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Literaturstipendien und Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreise 2017


Jurybegründungen

Raphaela Bardutzky: „In Sachen Don Juan“

Don Juan, Verführer und Frauenheld, verkörpert ein Männerbild, das seit Jahrhunderten vor allem von Männern in der Kunst fortgeschrieben wird. In ihrem dreiteiligen Theaterstück wagt Raphaela Bardutzky einen anderen Zugang. In einem vielstimmigen Chor lässt sie Frauen davon erzählen, wie sie verführt wurden, in lebendiger Sprache und mitreißendem Rhythmus. Gekonnt lässt sie Zitate aus Hoch- und Popkultur einfließen: „die Liebe“ als kulturell geformtes Konstrukt. Im zweiten Teil geht Raphaela Bardutzky einen Schritt weiter und fragt nach Geschlechterrollen und deren Reproduktion auf der Bühne. Es kommt nicht zur Aufführung, bevor die Sänger/innen, Dramaturg und Regisseurin die Frage nicht auf der Bühne diskutiert haben. Diese Selbstreflexion des Theaters wird eingerahmt von klugen Regieanweisungen der Autorin.  
„In Sachen Don Juan“ ist eine originelle und erhellende Bearbeitung eines jahrhundertealten Stoffs. Dabei überzeugen konzeptueller Ansatz und sprachliche Ausführung gleichermaßen. Mit großem Sprachtalent und Rhythmusgefühl deckt die Autorin spielerisch kulturelle Konstruktionen auf und schafft durch ihre Analyse der Vergangenheit auch eine neue Perspektive auf die Gegenwart.
Raphaela Bardutzky, geboren 1983, studierte Schauspieldramaturgie, Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der LMU und der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Seit 2013 arbeitet sie als freie Drehbuchlektorin und Filmdramaturgin, daneben verfasste sie Theatertexte und Erzählungen.

Vladimir Kholodkov: „Richie – ein (Miss-)bildungsroman“

Vladimir Kholodkov verdanken wir eine unvergessliche Romanfigur: Richie, den unwahrscheinlichen Helden der Herzen. Der achtzehnjährige Schulabbrecher lebt mit zwei kleinen Geschwistern, Mutter und Großvater irgendwo am Münchner Stadtrand in einer Sozialwohnung. Um die Geldsorgen der Familie zu beheben, bewirbt er sich bei einer Fernsehshow. Mit seiner herrlich unbedarften Art schafft Richie es auf Anhieb in die zweite Castingrunde – ihn freut es, den Leser bangt es.
Vladimir Kholodkovs Talent zeigt sich vor allem in der fein ausbalancierten Darstellung seines Protagonisten: Durch die Ich-Perspektive lässt er den Leser ungefiltert an Richies Gedanken- und Wahrnehmungswelt teilhaben. Lediglich die ab und zu eindringenden Reaktionen der Umwelt geben uns einen Hinweis darauf, dass Richie nach außen wohl anders wirkt, als er selbst es glaubt. Es wäre ein leicht zu begehender Fehler gewesen, eine Figur wie Richie der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch indem Kholodkov dem Leser einen unverstellten Blick in den Kopf seines Protagonisten gewährt, verhindert er, dass wir ihn, den wir vor dem Fernseher sitzend wahrscheinlich ausgelacht hätten, verurteilen. Präsentiert wird das Ganze in einer originellen, unverstellten Sprache.  
Vladimir Kholodkov, geboren 1987 in Moskau, studierte Englische Literaturwissenschaft an der LMU und arbeitet seit 2013 im IT-Bereich. „Richie“ ist sein erstes Romanprojekt. Er nahm 2014 bei einem  Studentenseminar der Bayerischen Akademie des Schreibens teil.  

