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Stipendien für Musik 2020


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Videoportrait Carlos Cipa

Carlos Cipa

Jurybegründung

Der 1990 in München geborene Komponist und Pianist Carlos Cipa verweigert sich konsequent einer Zuordnung in gängige Schubladen. Mit ähnlicher Konsequenz verläuft auch sein musikalischer Werdegang alles andere als geradlinig – und das hat den unschätzbaren Vorteil, dass er an jeder Station Ideen und Inspirationen unterschiedlichster Genres mitnimmt. Cipas klassische Ausbildung im Klavier- und Kompositionsstudium bildet das Fundament, Duktus und Formen Neuer Musik sind ebenso hörbar wie Elemente aus Jazz und Pop; aber auch die Auseinandersetzung mit Filmmusik, Ambient und Minimal Music schimmert immer wieder durch. Doch die verschiedenen Elemente werden nie um des reinen Effektes willen zusammengezwungen, die Verflechtungen entstehen quasi im Fließen und im ausbalancierten Verhältnis zwischen Improvisation und Komposition. Carlos Cipa experimentiert mit Inside-Spieltechniken und verschiedenen Materialien, aber immer mit Blick auf die Triobesetzung, auf den Gesamtklang. Der klassische Konzertflügel wird hier mit seinem ganzen Resonanzkörper zur Schnittstelle – zum Klangraum, in dem sich die drei Instrumentalisten in einer gemeinsam gefundenen, „er-fundenen“, dicht ineinander verwobenen Sprache begegnen. Bei aller Vielfalt der Geräusche und Klangfarben beeindruckt die Musik besonders durch eine Art übergeordneter Ruhe, die Reduktion auf das Wesentliche und die feine, beinahe meditative Sogwirkung, die dieser Minimalismus entfaltet. Gleichzeitig steuert die bewusst spröde Textur vieler Klänge genau die richtige Dosis an Ecken und Kanten bei, um das Trio vor den Untiefen allzu ästhetischen Sounddesigns zu bewahren. Daran haben Cipas ebenbürtige Triokollegen Martin Brugger (E-Bass) und Simon Popp (Schlagzeug) gebührenden Anteil – dieses Trio kommuniziert in jeder Hinsicht auf Augenhöhe.

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Videoportrait Ludwig Himpsl

Ludwig Himpsl

Jurybegründung

Weltmusik ist für den 32-jährigen Perkussionisten, Schlagzeuger und Hornisten Ludwig Himpsl keine bequeme Nische, sondern eine seit frühester Jugend gelebte musikalische Herausforderung. Als Mitglied der „Unterbiberger Hofmusik“, dem Familienprojekt seines Vaters Franz Josef Himpsl, hat er vom siebten Lebensjahr an gelernt, die traditionelle bayerische Volksmusik respektvoll und originell mit anderen regionalen Stilen und Genres zu kreuzen. Und dies an der Seite von Größen wie den Trompetern Claudio Roditi, Bobby Shew und Matthias Schriefl oder dem Posaunisten Jay Ashby, also gewissermaßen aus erster Hand.
Was zunächst mit Jazz-Elementen und brasilianischer Musik begann, hat sich bei der Unterbiberger Hofmusik zuletzt auf arabische, fernöstliche und vor allem türkische Musik ausgeweitet. Auch eigene Projekte sind inzwischen erfolgreich, so das Quintett „Bavaschôro“, das brasilianischen Choro mit bayerischem Touch spielt, oder die Nordic Fusion Formation „Para“ mit dem finnischen Gitarristen Jukka Kääriäinen. Seine musikalischen Begegnungen sind auch deshalb so faszinierend und erfüllend, weil sich Himpsl nie mit der Oberfläche zufrieden gegeben hat, sondern auf zahlreichen Workshops, Auslandsreisen und Tourneen immer tief und authentisch in die fremden Musikkulturen eingetaucht ist. In Musikerkreisen gilt er zum Beispiel als einer der besten Spezialisten für die türkisch-ägyptische Darbuka oder das brasilianische Pandeiro außerhalb ihrer Herkunftsländer.
Umso vielversprechender klingt sein Duo-Projekt mit sechs verschiedenen Partnern – bewährten Begleitern wie dem bayerischen Multi-Instrumentalisten Stefan Straubinger, der Leiterin der traditionsreichen Fusionband „Embryo“ Marja Burchard oder dem „Bavaschôro“-Gitarristen Henrique Rebouças, aber auch neuen Kombinationen wie mit dem afrikanischen Sänger und Perkussionisten Njamy Sitson, der griechischen Sängerin Chrisa Lazariotou oder dem syrischen Oud-Spieler Abathar Kmash –, bei dem ihn die Jury mit dem städtischen Musikstipendium gerne unterstützen will.

