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Schwabinger Kunstpreise 2012


Jurybegründungen

Richard Oehmann und Josef Parzefall für ihr "Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater"

Man braucht viel Geduld und Großmut, wenn man seinen Nachwuchs zu Kultur erziehen will, jedoch gibt es die von Psychologen verbürgte Gewissheit, dass sich Geschmack erst im späten Kindesalter entwickelt.
Doch da gibt es ein Kasperltheater, das „geschmackvoll“ in seinem Namen führt. Wenn das bedeutet, dass dieses Theater das rechte Mass hat an Humor und Wahnwitz, aber auch Verständnis und Gefühl für die Eskapaden, die ein Kinderhirn vollführen kann, dann müsste man sich um das Publikum der Zukunft für die großen Theater keine Sorgen machen. Und genau so ist das, wenn die theatrale Initiation mit „Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater“ geschieht. Nach vielen Jahren im Münchner Süden, einer Station im Glockenbachviertel und zehn Hörspiel-CDs haben die beiden Puppenspieler, Bühnenarbeiter, Textdichter … also einzigen Mitarbeiter des Theaters, Richard Oehmann und Josef Parzefall, zum Glück der Schwabinger und ihrer Kinder im „Theater .. und so fort“ in der Kurfürstenstrasse einen Spielort gefunden.
Sollten sich die Psychologen über das Alter bei der Geschmacksausbildung geirrt haben, wäre es also nicht so schlimm. Die Schwabinger Eltern müssen halt nur ihre Kinder zu Doctor Döblinger zum geschmackvollem Kasperlgucken schicken, jawohl.

Stefan Winter

Stefan Winter ist Musikproduzent in bestem Sinn mit einem breiten musikalischen Spektrum, der keine Scheuklappen und Berührungsängste kennt. Und so stehen herausragende Produktionen von Barockmusik und Klassik, von Neuer Musik und Avantgarde-Jazz im sogenannten Showroom in einem Altbau der Schwabinger Viktoriastraße einträchtig nebeneinander. Nicht zu vergessen jene Hörfilme, in denen Stefan Winter mit einer Mischung aus Geräuschen und Musik jene Suggestion erzeugt, die manchmal mehr Phantasie und Sehnsüchte freisetzt, als dies Filmbilder tun.
Der Raum in der Viktoriastraße ist mehr als der Showroom eines Plattenlabels: Er ist guter alter Plattenladen - von denen es heute fast keine mehr gibt -, er ist ein Café und eine kleine Galerie, in der Künstler ausstellen. Manchmal jene, die die Coverdesigns von Winter & Winter gestalten, die oft kleine Kunstwerke für sich sind.
Die in seinen Augen künstlerisch notwendige Rückkehr zur Analogtechnik kann Stefan Winter mit einer Leidenschaft und Überzeugungskraft vertreten, die die Klangmanipulierer des Digitalzeitalters ganz schön alt aussehen lassen.
Stefan Winter ist ein Schwabinger, der international vernetzt ist. Der zu Werner Herzogs 70. Geburtstag demnächst eine Klanginstallation in der Berliner Schaubühne machen wird und von der Bundeskulturstiftung den Auftrag hat, eine Inszenierung zum Thema Christen, Juden und Moslems zu entwickeln.

Anatol Regnier

Enkel des berühmten Frank Wedekind zu sein ist kein leichtes Los. Anatol Regnier wurde 1945 als Sohn der Wedekind-Tochter Pamela und des Schauspielers Charles Regnier geboren. Und er lässt sich nicht von der Namens-Bürde eines bekannten Schriftsteller- und Schauspieler-Clans erdrücken, sondern arbeitet sie exemplarisch auf. Seine Musik-Begabung hat er in einer Karriere als Gitarrist und Gitarren-Dozent verwirklicht. Als Chansonnier und Rezitator hat er die Lieder seines Großvaters wiederbelebt. Seit 1997 hat er sich einen Namen als Schriftsteller auf biografischen Spuren gemacht. Nach seinem Erstling „Damals in Bolechow“ hat er sich als Historiograf seiner Familiengeschichte gewidmet - mit einem Buch über seine Großmutter Tilly Wedekind und ihre Töchter Kadidja und Pamela, seine Mutter, und mit einer ebenso spannenden Biografie Frank Wedekinds. Regnier bleibt stets ein distanziert abwägender, genauer Erzähler, ohne verwandtschaftliche Sentimentalitäten. Dadurch und mit seinen Vortragsabenden erhält er ein Stück Münchner und Schwabinger Kulturgeschichte lebendig.

Jurymitglieder

Karl Forster, Süddeutsche Zeitung; Ronald Köhler, BR-Fernsehen; Gabriella Lorenz, Abendzeitung; Martina Scherf, Süddeutsche Zeitung, und Michael Schleicher, Münchner Merkur.