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Starter Filmpreise 2021


Auszeichnungen für Filme des Münchner Regie-Nachwuchses vergeben

Der Stadtrat der Landeshauptstadt München entschied am 11. Mai 2021  auf Vorschlag der Jury über die Vergabe der diesjährigen Starter-Filmpreise. Mit den mit jeweils 6.000 Euro dotierten Starter-Filmpreisen werden jährlich drei künstlerisch herausragende Projekte des Münchner Regie-Nachwuchses ausgezeichnet.

Weiterhin wird der „Starter-Filmpreis / Produktion“, gestiftet von ARRI Media, als geldwerte Leistung in Höhe von 6.000 Euro für die Postproduktion eines künftigen Films vergeben.

Jurybegründungen

Linda-Schiwa Klinkhammer: Mamanam

Inspiriert vom Leben ihrer Großmutter, erzählt die HFF-Studentin Linda-Schiwa Klinkhammer in ihrem bezaubernden Kurzfilm „Mamanam“ von einer jungen Frau namens Hanna, die sich in den 1970er Jahren doppelt emanzipieren muss: zum einen von ihrer dominanten Mutter, die möchte, dass Hanna den elterlichen Laden fortführt, und zum anderen von ihrem patriarchalischen Ehemann Daryoush, der will, dass Hanna mit ihm und ihrer siebenjährigen Tochter Kimîa in seine Heimat Iran übersiedelt. Das Besondere an „Mamanam“: Die Geschichte wird vollständig aus der Sicht eines Kindes geschildert – aus der von Kimîa, die zu Weihnachten eine Super-8-Kamera geschenkt bekommt, mit der sie ihre Familie fortan filmt. Die Umsetzung dieses originellen, ambitionierten und kniffligen Regiekonzepts ist dabei auf wundervolle Weise geglückt. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor und Bildgestalter Philipp Link hat die Regisseurin Momente von umwerfender Unmittelbarkeit und berührender Intimität geschaffen, die so inszeniert sind, dass sie wie authentische Amateuraufnahmen wirken: fragmentarische Super-8-Filmschnipsel, die vermeintlich keiner stringenten Dramaturgie folgen – als würde man einfach dem Leben bei seiner Arbeit zusehen. Doch in Wahrheit sind die Szenen extrem klug und präzise konzipiert. So beobachtet Kimîas Kamera etwa Hannas Füße unter dem Tisch, während auf der Tonspur komplexe Konflikte ausgetragen werden. Viele stimmige, scheinbar beiläufig eingefangene Details machen die Atmosphäre der damaligen Zeit spürbar und offenbaren einen genauen dokumentarischen Blick. Kein Wunder: Linda-Schiwa Klinkhammer hat als Dokumentaristin begonnen. „Mamanam“ ist ihr erster Spielfilm. Wir freuen uns schon auf weitere.

Josef Fink: Dorfjugend

Der Steirer Josef Fink ist ein Talent. Das muss man einfach mal so festhalten. In seinem auf 16mm gedrehten Kurzspielfilm „Dorfjugend" gelingt es ihm nach eigenem Drehbuch, das er zusammen mit Hendrik Focken geschrieben hat, in 19 Minuten eine ganze Welt entstehen zu lassen. Einen lebendigen Kosmos von dörflichem Zusammenhalt, Friktionen, Langeweile und Aufbruch – fernab großstädtischer Lebensart. Fink inszeniert mit knappstem Budget seine Fabel von Freundschaft und Konvention, ist dabei ganz nahe an seinen überzeugenden jugendlichen Darstellern. Wie ist das, wenn der beste Freund auf einmal eine arrangierte Hochzeit eingeht mit einer Partnerin, die ihm fremd ist? Wie verhält man sich, wenn eine Lebensbeziehung auf die Probe gestellt wird? Dank kluger Inszenierung rutscht dabei die Geschichte nie ins Klischee ab – man erfährt etwas von regionalen Kontexten, von Brotherhood, und zugleich schafft Fink es in seinem an der HFF München entstandenen Film Lebensgefühle real ins Filmische zu überführen. Dabei werden geschickt Subtexte eingearbeitet und ein Blick auf junges Leben in der Region vermittelt. Hinzu kommen eine gute Bildgestaltung und stimmiges Timing. So erzählt dieser „kleine Film" sehr viel und macht neugierig auf die weitere Arbeit des Regisseurs.

