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Starter Filmpreise 2020


Auszeichnungen für Filme des Münchner Regie-Nachwuchses vergeben

Der Stadtrat der Landeshauptstadt München entschied am 05.08.2020  auf Vorschlag der Jury über die Vergabe der diesjährigen Starter-Filmpreise. Mit den mit jeweils 6.000 Euro dotierten Starter-Filmpreisen werden jährlich drei künstlerisch herausragende Projekte des Münchner Regie-Nachwuchses ausgezeichnet.

Weiterhin wird der „Starter-Filmpreis / Produktion“, gestiftet von ARRI Media, als geldwerte Leistung in Höhe von 6.000 Euro für die Postproduktion eines künftigen Films vergeben.

Die Preisträgerinnen und Preisträger sind Mariko Minoguchi für „Mein Ende. Dein Anfang“, Anna Roller für „Die letzten Kinder im Paradies“, Berthold Wahjoudi für „Summer Hit“ sowie Narges Kalhor für „In the name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran“ (Starter-Filmpreis / Produktion).

Jurybegründungen

Mariko Minoguchi: Mein Ende. Dein Anfang.

Packend und poetisch, herzerfrischend und herzzerreißend: „Mein Ende. Dein Anfang.“, das Langfilmdebüt der Münchner Drehbuchautorin und Regisseurin Mariko Minoguchi, ist eine Wucht. Ihr raffiniert konzipiertes und bravourös inszeniertes Kinodrama führt uns auf verschiedene Lebenswege, die sich allesamt in einem verhängnisvollen Moment kreuzen. Eine außergewöhnliche Geschichte, dargeboten auf äußerst originelle Weise: Offenbar inspiriert von Meisterregisseuren wie Christopher Nolan oder Alejandro Gonzáles Iñárritu, fordert Mariko Minoguchi das Publikum, ohne es zu überfordern – sie erzählt in klug durchdachten Zeitsprüngen, so dass sich das bewegende Geschehen in den Köpfen der Zuschauer*innen allmählich wie ein Puzzle zusammensetzt. Dabei überzeugt die Autodidaktin nicht nur mit verblüffender Souveränität in puncto Dramaturgie, Figurenzeichnung und Schauspielführung, sondern überrascht auch immer wieder mit bezaubernden Einfällen. Liebe und Tod, Schuld und Vergebung, Trauer und Hoffnung, Zufall und Schicksal: Mutig wagt sich Mariko Minoguchi an große Themen; sie zeigt keine Scheu vor großen Gefühlen und beweist ein feines Gespür für große Kinomomente. Nach ihrem Film verlässt man den Saal zutiefst berührt und beglückt – und voller Zuversicht, dass man von dieser fabelhaften Filmemacherin noch viel Großes erwarten darf.

Anna Roller: Die letzten Kinder im Paradies

Kurzgeschorenes Haar - ein Junge, ein Mädchen? Wolfsgeheul. Der Film beginnt und bleibt ungewöhnlich, fesselnd, tief bewegend. Bemerkenswert erzählerisch rund und reif - ein jedes Bild hat seinen Platz und seine Symbolik und ist dennoch authentisch und beobachtend erzählt. Poesie und realer Dreck unter den Fingernägeln greifen ineinander, ohne auch nur für eine Sekunde nur Erzählmittel zu sein.

„Die letzten Kinder im Paradies“ handelt von nicht weniger als der Transformation allen Lebens, von Tod und Geburt, vom Verlust der Kindheit und den Versuchungen und Höllen des Erwachsenwerdens. In einer zeitlosen Welt im Wald verortet, ist der Film ein handwerklich meisterhafter Mix aus Märchen, Genre-Film und Coming-of-Age-Drama. Anna Roller zeigt in ihrer Regiearbeit einmal mehr, dass sie ihre Sprache gefunden hat. Sie versteht, alle filmischen Gestaltungsmittel in eindringlicher Genauigkeit auszuschöpfen. Die nuancierte Tonebene - Streicheln klingt samtig und durchs Haar fahren kratzig. Die Schauspielführung - beeindruckend in Natürlichkeit und Nähe.
Die überwältigende Bildkraft - ein eigener Kosmos, visuell wie erzählerisch. Die Kunst der Filmregie wurde kongenial eingefangen von Felix Pflieger, der für seine Arbeit an diesem Film bereits mit dem Deutschen Kamerapreis in der Kategorie Nachwuchs ausgezeichnet wurde. Die Jury ist beeindruckt von dieser starken Leistung und wünscht Anna Roller, dass sie auf ihrem kommenden kreativen Weg in den ersten Lang-Film ihre Experimentierfreude am Kino als Kunstform behält.