Stefan Lechner: „Milena“

Die berührende Geschichte, die Stefan Lechner in seinem Roman „Milena“ souverän erzählt, kreist um eine Leerstelle: Milena ist kurz vor Ende ihres letzten Schuljahres aus ihrem Heimatdorf im Allgäu verschwunden, der Roman erzählt davon, wie das Leben dreier Menschen aus der Balance gerät: von Milenas Mutter und Vater und ihrer bester Freundin Sara. Eine Geschichte über die Unausweichlichkeit, einen Neuanfang zu setzen, und die Unmöglichkeit, das zu tun.
Was Stefan Lechner sich mit dieser Geschichte inhaltlich vornimmt, löst er erzählerisch und stilistisch meisterhaft ein. Als wäre das Ereignis ein Strudel, der die Leben der Nächsten nicht nur berührt, sondern unweigerlich mit sich zieht, ist sein Erzählton souverän und bei aller Ruhe gewaltig und verbindlich. Lechner erklärt nicht, was man nicht erklären kann, er behauptet nicht, was zu behaupten übergriffig wäre; er erzählt, Bild für Bild, souverän und ruhig, vom lautlosen Kampf dreier Menschen. Mit dieser klaren Prosa gelingt Lechner etwas, was für einen Anfänger bemerkenswert ist: Er findet Bilder für abgrundtiefe Trauer, ohne sich gefährlich nah an die Kitschgrenze heranzubewegen und ohne x-fach Gelesenes zu wiederholen.
Stefan Lechner, 1982 geboren, ist seit seinem BWL-Studium als Angestellter im Rechnungswesen bei MAN in München tätig. 2015/16 hat er die Romanwerkstatt der Bayerischen Akademie des Schreibens absolviert.

Nora Zapf: „tag auf der kippe – 14 mischwesen“

Nora Zapfs Gedichtzyklus kennt in der zeitlichen, thematischen und motivischen Anverwandlung keine Grenzen, lässt dabei aber klare und konsequente sprachliche Verfahren erkennen. Es gibt tatsächlich hybride Mischwesen – mythologische wie die Centauren, aktuelle wie Avatare, biologische wie die Fledermaus – die in den Gedichten erscheinen. Hybrid, also durch Kreuzung erzeugt, ist aber vor allem die Sprache der Gedichte selbst, die fremde Sprachen in ihrer Lautlichkeit aufnimmt, die Sprachmodi unserer Medien mixt, die Synästhesien der Sinne rekreiert. Der „tag auf der kippe“ spielt mit ständigen Kippmomenten, in der mit großer Spielfreude alles inversiv gedreht werden kann. Nora Zapf begreift in ihren Gedichten Hybridisierung als einen energetischen, höchst produktiven Zustand, und wenn man ihn kartographieren wollte: Das ist heute, das ist hier. In jeder Hinsicht zeitgemäß.
Nora Zapf, geboren 1985, ist Mitbegründerin der Reihe „meine drei lyrischen ichs“ und Initiatorin und Mitorganisatorin des „Großen Tags der jungen Münchner Literatur“. Sie hat Lyrik in wichtigen Anthologien veröffentlicht und arbeitet als Übersetzerin. Im Juli hat sie ihr Studium der Romanistik mit einer Promotion über „Atlantische Lyrik“ abgeschlossen.

Regina Rawlinson: Übersetzung von Jeanette Winterson: „Christmas Day“

„Christmas Days“ ist eine Sammlung von zwölf Weihnachtsgeschichten und zwölf weihnachtlichen Kochrezepten. Was nach leichter Kost klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Aufgabe, die der Übersetzerin enorme Kreativität abverlangt. In der Geschichte „The Lion, the Unicorn and Me“ etwa wird die biblische Weihnachtsgeschichte aus der Sicht des Esels dargestellt. Nicht nur gilt es den schlichten Plauderton des Grautiers zu treffen, die Autorin zündet hier ein wahres Feuerwerk an Alliterationen, Assonanzen, Wortneuschöpfungen, verfremdeten idiomatischen Wendungen etc. Die besondere Herausforderung des Textes liegt darin, sich vom Original zu lösen und die Stärken der deutschen Sprache zur Geltung zu bringen. Vor diese Aufgabe gestellt, läuft Regina Rawlinson zu Bestform auf. Das Ergebnis ist ein Text, der durch seinen Rhythmus und seine Leichtfüßigkeit überzeugt, vor allem aber durch die Vielzahl kreativer Einfälle, die die Übersetzerin zu einem stimmigen Ganzen zu verweben versteht.
Regina Rawlinson, geboren 1957, studierte englische, amerikanische und deutsche Literatur an der LMU. Sie hat mehr als 90 Bücher ins Deutsche übertragen. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach mit Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet; 2011 erhielt sie das Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern.