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Videoportrait June Young Kim

June Young Kim

Jurybegründung

Was wäre, wenn ein Maler sich einer Leinwand näherte und sie als Schlaginstrument betrachtete? Oder was wäre, wenn ein Musiker sich einem Schlaginstrument näherte und es als Leinwand betrachtete? Diese Ausgangsüberlegungen führten den jungen koreanischen Komponisten June Young Kim (Jahrgang 1996) 2017 zu seinem Werk „Piece for amplified Canvas“. Mit der neuen interdisziplinären Arbeit geht Kim einen Schritt weiter und komponiert im wahrsten Sinne des Wortes ein Werk für verstärkte Leinwand, Bewegungssensor, Max/MSP und 6-köpfiges Kammerensemble (Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello, Piano und Schlagzeug). Zum Einsatz kommt die interaktive Software Max/MSP im Bereich Musik und Multimedia bereits seit über 20 Jahren. June Young Kim interessiert an diesem Set-up jedoch nicht vordergründig allein die technologische Implikation. Vielmehr geht es um die Hinterfragung der Beziehung zweier Disziplinen (Malerei-Musik) und deren gegenseitige gleichzeitige Beeinflussung in Echtzeit. Dazu experimentiert Kim mittels Max/MSP mit einem Bewegungssensor am Handgelenk eines Performers, einer verstärkten Leinwand mit verankerten Fußpedalen und der Verwandlung der Geräusche, die aus dem Malen auf Leinwand stammen. Aus dieser hoch komplexen Konfiguration entsteht so eine staunenswert neue Arbeit.
Kim studiert derzeit an der Hochschule für Musik und Theater in der Klasse von Prof. Isabel Mundry und hat 2018 bereits an der renommierten Indiana University Jacobs School of Music Bloomington einen Abschluss gemacht. Weiterführende Studien unter anderem bei Chaya Czernowin, Salvatore Sciarrino, Sven-David Sandström, Frédéric Durieux und im Bereich elektronischer Musik bei John Gibson und Jeffrey Hass unterstreichen seine weitgefächerte Wissbegierde. Seine Ausdruckskraft und Originalität hat auch die Jury des  Education-Wettbewerbs OpusONE der Berliner Philharmoniker überzeugt, wo er 2020 als einer von vier Komponisten ausgewählt wurde.
Das Musikstipendium soll dem jungen Komponisten die Freiheit geben, ohne Druck und mit der notwendigen Intensität an der Erforschung, Programmierung und Konzeption dieses innovativen Vorhabens zu arbeiten.

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Videoportrait Adrian Pereya & Ruben Mattia Santorsa

Adrian Pereyra & Ruben Mattia Santorsa

Jurybegründung

Um klang- und spieltechnische Weiterentwicklungen für ein Genre, eine Formation oder ein Instrument voranzutreiben, sind kompositorische Impulse wertvoll und notwendig. Das Gitarren-Duo Adrian Pereyra (*1971) & Ruben Mattia Santorsa (*1992) – beide versierte Instrumentalisten – formulieren in ihrem Projektansatz „so nah ~ so fern“ die drängende Suche nach Neuem im Zusammenspiel mit neuen Medien und die enge künstlerische Auseinandersetzung mit neuen Stücken anhand eines mehrstufigen Arbeitsprozesses.  
Mit Samir Amarouch (*1991), Mauro Hertig (*1989), Mark Barden (*1980) und Achim Bornhöft (*1966) wurden vier Komponierende unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Provenienz und Ästhetik ausgewählt, die sich bestens mit der Gitarre auskennen, bereits für das Instrument geschrieben haben (oder es sogar selbst spielen) und auf dem Gebiet der elektronischen Musik erfahren sind. Die Auftragsvergabe für vier neue Werke für E-Gitarren und Live-Elektronik wäre allein nicht so vielversprechend, käme hier nicht der Aspekt der offenen, transparenten, ja fast durchlässigen gemeinsamen Erarbeitung hinzu. Ausgangspunkt der Kollaboration mit den Komponisten ist nicht der verschriftlichte Notentext, sondern ein klanglich experimenteller, improvisatorischer Ansatz. Samples und Soundfiles werden ausgetauscht, Klangideen manchmal nur in Andeutungen und Gedanken überlegt, verworfen, diskutiert. Im Dialog entstehen so – zwar räumlich-geografisch getrennt – aus ein und derselben musikalischen Idee des Komponisten mit den jedem Musiker zur Verfügung stehenden instrumentalen und technischen Mitteln unterschiedliche Arten der Umsetzung und verschiedene Ebenen der klanglichen Abstraktion. Aus diesem Zusammenspiel von Nähe und Distanz sowohl zur jeweils anderen Person als auch zum klanglichen Material erschließt sich der Titel des Projektes „so nah ~ so fern“ und hoffnungsvoll eine neue Möglichkeit der Zusammenarbeit einer Ferngesellschaft in diesen besonderen Zeiten.
Die Umsetzung im Konzert zielt nicht auf eine reine Aneinanderreihung der neu entstandenen Werke, sondern entwirft mit allen Beteiligten Szenarien, in denen Bühnenbild, Lichtinstallationen und Regieanweisungen ähnlich wie bei einer Audiodeskription für Blinde aus dem Off zugespielt und raumspezifisch angepasst werden.
Mit dem Musikstipendium wird das Duo Pereyra & Santorso die klangliche Vielfalt der E-Gitarre ausloten und das Repertoire für dieses Instrument nachhaltig beeinflussen.

Jurymitglieder

Der Jury gehörten an: Aylin Aykan (Musikerin/Veranstalterin), Katrin Beck (Musikmanagerin), Christiane Böhnke-Geisse (Veranstalterin), Oliver Hochkeppel (Musikjournalist), Stephanie Müller (Musikerin), Hugo Siegmeth (Musiker) und aus dem Stadtrat David Süß, Thomas Niederbühl (Die Grünen-Rosa Liste), Jens Luther (CSU), Lars Mentrup (SPD / Volt) und Hans-Peter Mehling (ÖDP / FW).