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Stipendien für Bildende Kunst - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis der Landeshauptstadt München 2014


Jurybegründungen der Stipendien

Heike Jobst

Ausgangspunkt für das Projekt „Mnemosyne“ (Erinnerung und Wissen) der 1981 in Speyer geborene Künstlerin Heike Jobst ist die Beschäftigung mit dem Ort des Museums als organisiertem Wissensspeicher. Dabei interessiert Heike Jobst die Frage, wie Sammlungen entstehen, wie sich Ordnungs- und Verweissysteme herausbilden, wie Zusammenhänge immer wieder neu interpretiert werden können und wie sich daraus Hypertextstrukturen ablesen und deuten lassen.
Inspiriert durch Besuche in bedeutenden Sammlungen, wie dem Naturhistorischen Museum in Wien, entwirft die Künstlerin für die von ihr geplante Rauminstallation eigene „Sammlungs-stücke“ – Objekte, die sie aus Papier und Buchbinderleinen herstellt. Ihre Zeichnungen auf dreidimensionalen Papiermodellen werden durch eine spezielle Schraffurtechnik aus feinen Bleistiftlinien zu skulpturalen Objekten, die sie in Regalsystemen zu übergreifenden, ästhetischen Anordnungen arrangiert. Durch Neuorganisationen wird dieses Arrangement permanent weiterentwickelt. Dabei entsteht ein verschachteltes System aus Original und Reproduktion, aus Präsentation und Dokumentation, das an die netzartige Organisation von Hypertextstrukturen anknüpft und den Betrachter mit seinen individuellen Erinnerungs- und Projektionswelten miteinbezieht.
Heike Jobst überzeugt mit einer sehr eigenständigen künstlerischen Herangehensweise, indem sie die Grenzbereiche zwischen Zeichnung, skulpturalem Objekt, Installation und fotografischer Dokumentation auf reizvolle Weise neu auslotet. Das Projekt „Mnemosyne“ (Erinnerung und Wissen) ist eine konsequente Weiterentwicklung ihrer langjährigen Beschäftigung mit Formen des Displays. Die neuen prozessualen Raum- und Versuchsanordnungen bieten vielschichtige Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten und hinterfragen nicht nur gängige Präsentationssysteme, sondern auch eigene Erzählungen und Identitäten.

Angela Stauber

Angela Stauber wirkt mit ihrem Projekt "die reflexion der stadt" mit abstrakten graphischen Mitteln direkt in die alltägliche Erfahrungswelt der Konstruktion Großstadt hinein. Die von ihr geplanten großformatigen Plakate, die auf jeweils für den einzelnen Ort angefertigten Linolschnitten basieren, unterbrechen die oft allzu gegenständliche, verdinglichte Welt der Werbefassaden und verführen den Betrachter zu einer aufmerksameren Wahrnehmung der alltäglichen urbanen Umgebung, zu einem Nachdenken über die dahinterliegenden sozialen und ökonomischen Konstruktionen und deren Verschränkungen im und mit dem Stadtraum.
Der öffentliche Raum ist immer auch Raum privater Interessen und individueller Interpretationsweisen, die oft unsichtbar bleiben oder "uniform kreativ" gar nicht mehr wahrgenommen werden (wollen). Angela Stauber beschäftigt sich in ihrer Malerei seit langem mit der Erfahrbarkeit von Raum und Räumlichkeit; anschaulich wird dies beispielhaft in ihrer Serie "Zur Vermessung des Raums" (New York, 2013) in der sich die Künstlerin zeichnerisch mit der Flüchtigkeit und Dynamik, aber auch den Details und den unterschiedlichen Realitätsebenen des lärmenden Stadtraums auseinandersetzt.
Angela Staubers Projekt, mit dem sie die künstlerische Forschung am Stadtraum durch großformatige graphische Arbeiten direkt in das Stadtbild einbringt, stellt sowohl eine logische Fortführung ihrer bisherigen Arbeitsweise dar als auch eine qualitative Erweiterung hinsichtlich einer ästhetischen Konfrontation mit dem erfahrbaren urbanen Alltag und dem individuellen Verständnis von städtischem Raum.

