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Tukanpreis 2018


Jurybegründung

Tukan-Preis der Landeshauptstadt München 2018 an Susanne Röckel

Vom Prometheus-Mythos bis zum Hitchcock-Thriller: Seit Menschen Geschichten erzählen, spielen darin Vögel eine besondere Rolle. Sie stehen für Bedrohung, Gefahr und Unberechenbarkeit, aber auch für das Friedenbringende, das Majestätische und Erhabene. Vögel faszinieren, aber sie ängstigen auch.

Das ist in Susanne Röckels Roman „Der Vogelgott“ nicht anders. Er beginnt mit einem „Prolog“. Ein Hobbyornithologe reist in eine ferne, unwirtliche Gegend, wo man einen sonderbaren Greif als eine Art Gott verehrt. Er entdeckt dieses großartige Tier, tötet es und reiht es zuhause stolz in seine Sammlung ausgestopfter Vögel ein. Die folgenden drei Kapitel sind die Berichte seiner Kinder, die nicht so werden wollten wie ihr Vater, dem nichts wichtiger war als Besitz und Anerkennung. Der jüngere Sohn wird von einer obskuren Hilfsorganisation in ein afrikanisches Land geschickt, das unter den Folgen eines Bürgerkriegs leidet. Er soll dort als Arzt wirken und erlebt, wie Männer mit Lumpenumhängen, Federn auf dem Kopf und Masken vor dem Gesicht, Vogelmänner, ein schreckliches Blutbad anrichten – und wird sich von dem Schock nie mehr erholen. Die Tochter, eine Kunsthistorikerin, ist dem Rätsel eines Madonnenbildnisses aus der Zeit des 30jährigen Krieges auf der Spur, das sich als eine Übermalung erweist, die unter der harmlosen Oberfläche die Familientragödie des Malers verbirgt. Der ältere Sohn schließlich, ein Journalist, soll über einen Jungen, der bei einem Verkehrsunfall starb, etwas schreiben – und stößt auf Vogelbilder, auf einen alten Mann mit schillernder Biografie und dubiose Vorgänge in einer Klinik, die offenbar einem Opferkult geschuldet sind...

Die verschiedenen Erzählungen von Susanne Röckels Roman verbindet nicht nur, dass Vögel auftauchen und eine magische Wirkung entfalten. Sondern auch, dass sie eine Familie zeigen, deren Mitglieder einander fremd wurden, die manchem Geheimnis auf die Spur kamen und sich an ihre Obsessionen verloren. Sie handeln von der Macht und Anziehungskraft des Archaischen und Abgründigen, von den dunklen Seiten der Seele.

Susanne Röckel gelingt mit dem „Vogelgott“ ein auch sprachlich eindringlicher, spannungsreicher Roman. Motivisch dicht verwobene Kapitel fügen sich zu einem raffinierten Erzählgewebe, bei dem das Unheimliche, die Urängste und das Verschwinden im Mittelpunkt stehen. Souverän bedient sich Susanne Röckel dabei aus dem Fundus der Schauerromantik, des phantastischen Realismus und kafkaesker Topoi.

Susanne Röckel, geboren 1953, studierte Germanistik und Romanistik in Berlin und Paris. Sie war Mitarbeiterin der Zeitschrift „Filmkritik“, Lehrerin und Lektorin und arbeitet als Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen. Ihr literarisches Werk umfasst Romane und Erzählungen, darunter „Palladion“, „Eschenhain“, „Vergessene Museen“ und „Rotula“. Der Roman „Der Vogelgott“ ist im Verlag Jung und Jung erschienen.

Der Jury des Tukan-Preises gehörten in diesem Jahr an: Steffi M. Black (Publizistin), Knut Cordsen (Bayerischer Rundfunk), Petra Hallmayer (Süddeutsche Zeitung),
Prof. Dr. Annette Keck (LMU), Wolfgang Seibel (Literaturjournalist), Dr. Andreas Trojan (Kulturjournalist) sowie aus dem Stadtrat Kathrin Abele, Beatrix Burkhardt, Thomas Niederbühl, Marian Offman und Klaus Peter Rupp.

Die Jury sprach weitere Buchempfehlungen aus; genannt wurden die folgenden Titel:

  • Natalie Buchholz, „Der rote Swimmingpool“
  • Mercedes Lauenstein, „Blanca“
  • Leander Steinkopf, „Stadt der Feen und Wünsche“
  • Max Scharnigg, „Der restliche Sommer“.