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Arbeitsstipendien für Literatur 2018


Jurybegründungen

Eva Gesine Baur / Lea Singer

Vor vielen Jahren schon hat Eva Gesine Baur „Eine kleine Philosophie der Liebe von A bis Z“ vorgelegt. Ihr jüngster Roman, den sie – wie alle ihre Romane – unter ihrem Pseudonym Lea Singer schreibt, erzählt eine heimliche Liebesgeschichte. Es ist die zweier Männer. Berühmt der eine: Vladimir Horowitz, weltbekannter Pianist, von Depressionen heimgesucht, verheiratet, Jude. Unbekannt der andere: Nico Kaufmann, Opern-Repetitor in Basel, der erste Klavierschüler von Horowitz und sein Geliebter. Beide lernten sich Ende der 1930-er Jahre kennen und hielten ihre Affäre geheim. Ihre Lebenswege trennten sich, als Horowitz in die USA emigrierte. Im Gegensatz zu Kaufmann leugnete er bis zuletzt seine Liebe zum eigenen Geschlecht.

Schon in ihrem ebenfalls auf Tatsachen beruhenden Roman über Gottfried Benns Beziehung zu Thea und Mopsa Sternheim („Die Poesie der Hörigkeit“) erwies sich Lea Singer als versierte Meisterin der Fakten und Fiktion verbindenden Faction. Ihr jüngstes Romanprojekt „Der Klavierschüler“ setzt die künstlerische Verarbeitung wahrer, bis dato so noch nicht thematisierter Begebenheiten konsequent fort. Auf der Grundlage überlieferter Horowitz-Briefe und der unveröffentlichten Memoiren von Nico Kaufmann erzählt Lea Singer uns die Lebensgeschichte der Jahrhundertfigur Vladimir Horowitz auf eine völlig neue Weise.

Lena Gorelik

In Lena Goreliks Romanprojekt mit dem Arbeitstitel „Was wir schreien, wenn wir schweigen“ erzählt die Ich-Erzählerin die Geschichte ihrer Familie, einer russisch-jüdischen Familie, die Anfang der 90er Jahre aus Sankt Petersburg nach Deutschland kam.

„Was planst du denn jetzt?“, fragt der Vater, ein wortkarger alter Mann mit zitternden Händen, die Tochter, die nicht nur nicht da gelandet ist, wo er sie gern gesehen hätte, sondern überdies vor den Scherben einer zerbrochenen Ehe steht.

In die Gegenwart einer maroden Vater-Tochter-Beziehung, geprägt von gegenseitiger Entfremdung, Enttäuschung und Sprachlosigkeit, schieben sich immer wieder Erinnerungen: an Russland, an die Großmutter, an den Hund, der nicht mit durfte; an die Ankunft in einem fremden Land und die Unsicherheit im neuen Leben.

Der Vater, der sich eingerichtet hat in kleinbürgerlicher Enge und Illusionslosigkeit, steht für ein ein Leben, das „Abschied“ bedeutet, die Tochter, die mit Klein- und Gutbürgerlichkeit nie etwas im Sinn hatte, für eines, das sich schwer tut mit Zukunftsperspektiven. Ein Roman über zwei Generationen - mit Lebensentwürfen, über die man sich kaum mehr austauschen kann...

Subtil und zugleich schonungslos, mit großer psychologischer Genauigkeit und sich langsam voran tastenden Satzperioden, denen man das Ringen um Ehrlichkeit und Bewusstwerdung regelrecht anmerkt, wird hier eine offenbar stark autobiografisch gefärbte Geschichte erzählt: Die Autorin ist selbst ein sogenannter „Kontingentflüchtling“ und kam mit ihrer Familie als Elfjährige nach Deutschland.

Die Juroren sind von der Aktualität des Themas ebenso überzeugt wie von der hohen literarischen Qualität des Textentwurfs und plädieren für ein Arbeitsstipendium für Lena Gorelik.

 

Jurymitglieder

Der Jury gehörten an: Knut Cordsen (Bayerischer Rundfunk), Steffi M. Black (Literaturjournalistin), Petra Hallmayer (Süddeutsche Zeitung), Prof. Dr. Annette Keck (LMU),
Dr. Wolfgang Seibel (Kulturjournalist), Prof. Dr. Andreas Trojan (Kulturjournalist) sowie die Stadträtinnen und Stadträte Beatrix Burkhardt und Marian Offman (CSU-Fraktion), Kathrin Abele und Klaus Peter Rupp (SPD-Fraktion) und Thomas Niederbühl (Die Grünen – rosa liste)