Anja Uhlig / realitaetsbüro

Eine Samenbank für Nutzpflanzen, die Anja Uhlig 2009 auf der Inselgruppe Spitzbergen entdeckte, bildet den Ausgangspunkt für ihr auf längere Zeit hin angelegtes „Projekt Spitzbergen“. Seitdem sind unterschiedliche weitere Projekte entstanden, die dieses Werk, in dem sie künstlerische und wissenschaftliche Ansätze verbindet, kontinuierlich erweitern.
Beispielhaft dafür realisierte Uhlig 2013 ihre Arbeit, die sie selbst als „verborgenen Wald aus Menschen und Granatapfelbäumen“ bezeichnet und in der sie sich auf die Geschichte von Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ bezieht, in dem wiederum der Granatapfel eine wichtige symbolische Rolle spielt. Aus Granatapfelsamen gezogene Bäumchen wurden von der Künstlerin an Personen in München und Istanbul verteilt, die diese einpflanzten, so dass ein an verschiedenen Orten heranwachsender, aber zusammengehören-der „Granatapfelwald“ entsteht, der beide Städte verbindet. Mit weiteren 200 Bäumchen strickt Uhlig die Geschichte nun weiter: denn die Erzählung, auf die sich Schumann in seinem Oratorium bezogen hatte, war das Orientepos „Lalla Rookh“ des irischen Autors Thomas Moore. In ihrem Projekt „Seedbank of Love and Stories: Bäume zu Geschichten“ soll die Reise dieser 200 Granatapfelbäumchen nun in ein altes Postamt im Nordwesten Irlands führen – an einen Ort sozusagen am Ende unserer westlichen Welt – , wo diese gegen Geschichten von Bewohnern getauscht werden. Das Postamt wird zum Archiv dieser Geschichten, die von dort aus – ganz im Sinne der Funktion eines Postamtes – wiederum in die Welt verschickt werden.
Ein wichtiges Motiv von Uhligs Werk ist die Beteiligung der Menschen vor Ort. Ihr Ziel ist es, eine Kommunikationsplattform zu schaffen, die ohne das künstlerische Projekt nicht möglich wäre. Anja Uhligs poetische Arbeiten berühren politisches, wissenschaftliches wie auch philosophisches Terrain und überzeugen durch ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Situativen und der conditio humana.

Lisa Katrin Winkler

Warum sind manche Geschehnisse aus der aktuellen Geschichtsschreibung ausgeklammert und warum werden andere überbetont? Wer gibt wem das Recht, sich zu äußern, und zu welchem Zeitpunkt? Wie ist Geschichte im gegenwärtigen Moment sichtbar und hörbar? – dies sind Fragestellungen, die die künstlerische Arbeit von Lisa Katrin Winkler leiten.
"towards memory" ist der Arbeitstitel eines Rechercheprojektes, in dem sich die Künstlerin die Aufarbeitung eines komplexen Kapitels der deutsch-namibischen Geschichte zum Ziel gesetzt hat. Im Zuge des namibischen Unabhängigkeitskampfes waren ab 1979 viele hundert Kinder in die ehemalige DDR geschickt worden und mussten kurz vor dem Fall der Mauer wieder zurückkehren nach Namibia. Auf Grundlage von Gesprächen, Archivrecherchen und Videointerviews wird das Projekt eine Spurensuche aufnehmen, um so die Folgen von Kolonialismus, Genozid, Vertreibung und Apartheid sichtbar zu machen und in der Zusammenarbeit mit den namibischen Protagonisten visuelle Strategien und Möglichkeiten der Darstellung zu entwickeln. Die Ergebnisse dieses künstlerischen Projekts werden in einer Mehrkanal-Videoinstallation und einer Publikation präsentiert werden.
Neben der reflektierten und exakten Ausarbeitung des Projektvorschlags überzeugten die Jury vor allem die Fragestellungen und die künstlerische Vorgehensweise: Die Suche nach historischen Fakten wird verbunden mit der Suche nach einer angemessenen visuellen Form; Strategien des Dialogs und der Kollaboration werden gegen die Erfahrung von Repression gesetzt.

Jurybegründung - Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Bildende Kunst 2014

Stefanie Hammann & Maria von Mier

Hinter dem Projekt HAMMANN&VONMIER stehen die zwei jungen Künstlerinnen Stefanie Hammann und Maria von Mier mit ihrer kollaborativen Praxis, die künstlerische Produktion und kuratorisches Handeln konzeptuell verschränkt. Besondere Aufmerksamkeit wird ihren Kooperationen mit Künstlerkolleginnen und -kollegen im Bereich des Self-publishing zuteil. Ihre Print-Projekte, die durch eine sehr eigenständige ästhetische Qualität bestechen, erschöpfen sich nicht im Produkt der klassischen Künstlerpublikation, sondern werden durch spezifische Präsentationsformen ergänzt.
Beispielhaft hierfür ist ihre konzeptuelle und bildhauerische Arbeit "success is closer than ever" zu nennen, die 2013 in der Ausstellung "festival of independents" im Haus der Kunst zu sehen war.
Stefanie Hammann und Maria von Mier verwirklichen mit ihrer kooperativen künstlerischen Praxis und ihrem engagierten Self Publishing-Verlag HAMMANN&VONMIER eine zukunftsweisende künstlerische Position und stellen einen wichtigen Bezugspunkt und eine breite Öffentlichkeits-Plattform gerade für eine junge Münchner Kunstszene her.

Der Jury gehörten an:

Dörte Bäumer (ARTMuc Verlag), Stephan Janitzky (lothringer13_laden), Iris Mickein (Kunstraum München), Evelyn Pschak (freie Kunstkritikerin), Katharina Weishäupl (BBK München), Ines Wiskemann (Kunstverein München) und aus dem Stadtrat Kathrin Abele und Dr. Constanze Söllner-Schaar (SPD), Ulrike Grimm und Marian Offman (CSU) und Sabine Nallinger (Die Grünen / Rosa Liste).