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Starter-Filmpreise 2017


Auszeichnungen für Filme des Münchner Regie-Nachwuchses vergeben

An Moritz S. Binder, Annelie Boros, Michael Ciesielski und Yulia Lokshina (Produktion)

Der Stadtrat der Landeshauptstadt München entschied am 6. Juli 2017 auf Vorschlag einer Jury über die Vergabe der diesjährigen Starter-Filmpreise. Mit den Starter-Filmpreisen werden jährlich drei künstlerisch herausragende Projekte des Münchner Regie-Nachwuchses ausgezeichnet, sie sind mit 6.000 Euro dotiert. Weiterhin wird der „Starter-Filmpreis / Produktion“, gestiftet von ARRI Media GmbH, als geldwerte Leistung in Höhe von 6.000 Euro für die Postproduktion eines künftigen Films vergeben.

Die Preisträgerinnen und Preisträger sind:

  • Moritz S. Binder für „Thumb“
  • Annelie Boros für „Fuck white Tears“
  • Michael Ciesielski für „Kleinheim“
  • Yulia Lokshina, Isabelle Bertolone, Marius Ehlayil für „Tage der Jugend“  (Produktionspreis)

Jurybegründungen

Moritz S. Binder: Thumb

Keywan und sein todkranker Vater begeben sich auf eine letzte gemeinsame Reise. Es ist eine Fahrt, die beide zusammenführen wird, und an deren Ende doch die unausweichliche Trennung steht. Die Geschichte vom Abschiednehmen zweier Generationen inszeniert Regisseur Moritz S. Binder als bilderstarkes und feinfühliges Roadmovie, in dessen Verlauf unzählige Transiträume durchlaufen werden. Wartezimmer, Korridore, Hotels und Raststätten werden zu Sinnbildern eines zu Ende gehenden Lebens, von Kameramann Tim Kuhn gekonnt ins Bild gesetzt. Die Räume stehen auch ein für die Herkunftsgeschichte der Protagonisten, die Ankerpunkte in verschiedenen Ländern und Kulturräumen haben. Sie sind so auch Symbol für ein Leben zwischen Aufbruch und Ankunft.
Moritz S. Binders Inszenierung erweist ein großes Gespür für die Zeit, die Szenen brauchen, um sich fast beiläufig und ganz und gar entdramatisiert zu entfalten. Die ebenso natürliche wie punktgenaue Mise-en-scène findet im gewählten 4:3-Format, der Bildkadrierung und im Wechsel der Tiefenschärfe höchst filmische Entsprechungen für die innere Einkehr der Figuren und zieht auf ganz und gar sinnliche Weise in den Bann.

Annelie Boros: Fuck white Tears

„Du kommst hier her und schießt mit der Kamera auf uns wie auf Tiere.“
Die Filmemacherin ist in Kapstadt, Südafrika, um einen Film über die Studentendemonstrationen dort zu machen. Doch die Menschen vor ihrer Linse begegnen ihr mit Wut und Ablehnung. Sie wollen nicht, dass sie als Weiße einen Film über ihre schwarze Protestbewegung macht.

Anstatt diesen Konflikt auszusparen und starr ihr ursprüngliches Vorhaben durchzuziehen, macht Annelie Boros ihn zum Gegenstand ihrer Erzählung. Sie versucht, zu ergründen, wovon diese heftigen Reaktionen herrühren. Auf diesem Wege gewinnt sie die Bereitschaft einiger Menschen, vor ihre Kamera zu treten und ihre Situation, ihre Ansichten zu erklären. Wir erfahren nicht nur etwas über die Lage der Protestierenden, sondern darüber hinaus über jahrhundertealte Grenzen und Machtverhältnisse in Südafrika zwanzig Jahre nach der Apartheid.
'Fuck White Tears' erzählt mit den klassischen Mitteln der Fernsehreportage und doch ist das Ergebnis weit mehr als das. Annelie Boros hält sich nicht heraus, versteckt sich nicht in der Draufsicht, sondern hinterfragt ihre eigene Verantwortung in diesem System. Indem sie uns als Zuschauer/innen daran teilhaben lässt, lädt sie uns dazu ein, unsere eigene Haltung kritisch zu betrachten und regt eine Diskussion an, die auch lange nach Sichtung des Films noch weiter gehen wird.