Berthold Wahjudi: Summer Hit

Eine lässige Rom-Com ist schon schwer genug. Eine Rom-Com, die München zu einem erotisch flirrenden dritten Protagonisten um einen Flirt herum aufbaut, dann aber richtig überraschend. Regisseur Berthold Wahjudi und seinen Produzenten von Gute Zeit Film, denen präzises Gespür für Orte so wichtig ist, ist beides gelungen, indem Wahjudi zwei Studierende in einer On-Off-Beziehung in einem Auslandsemester in München zeigt, in einer Stadt, die ihr Gesicht in der letzten Dekade internationalisiert hat. Mit hintersinnigem Humor, der die Zuschauer*innen nicht lenkt, sondern ihnen selbst den Weg zum Schmunzeln überlässt, wird hier die Begegnung von Laia (Martina Roura) und Emil (Atli Benedikt) inszeniert - die sich lachend bis verstört darüber auslassen, ab dem wievielten Mal Sex man eigentlich so etwas wie „Ich liebe Dich“ sagen kann. Wie hier studentisches Leben inszeniert wird, ist aufsehenerregend, weil so wunderbar nebenbei, an der Pointe vorbei und mitten hinein ins Leben inszeniert. In Szene gesetzt ist der Talk nach dem Sex, die Zeit dazwischen, die nächste Begegnung bei der Party, die vielleicht schon zum „nächsten Mal“ führt. Und immer dabei ein Sommerhit, der titelgebende „Summer Hit“, der nervtötend aus Radios oder Wlan Boxen scheppert, und der doch der Grundton eines unvergesslichen Erlebnisses ist. Wie die tiefst gehenden Erinnerungen: Vergänglich, zu schnell vorbei, bald ein Foto oder Legende - und doch nachhaltig prägend als Sehnsucht nach der eigenen Jugend. Der Film macht Lust auf mehr - vom Leben, vom Reisen, vom Miteinander, von München, von Berthold Wahjudi.

Narges Kalhor: In the name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran (Starter-Filmpreis / Produktion)

„In the name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran“ ist ein Feuerwerk. Verschiedene Erzählstränge werden angedacht und steigen dann wie eine Leuchtrakete in die Luft. Wir Zuschauer*innen folgen ihnen staunend.
Was ist Kultur und wie entsteht sie? Entsteht sie im Kopf der Regisseurin oder am Schreibtisch des Redakteurs? Will sie erotisch oder politisch erzählen? im deutschen Kulturbetrieb reüssieren oder von den eigenen Wurzeln im Persien von vor 5000 Jahren erzählen? Die Count-Down Animation dazu ist atemraubend.
Narges Kalhor erzählt uns Geschichten. Wie sie gegen Schnupfen und ihren Redakteur kämpft und von Scheherazade, der ersten großen weiblichen Erzählerin. Sie erzählt uns auch vom ersten bayerischen Biergarten, der angeblich in Teheran entstehen soll.
So vielfältig wie ihre Geschichten sind auch die Erzählformen. Dokumentarisch – wie Bilder von Ermordeten, und Bilder, die während ihres Filmstudiums in Teheran entstanden sind. Spielerisch: sie lässt eine Jahrmarktsängerin auftreten, als Scherenschnitt oder Animation. Akustisch immer fordernd und mit den  unterschiedlichsten Musiken. Der Film besticht durch seine kreative Vielfalt. Beim Zuschauen entsteht ein Gedanke: Haben diese Geschichten miteinander zu tun? Erzählen sie vom Leben im Exil in der bayerischen Metropole?
„In the name of Scheherazade oder der erste Biergarten von Teheran“ ist ein sehr aktueller Film über die Suche nach Identität in der bayerisch-internationalen Landeshauptstadt München.