherungen an eine hochkomplexe Gegenwart.

Paul Valentin

Mit einer beeindruckenden künstlerischen Entwicklung und Praxis wurde Paul Valentin in den letzten Jahren in verschiedenen Kontexten mit ambitionierten Projekten sichtbar.

In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt er sich beispielsweise mit philosophischen Dilemmata sowie mit klassischen Themen der Metaphysik, und setzt sich dabei mit der paradoxen Frage nach der Darstellbarkeit unterschiedlicher Vorstellungsmodellen zu Begriffen wie „Wahrheit“ oder dem „Nichts“ auseinander. Diese großen und zeitlosen Themen verhandelt Valentin vor dem Hintergrund aktueller Lebensrealitäten. Dabei spielt er geschickt mit der Erwartungshaltung der Betrachter*innen und ermöglicht erweiternde Perspektiven.

Bei seiner Recherche zu den jeweiligen Werkkomplexen greift Paul Valentin tief in die Kunstgeschichte wie in die historische Wissenschaftsgeschichte und Philosophie, und bezieht dabei ebenso aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Diskurse mit ein. Bei aller Recherche und Theorie entstehen dennoch keine spröden oder theoretischen Arbeiten, sondern Werke, die eine Leichtigkeit vermitteln und dadurch auf ganz unmittelbare Weise emotional berühren, erschüttern und staunen lassen. Virtuos arbeitet Valentin so etwa mit neuester, digitaler Videotechnik, und lässt – bei allen Bezügen und Verweisen, die er knüpft – extrem eigenständige Bildwelten entstehen.

In seinem Projekt „Strange Glasses“ steht das Thema des individuellen Erlebens globaler Entwicklungen und Geschehnisse zentral. Dabei wird die Arbeit im Kontext von Kunst im öffentlichen Raum gedacht. Wie in seinen früheren Arbeiten verbindet Valentin Fiktion mit Realität, das Analoge mit dem Digitalen und das Historische mit dem Aktuellen. Es geht dabei um die Multiperspektivität auf eine gemeinsame Realität, nicht um den Glauben an verschiedene oder „alternative“ Realitäten, wie es aktuell von Querdenker*innen und schon länger von Klimaleugner*innen und Reichsbürger*innen verbreitet wird.