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Ernst-Hoferichter-Preise 2020 an Dana von Suffrin und Rudi Hurzlmeier


Jurybegründungen

Dana von Suffrin

Eine so junge Ernst-Hoferichter-Preisträgerin wie Dana von Suffrin, 1985 in München geboren, ist eine Ausnahme. Zumal die promovierte Historikerin und Komparatistin erst kürzlich ihren ersten Roman veröffentlicht hat. Dieses Debüt „Otto“ ist allerdings so umwerfend originell, weltoffen und komisch, dass ihr, einmal von der Jury entdeckt, der Hoferichter-Preis gewissermaßen zufallen musste.

Alles dreht sich um „Otto“ – einen fabelhaften Familienpatriarchen, besitzergreifend und tyrannisch, dann wieder entwaffnend liebenswert. Ein Siebenbürger Jude mit seltsamer Grammatik, ein mit dem Schrecken Davongekommener – entkommen der Verfolgung in Rumänien, vier israelischen Kriegen, zwei Ehen, sogar seinem eigenen Sterben, was nicht weniger als ein Wunder ist. Als Ingenieur war er über den Ruhrpott nach München gekommen, hier hat er Pension und Reihenhaus, aber seine Regale füllen „dicke Bände, die alle irgendwas mit ‚untergegangene Welt‘ oder ‚verlorene Kultur‘ hießen“ und die historischen Traumata anklingen lassen. Bewahrt wissen möchte Otto aber vor allem seine eigene Geschichte: „Meine Kinder, ich habe so viele schöne Erinnerungen, die ich euch bitte aufzuschreiben, bitte lasst unsere schöne Familiengeschichte nicht gelangen in Vergessenheit!“. Diese Forderung wird umso dringlicher, je durchsichtiger „Haare, Haut und Erinnerung“ werden. Seiner älteren Tochter Timna, der Ich-Erzählerin, ist es schließlich aufgetragen, diese „schöne Bitte“ zu erfüllen. Keine leichte Aufgabe, denn der zunehmend vergessliche Otto brachte nun „nicht nur Jahreszahlen durcheinander, sein Kopf gebar listige und schwerreiche Ahnen, er erfand ganze Gebirgsketten in den Karpaten.“

Dana von Suffrin gelingt es, aus den Bruchstücken von Erinnertem, Erzähltem und Erfundenem nicht nur ein höchst vielschichtiges Porträt von Otto entstehen zu lassen. Vielmehr verhandelt sie existentielle Themen – das Alter, jüdisches Leben in Deutschland, das fast unentwirrbare Geflecht einer Familie – sowie die (Un)Möglichkeit des Erzählens selbst gleich mit. Die „Heimsuchung“, die dieser Vater schon immer war, bedeutet, im doppelten Wortsinn, eben auch diese Suche nach Identität und Zugehörigkeit, in aller Widersprüchlichkeit. In Timnas Worten: „Siehst du, so hält er mich. So leise, nicht mit Gewalt. Fast nur mit einer Erinnerung, als ob er sagte: Du warst einmal klein, und wir waren zu fünft mit den drei Hunden in einem Wohnwagen und aßen von öligem Plastikgeschirr.“

„Otto“ – das ist nicht zuletzt ein großes Lesevergnügen, durchzogen von rabenschwarzem Humor; oft bleibt das Lachen im Halse stecken, um gleich im nächsten Absatz wieder hervorzubrechen. Ein Buch also, so der Rezensent Alexander Solloch, „das unbedingt zu lesen man jeden nur schön bitten kann“.

 

Rudi Hurzlmeier

Rudi Hurzlmeier, auch RuDiHu, wie er zuweilen signiert, dürfte nicht nur den Lesern des einschlägigen Satiremagazins Titanic bekannt sein, für das er seit 1986 kontinuierlich arbeitet. Er gehört überhaupt zu den ganz Großen der „Komischen Malerei“. Seine großformatigen Gemälde, meist in Acryl, seine pointiert gezeichneten Cartoons und illustrierten Comics haben bisher über 100 Ausstellungen und rund 45 Bücher gefüllt. Der Schriftsteller und Zeichner Robert Gernhardt erkennt in Rudi Hurzlmeier schon früh den Künstlertyp, dem rühmend nachgesagt wird, er sei ein „Malschwein“ und verfüge über die höchst seltene „Malfaust“. Ebenso beherrscht Hurzlmeier aber auch die schnelle Pointe, den kleinen feinen Cartoon, der mit sehr wenig Strichen auskommt. Angesichts seines stupenden handwerklichen Könnens mag man kaum glauben, dass Rudi Hurzlmeier Autodidakt ist – aber vielleicht ist er gerade deshalb so originell und unverbogen, mit nichts und niemand vergleichbar außer mit sich selbst.

Hurzlmeier erzählt in Bildern und malt Geschichten: prall und verschwenderisch, mit genauer Beobachtungsgabe, durchzogen von schwärzestem, urbayerischem Humor. Er verwendet Pathosformeln und gaukelt kitschige Idyllen vor, um dann tatsächlich mit bösem Schock und Lust am Grauen zu provozieren. Mit ironischem Augenzwinkern bedient er sich der Kunstgeschichte und stellt ihr eigene „Meisterwerken der goldigen Periode“ entgegen. Seine Virtuosität und Vielseitigkeit erlauben ihm zum Beispiel, Anleihen von Caspar David Friedrich und Monet in ein und demselben Bild zu verarbeiten. Der abgründige, philosophische oder auch fast pornographische Witz dann entsteht durch unerwartete und absurde Details, die beim Betrachter eine Überraschung provozieren, die gleichermaßen fröhlich und nachdenklich macht. – Kurz, Hurzlmeiers Werk, das ist „surrealistischer Barock, grenzensprengende Fabulierlust, ein Fest für die Sinne und die Un-Sinne“, (so der Kunstmann Verlag über seinen Autor.)

Wenn Rudi Hurzlmeier Bücher illustriert, stehen große Autorennamen an seiner Seite. Dazu gehören Wiglaf Droste und Truman Capote. Für Peter Hacks Kurzgeschichte „Die Dinge in Buta“ hat Hurzlmeier herrlich unanständige Bilder gemalt. Aus seiner kongenialen Zusammenarbeit mit Harry Rowohlt entstanden mehrere Bildbände, die seine Liebe zum Animalischen unter Beweis stellen, u.a. „Miez, Miez“ und „Happy Birds-Day“. Umgekehrt reimte Harry Rowohlt zum Gemälde Dolce Vita: "Ist man erstmal über'n Brenner, wird das Leben was für Kenner." Eines ist sicher: An diesem Preisträger hätten auch Ernst und Franzi
Hoferichter ihre helle Freude gehabt! "

 

Mitglieder der Jury

Dem Stiftungsbeirat gehören der Kulturreferent der Landeshauptstadt München, Anton Biebl (Vorsitz), der Leiter der Münchner Stadtbibliothek, Dr. Arne Ackermann, sowie Wolfgang Görl, Dr. Brigitta Rambeck, Michael Skasa und Christian Ude an.