Silke Schlichtmann: „Skat“ (Jugendbuchprojekt)

Wenig bleibt, wie es war, wenn man 14 ist. Wenn dann noch von München-Neuhausen ins Alte Land bei Hamburg umgezogen wird, ändert sich fast alles. Nur die Personen bleiben dieselben: der 14-jährige Ich-Erzähler mitten in der Pubertät; die jüngere Schwester kurz davor; das quirlige kleine Brüderchen von zwei Jahren; der mit seiner Karriere unzufriedene Vater; die resolute, selbstständige Mutter. Die in diesem Roman auftretenden Figuren gewinnen durch dem Leben abgelauschte Dialoge unverwechselbare Profile. Die Autorin inszeniert die vielen komischen Situationen nicht als eine Kette vordergründiger Scherze, sondern beobachtet genau und beschreibt sie nuancenreich. Sie erfindet treffsicher Wörter, die nicht im Duden stehen, und zieht Gegenwarts-Themen durch den Kakao. – Ein rundum gelungener, origineller Text, weil Sprachqualität, Lebendigkeit der Figuren, innere Nähe zu jugendlichen Lesern, Thematik und Dramaturgie sehr gut zusammenwirken.
Silke Schlichtmann, geboren 1967, lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in München. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gründete 2010 in München ein Textkontor, schreibt und lektoriert. Nach drei Kinderbüchern und einem Erstlesebuch ist „Skat“ ihr erster Jugendroman.

Verena Ullmann: „Wedafest“ (Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis für Literatur)

Verena Ullmann hat mit „Wedafest“ einen Gedichtzyklus vorgelegt, den sie selbst als „inneren Wetterbericht“ einer Beziehung bezeichnet, die von der Begegnung, dem Zusammenfinden, bis zu Trennung und Verarbeitung verläuft. 24 Gedichte mit einem doppelten Du, das sowohl Anrede als auch Selbstgespräch ist. Es sind knappe, karge, aber sehr genau komponierte Gedichte, für die Verena Ullmann die niederbayerische Mundart gewählt hat.
Das Erstaunliche an diesen Mundart-Gedichten ist, dass sie ohne jede Butzenscheiben-Behaglichkeit auskommen. Die Autorin selbst findet in der Mundart einen „Rückzugsort“, mit der sie das Liebesgedicht verfremden kann. Aber es ist ihr deutlich mehr gelungen. Sie nutzt die Traditionen volkstümlicher Lyrik in ihrer Lakonik und Schlichtheit, belebt die kindlichen Rhythmen des Strophenliedes, um auf sehr leise und intime Weise von dem Liebeserlebnis zu erzählen, es zu befragen und alle emotionalen Farben zu zeigen. Das ist originell, in hohem Maße eigenständig und sprachlich gelungen.
Verena Ullmann, Jahrgang 1989, hat 2017 ihr Studium der Germanistik und Romanistik mit einer Masterarbeit über Proust abgeschlossen. Sie hat ein Praktikum im Verlag gemacht, leitet Schreibwerkstätten und ist Gründungsmitglied der Autorengruppe Prosathek.

Die Preisverleihung mit öffentlicher Lesung der Stipendiatinnen und Stipendiaten findet am Freitag, 29. September, im Literaturhaus München statt.