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LiteraVision 2020


Fernsehpreise LiteraVision gehen an Eva Menasse und Cornelius Janzen

Jurybegründungen

Cornelius Janzen: “Adorno Reloaded. Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ (ZDF/3sat)

Am 6. April 1967 hielt Theodor W. Adorno auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität einen Vortrag über Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, der heute neu in Buchform (Suhrkamp 2019) vorliegt: Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NPD, die bereits in den ersten beiden Jahren nach ihrer Gründung im November 1964 erstaunliche Wahlerfolge verzeichnen konnte, analysiert Adorno Ziele, Mittel und Taktiken des neuen Rechtsradikalismus und fragt insbesondere nach den Gründen für den Zuspruch, den die rechtsextremen Bewegungen damals, 20 Jahre nach Kriegsende, fanden. Sein Vortrag erscheint heute, 53 Jahre später, immer noch hochaktuell und wird von Filmautor Cornelius Janzen im Magazin-Korsett des 5- bis 6-Minuten-Formats visuell knapp und treffend umgesetzt. Adornosche Schlagwörter und Schlüsselsätze wie etwa die „Wundmale der Demokratie“, das „Zeitalter der Automatisierung“ oder die „Autoritätsgebundene Persönlichkeit“ werden in filmischen Collagen durch Schlagzeilen, Fotos und Grafiken veranschaulicht. „Adorno reloaded“ lebt auch von diesen punktgenauen, originellen und gut getimten Animationen von Konstantin Fuchs, die hier nicht wie so oft als Textfläche herhalten müssen, sondern wirklich ihre ganz eigene Geschichte erzählen und so den kleinen Beitrag ungemein bereichern. Inhalt, Form und Aktualität – alles ist verbunden und auf hohem Niveau umgesetzt. Ein kluger Filmbeitrag, liebevoll in der Animation und politisch wichtig.
 

Eva Menasse: „Ich habe kein Talent zum Hassen. Eva Menasse im Gespräch mit Robert Schindel“ (ZDF/3sat)

Das knapp vierzig Minuten dauernde Gespräch der Autorin Eva Menasse mit dem Dichter und Romancier Robert Schindel findet in einem großen, luftigen Raum statt, die beiden sitzen sich an einem Tisch gegenüber – das denkbar einfachste Setting. Man könnte auch sagen: das denkbar einfallsloseste, aber das Gegenteil ist der Fall: Der große Raum wird zum Spielraum einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk, der Autorenpersönlichkeit und der Lebensgeschichte Robert Schindels. Eine Geschichte reich an historischen Verwerfungen, den Säugling, ein gutes Jahr vor Kriegsende geboren, als Kind jüdischer Eltern und überzeugter Kommunisten doppelt gefährdet, rettet eine falsche Identität in der Klandestinität. Der Vater wird ermordet, die Mutter überlebt dank des Bürokratismus der NS-Diktatur das KZ – als Kommunistin sollte ihr erst der Prozess gemacht werden.

Angst ist der vorherrschende Gott meiner Kindheit heißt es an einer Stelle, und es gelingt Eva Menasse eindrucksvoll, dies im Gespräch als Schlüssel zum Werk und politischen Wirken Schindels herauszuarbeiten. Der Verzicht auf dramaturgische „Geschmacksverstärker“ ist wohltuend, er ermöglicht und erlaubt die hohe Konzentration, die das weitgreifende und im besten Sinn ernsthafte Gespräch über Politik, Weltanschauungen, ästhetische Gestaltung, Geschichte und Lebensgeschichte erfordert. Robert Schindel erweist sich als nachdenklicher, lebendiger Erzähler ohne Hang zur Selbststilisierung – nicht zuletzt, weil Menasse auf floskelhaftes Aufrufen von Lebens- und Werkstationen in Influencer-Manier verzichtet und stattdessen kenntnisreich Werk und Leben verknüpft. Gut ausgewählt ist auch das eingespielte Archivmaterial, das – mehrere Jahrzehnte umspannend – das (umfang-)reiche Werk und die komplexe Künstlerpersönlichkeit des Lyrikers, des Essayisten und politischen Romanautors Robert Schindel sinnfällig illustriert.

Die ursprünglich im Rahmen des Münchner Literaturfests geplante zweitägige öffentliche Jurysitzung und Preisverleihung Ende November musste coronabedingt leider entfallen

Mitglieder der Jury

Der Jury 2020 gehörten an: Ingo Fliess (Filmproduzent), Dagmar Knöpfel (Filmregisseurin, Drehbuchautorin), Volker Koepp (Dokumentarfilm-Regisseur), Antje Kunstmann (Verlegerin), Dagmar Leupold (Autorin) und Thilo Wydra (Autor, Journalist) sowie die Stadträtinnen und Stadträte Klaus Peter Rupp (SPD/Volt), Beatrix Burkhardt (CSU), Marion Lüttig (Die Grünen-Rosa Liste), Thomas Niederbühl (Die Grünen-Rosa Liste) und Dirk Höpner (ÖDP/FW).