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Tukan-Preis 2016


Jurybegründung

Tukan-Preis an Björn Bicker für sein Buch „Was glaubt ihr denn. Urban Prayers“

"'Was glaubt ihr denn. / Wer wir sind. / Was wir glauben. / (…) Wo wir beten. / (…) Wo wir euch begegnen könnten. / Wo wir euch begegnen wollen.' So spricht der 'Chor der gläubigen Bürger' zu Beginn von Björn Bickers Buch. Die gläubigen Bürger, das sind Pfingstler, Freikirchler, Juden, Muslime, Hindus, Sikhs, Buddhisten und andere, meist mit Migrationshintergrund, denen eine weitgehend säkulare Mehrheitsgesellschaft oft ignorant gegenübersteht. Bicker lässt sie zu Wort kommen, wobei es ihm weniger um die Glaubensinhalte selbst geht, als um das Verhältnis der Gläubigen zu ihrem sozialen und politischen Umfeld: der Ort ist München, eine 'religiöse Megacity'. Bestimmte Themenbereiche – wie Beten, Bauen, Heiraten oder Wählen – lose umkreisend, arrangiert Bicker eine Vielzahl anonym bleibender, sich wiederholender, bestärkender, korrigierender, aber auch widersprechender Stimmen zu einem sprachlich raffinierten religiösen 'Gebetsteppich', in den einzelne, immer wieder auftauchende Gesprächsfäden eingewoben sind, die die Erfahrungen unter anderem einer Lehrerin, einer Journalistin, eines Sozialarbeiters widerspiegeln.

'Was glaubt ihr denn' ist ein ebenso außergewöhnliches wie überzeugendes Buch zu dem wohl wichtigsten Thema unserer Zeit: der Auseinandersetzung mit Religionsgemeinschaften und den von ihren Mitgliedern gelebten Wertvorstellungen in einer sogenannten 'postsäkularen Gesellschaft'. Bicker wertet nicht. Ausgehend von zahllosen Gesprächen, die zunächst zu einem Theaterprojekt verarbeitet wurden ('Urban Prayers'), kondensiert er Originaltöne zu knappen Repliken, fächert form- und stilbewusst, mit Subtilität und Witz die ganze Bandbreite religiöser Haltungen und Meinungen auf, wirft dabei auch die Frage nach den Gründen für das Erstarken der Religiosität auf und wie mögliche religiöse Konflikte zu moderieren seien. Eine junge Frau trägt Kopftuch – und versteht das als Protest gegen eine materialistische Welt, die ihr zuwider ist. Und ein katholischer Pfarrer aus dem Kongo, dem die eigene Kirche nicht viel Rückendeckung gewährt, plädiert für das 'Palaver-Prinzip' als ein durch Miteinanderreden herzustellender Konsens.

Björn Bickers Buch ist somit mehr als eine quasidokumentarische Bestandsaufnahme gelebten Glaubens. Es ist ein literarisch beeindruckendes Buch des Respekts, der Neugier und der Empathie, das, ohne appellativ zu sein, nicht zuletzt für ein Aufeinanderzugehen wirbt.“

Björn Bicker, geboren 1972, arbeitete als Dramaturg am Wiener Burgtheater und an den Münchner Kammerspielen, entwickelte als Künstler theatrale Stadtprojekte an der Grenze zwischen Kunst und Politik, zuletzt im Auftrag des Goethe-Instituts zur Architektur-Biennale Venedig 2016 "The Veddel Embassy: Representing Germany“. Er schrieb Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. 2013 veröffentlichte er den Roman „Was wir erben“. Seine Bücher erscheinen im Verlag Antje Kunstmann. (www.bjoernbicker.de)


Der Jury des Tukan-Preises gehörten in diesem Jahr an:

Gisela Fichtl (Literaturredakteurin), Prof. Dr. Annette Keck (Ludwig Maximilians Universität), Günter Keil (Literaturjournalist), Dr. Franz Klug (Buchhandlung Lentner), Wolfgang Seibel (Literaturjournalist), Antje Weber (Süddeutsche Zeitung) sowie aus dem Stadtrat Beatrix Burkhardt, Marian Offman (jeweils CSU-Fraktion), Kathrin Abele und Klaus Peter Rupp (jeweils SPD-Fraktion) sowie Thomas Niederbühl (Die Grünen/Rosa Liste).