Verena Wagner: schichteln

Ein verheißungsvolles Summen, nah am Stimmen von Violinen im Orchestergraben, eine Industriehalle in rotgoldnem Licht in Warteposition, hier regt sich was, dort regt sich was. Wir stimmen uns ein aufs Lauschen und Beobachten, auf einen Film, in dem Zeit keine Rolle spielt, in dem wir nicht mitfiebern und erwarten, sondern eintauchen und staunen.
In „schichteln“ erleben wir für eine Nacht den wunderbaren und geheimnisvollen Arbeitsreigen in einer Glashütte zwischen Schweiß und Feuerglanz, Ventilatorenrattern und Glasklirren.
Verena Wagners Film könnte ein beeindruckendes Handwerk an einem beeindruckenden Ort erzählen, aber sie will mehr. Sie fragmentiert, wiederholt, pausiert und erzählt damit ungewöhnlich, präzise und intensiv. „schichteln“ ist ein geschichteltes Seherlebnis, das die Regisseurin selbst treffend mit einer Symphonie vergleicht: Da sind die malerischen Bilder zwischen ganz groß und ganz klein, für die der Kameramann Matthias Kofahl für den Deutschen Kamerapreis 2021 in der Kategorie Nachwuchs nominiert ist. Da ist der Schnitt von Ulrike Tortora, der keine Abläufe auserzählt, sondern Teilaspekte herausgreift und so die Spannung der Bilder aufrecht erhält. Und da ist das Sounddesign von Andrew Mottl, das in einem Grundrauschen aus Wasser, Feuer und Ventilatoren einen Sog entwickelt, uns mitzieht und festhält. „schichteln“ ist ein Gesamtkunstwerk und der zweite Film von Verena Wagner im Rahmen ihres Studiums an der HFF München – eine beachtliche filmemacherische Leistung.

Denise Riedmayr (Regie), Lillian Malan und Philipp Link (Produktion): an Anna (Starter-Filmpreis / Produktion)

Denise Riedmayrs Film „an Anna“ gelingt es, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit Sommerflirren zu verbinden. Coming-of-Age, neu gedacht. Es geht um die Frage selbstbestimmter Sexualität, gleichzeitig um das Jungsein selbst, darum, sich zugehörig zu fühlen, sich ausgeschlossen zu fühlen, sich selbst zu finden und dabei durchaus andere auch zu verlieren. Regisseurin Denise Riedmayr bleibt dabei ganz bei ihrer von Emma Preisendanz gespielten Protagonistin, die sich um so fremder unter ihren Freunden fühlt, je mehr es in den Gesprächen, den Lieblingssongs, den Gesten und Ritualen um Sex geht. Anna fühlt sich zu ihren ersten sexuellen Erfahrungen gedrängt, irgendwas fühlt sich nicht richtig an. Sie erkennt sich selbst als asexuell. „an Anna“ porträtiert sie als zutiefst sinnlichen Menschen, der sich selbst erforschen muss und natürlich darf. In Nahaufnahmen, Verfremdungseffekten auf der Tonebene, in der zunehmenden Kameradistanz zu den Freunden und im gelungenen Spiel des jugendlichen Cast entfaltet sich Annas Sicht auf die Welt. Zugleich zeigt die Genauigkeit der Lebenswelt eine aufregende produzentische Handschrift: im nun bereits mehrfach mit Starter-Preisen gewürdigten Münchner Filmkollektiv von Gute Zeit Film sammeln sich junge Filmemacher*innen, die besonders präzise auf das Jetzt blicken. 

Jurymitglieder

Mitglieder der Jury waren Markus Aicher, Bayerischer Rundfunk; Dunja Bialas, Filmjournalistin; Christoph Gröner, Filmfest München; Katharina Köster, Regisseurin; Nicole Leykauf, Produzentin; Marco Schmidt, Kulturjournalist; und aus dem Stadtrat: Marion Lüttig, Fraktion Die Grünen-Rosa Liste; Thomas Niederbühl, Fraktion Die Grünen-Rosa Liste; Ulrike Grimm, CSU-Fraktion; Lars Mentrup, Fraktion SPD/Volt; und Hans-Peter Mehling, Fraktion ÖDP/FW.