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Arbeitsstipendien für Literatur 2019


Jurybegründungen

Andrea Heuser

Innerlich versehrt sind sie alle. Der aus dem Krieg heimgekehrte Vater, die junge Mutter Margot, die mit ihrem Sohn Fred aus dem von Gewalt geprägten Alltag flieht, um sich ein neues Zuhause aufzubauen, und der Handwerker Willi, dem sie später begegnen wird. Um Flucht, Trennung, Neubeginn, die Suche nach Zugehörigkeit und Liebe und die langen  Schatten nie benannter traumatischer Erinnerungen, den Nachhall des Ungesagten kreist  Andrea Heusers zweiter Roman, der durch viele Jahrzehnte führt und der Frage nachgehen  möchte, „inwieweit sich Traumata über Generationen fortschreiben“.
In „Das Winkelhaus“ greift die 1972 in Köln geborene Münchner Autorin, die zunächst als Lyrikerin bekannt wurde, auf neue Weise Kernthemen ihres Debütromans „Augustas Garten“ auf, und wie in diesem erzählt sie wechselweise aus der Perspektive der erwachsenen Protagonisten und eines Kindes. Vor allem die große sprachliche Sensibilität der Autorin, die präzise Nuancierung, mit der sie die Emotionen ihrer Figuren auslotet und sich die fragmenthafte Weltsicht eines Kindes aneignet, hat die Jury von ihrem Projekt überzeugt. Frei von forcierter Naivität, mit einer an der Lyrik geschulten Sprache gelingt es ihr, die Ohnmachts- und Gewalterfahrungen, den Zorn und die Verstörungen eines kleinen Jungen, der die Wörter noch beim Wort nimmt, spürbar zu machen.
Eigentlich sollte „Das Winkelhaus“, für das sie vor drei Jahren ein Literaturstipendium des Freistaats Bayern erhielt, bereits 2017 erscheinen. Doch literarische Schreibprozesse lassen sich nicht mit Plansollvorgaben terminieren. Mit einem Arbeitsstipendium will die Jury es Andrea Heuser nun ermöglichen, ihren vielschichtigen Familienroman ohne qualitative Abstriche abzuschließen.


Norbert Niemann

Dianoia ist nicht nur der Arbeitstitel von Norbert Niemanns faszinierendem neuen Romanprojekt, es ist auch dessen Seelenname. In Platons Höhlengleichnis bezeichnet er eine Wirklichkeit, die von Wahn und Täuschung durchdrungen ist. Norbert Niemann erzählt von ihr in der Geschichte einer Erschütterung, bei der sich Autor, Erzähler und Figur ihrerseits ineinander zu blenden scheinen. Mal scharfsinnig, mal hingebungsvoll, ist die virtuose Sprachbehandlung dabei mehr als ein Medium, sie ist Teil des Geschehens, weniger Überträger als Wahrnehmungsträger. Zugleich war Norbert Niemanns Erzählhaltung noch nie so ungeschützt, so berührend wie in diesem Roman einer Blendung – und einer erblindenden Gesellschaft, die sich im Mikrokosmos einer literarischen Sommerwerkstatt in der bayerischen Provinz spiegelt: Seit Jahren hält Tobias Maucher dort mit Schreibseminaren seine prekäre Existenz als Schriftsteller über Wasser. Doch als würde der beschauliche Ort plötzlich von den Verwerfungen und Realitätschimären unserer Zeit tektonisch erfasst, gerät Mauchers Selbstverständnis fundamental ins Wanken. Sein Privatleben, sein Blick auf Politik und Zeitfragen: überall brüchige Zerrbilder, trügerische Wahrnehmung, Fremdbestimmung – sogar in der Kunst, die von den Zwängen einer durchökonomisierten Ordnung längst vereinnahmt ist. Alle Erzählungen vom Selbst erzittern, weil alles verbunden ist.
Sieben Tage dauert die Schreibwerkstatt, ein Maskenreigen aus Fantasie und Desillusion. Sieben Tage dauert dieser hellsichtige Roman, der von der künstlerischen Schöpfung handelt, ihrer Verflechtung mit den Konstruktionen unserer Wirklichkeit und einer Literatur, die sich gerade dann als handelndes Medium behauptet, wenn sie sich, statt mit distanziertem Zeigefinger zu dirigieren, in die Mitte jener Lebenswirklichkeiten wagt, die sie durchdringt; wenn sie selbst auf den Bruchlinien der Gegenwart balanciert, erschütterbar bleibt – und widersteht. 

Jurymitglieder

Der Jury gehörten an: Sabine Abel (Buch in der Au), Knut Cordsen (Bayerischer Rundfunk), Petra Hallmayer (Süddeutsche Zeitung), Prof. Dr. Annette Keck (LMU), Martina Scherf (Süddeutsche Zeitung) und Fridolin Schley (Autor) sowie die Stadträtinnen und Stadträte Beatrix Burkhardt und Marian Offmann (CSU-Fraktion), Kathrin Abele und Klaus Peter Rupp (SPD-Fraktion) und Thomas Niederbühl (Die Grünen – rosa liste)