Michael Ciesielski: Kleinheim

Eine Idylle en miniature: Ein kleines Dorf, nur wenige Häuser, irgendwo in Niederbayern. Zwischen Maisfeld, Grillplatz und der Bank an der verwaisten Bushaltestelle spielt sich der Alltag fünf junger Bewohner ab. Zu tun gibt es nichts, außer Abhängen, ein ganz normales Dorfleben. Nur eine will ausbrechen: Jessica hält es nicht mehr aus, sie will weg und versucht, ihren Freund zum Mitkommen zu überreden. In seiner Antwort klingt erstmals die Bedrohung an: Wo willst du denn hin, es ist noch keiner zurückgekommen von denen, die gegangen sind. Und außerdem: Warum abhauen, wenn alles, was man braucht, buchstäblich vom Himmel fällt? Sei es Toilettenpapier oder Eis: Stets bekommen die Bewohner, was sie wollen oder brauchen, ehe sie es auch nur selbst wissen. Nur Tim, der leicht übergewichtige Außenseiter, ist bereit, mit Jessica, in die er heimlich verknallt ist, ins Ungewisse aufzubrechen ...
Hölle oder Paradies? Sich abfinden mit unakzeptablen Bedingungen oder stillhalten und durch? Das ist die Frage in Michael Ciesielskis fünftem Kurzfilm. Mit minimalem Aufwand und einem Budget von 1.000 Euro erzielt er mit seiner kleinen intelligenten Geschichte beachtliche Wirkung - eine Parabel um Abhängigkeit von und lückenlose Überwachung durch Technik.
Gedreht bei Dorfen, im typischen Niederbayern-Klischee, fordert die Auflösung zum Schluss eine universelle Entscheidung: Bleiben wir gefangen im Goldenen Käfig oder brechen wir aus und riskieren alles bei der Suche nach Freiheit? Die Antwort hält der Film offen.

Starter-Filmpreis / Produktion

Tage der Jugend
Regie: Yulia Lokshina, Produktion: Isabelle Bertolone, Marius Ehlayil (wirFILM)

Fröhliche junge Gesichter, ausgelassene Verspieltheit inmitten ursprünglicher Natur. TAGE DER JUGEND zeigt eine Idylle, so scheint es. Russische Mädchen und Jungs verbringen den Sommer in einem Jugendcamp auf der Insel Sachalin, 8000 Kilometer entfernt von Moskau. Es wird gescherzt, Sport getrieben, aber auch geübt, wie man einen Angreifer entwaffnet und kampfunfähig macht. Zur Sicherheit erklärt ein Geistlicher die Welt nach den Regeln seiner Kirche, damit auch der Letzte im Camp versteht, wo der Feind steht. Es stellt sich heraus: der paramilitärische Aspekt ist außerordentlich wichtig. Ebenso wie die ideologische Indoktrination und das Beschwören vermeintlich patriotischer Tugenden. Unschuldig sieht das aus, heiter teilweise und suggestiv in seiner Ästhetik - gerade deswegen erschreckend. Yulia Lokshina erzählt in ihrer Dokumentation in mitunter betörenden Bildern von der Verführung zu einer simplen Sicht auf die Welt, von der Versuchung sich über Stärke zu definieren. Lokshina gelingt es dabei die Protagonisten zu respektieren und nie zu denunzieren, auch wenn vieles aus westlicher Sicht oft die Grenze zum Grotesken überschreitet. Ein Film, der auch ohne Kommentar aus dem Off viel erklärt, durch die Macht der Bilder und das Talent der Filmemacherin, nah heranzurücken an das, was sie zeigt, ohne sich gemein zu machen. Ein bemerkenswert souveräner Film, der ein vielschichtiges Sujet gekonnt angeht und dem Zuschauer eine unbekannte Welt zeigt, die weit entfernt scheint. Und dennoch  Themen anspricht, die auch unmittelbar mit uns zu tun haben. Das süße Gift der einfachen Wahrheiten wirkt hier auf die Jugendlichen und obwohl es buchstäblich am anderen Ende der Welt stattfindet, spiegelt es, dass dies überall geschehen kann. Auch bei uns.

Jurymitglieder

Der Jury gehörten an: Dunja Bialas (Artechock Filmmagazin), Marga Boehle (Filmkritikerin), Rainer Gansera (Filmkritiker Süddeutsche Zeitung), Zoran Gojic (Filmkritiker Münchner Merkur), Walter Greifenstein (Bayerisches Fernsehen), Mirjam Orthen (Preisträgerin 2016) und aus dem Stadtrat Klaus Peter Rupp und Christian Vorländer (SPD), Sabine Krieger und Marian Offman (CSU) und Sabine Krieger (Fraktion Die Grünen - rosa Liste).

Die Verleihung der Starter-Filmpreise und der Kinoprogrammpreise 2017 findet am Mittwoch, 18. Oktober im Rahmen einer geschlossenen Feier im ARRI-Kino statt.