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Debütförderung für freie Tanzschaffende 2017


Jurybegründungen

Ellis, Jasmine: „Empathy“

In ihrem Projekt möchte die Choreografin ein Gefühl ausloten, von dem es heute oft heißt, es sei verloren gegangen. Ein Bild in ihrem Antrag zeigt eine Frau, die ein Kind an sich drückt, neben zwei Frauen, die sich umarmen. Jasmine Ellis interessiert sich für Empathie, d.h. die Fähigkeit, für andere zu empfinden. In einer digitalen Welt sind mehr Menschen denn je miteinander vernetzt, aber fühlen sie sich einander auch verbunden? Wo zeigt sich Mitgefühl? Und was führt zu Abstumpfung? Bei ihrer künstlerischen Recherche ist Jasmine Ellis nah am Individuum und spürt zugleich den gesellschaftlichen Bedingungen unserer Zeit nach. Die Frauen auf der Fotografie können auch als Gruppe von Geflüchteten interpretiert werden, die sich über ihre Rettung freuen. Wer teilt ihr Empfinden? Das Projekt von Jasmine Ellis überzeugt, weil es verschiedene Ebenen zusammendenkt und den Blick darüber hinaus öffnet. Dabei macht sich die Choreografin vor allem darüber Gedanken, wie sie ihre Arbeit einem erweiterten Publikum zugänglich machen kann und wie sich Zuschauerinnen und Zuschauer einbeziehen lassen. Empathie wird so zu einem Gegenstand, den der Tanz auslotet und zugänglich macht. Als Tänzerin und Choreografin hat Jasmine Ellis bereits eigene Arbeiten und Kooperationen in München vorgestellt, so etwa „For… To… Step… Next…“ 2016 im „schwere reiter“. Die Jury empfiehlt, „Empathy“ als Debüt von Jasmine Ellis mit einem Stipendium in Höhe von 18.000 Euro zu unterstützen.

Obermayer, Lulu: „Manon/Mirage“ (AT)

Lulu Obermayer ist in München aufgewachsen und hat einen künstlerischen Ausbildungsweg absolviert, wie er vielseitiger kaum sein könnte: Schauspielausbildung am Lee Strasberg Institute in New York, Contemporary Performance Practice in Glasgow, Dramaturgiestudium in Leipzig und schließlich der Master in Solo Dance and Authorship in Berlin. Trotz des gerade erst abgeschlossenen Studiums ist sie bereits mit ersten Arbeiten international getourt, unter anderem nach New York, Istanbul, Amsterdam, Brüssel und Bordeaux. Thema ihrer ebenso radikalen wie minimalistischen Interventionen in den traditionellen Opernkanon sind die Frauenfiguren. Der oft klischeehaften Repräsentation von Weiblichkeit setzt sie eine neue Handlungsmacht entgegen, indem sie die Protagonistinnen auf der Bühne isoliert und die Narration durch eine Loopstruktur unterbricht. Für ihr Projektvorhaben „Manon/Mirage“ (AT) kehrt Obermayer nun in ihre Heimatstadt München zurück. Eine Arie über Einsamkeit aus dem letzten Akt der Puccini-Oper „Manon Lescaut“ schließt sie mit dem Anfang des Films „Out of Rosenheim“ kurz: In beiden Szenen durchlebt eine Frau einen existenziellen Moment in der Wüste. Sie will ein Gegenbild erzeugen zur heroische Darstellung von Männerfiguren angesichts einer überwältigenden Landschaft wie zum Beispiel bei Caspar David Friedrich, während das weibliche Alleinsein in der Natur oftmals mit Gefahr konnotiert ist. Dabei macht sie sich das emotionale Kraftwerk Oper zunutze, indem sie einen extremen affektiven Zustand körperlich und stimmlich ausagiert und gleichzeitig bricht. Mit Lulu Obermayer erhält die Münchner Tanzszene einen vielversprechenden Neuzugang, der mit seiner feministischen Performancepraxis ungewöhnliche Impulse gibt. Die Jury spricht sich für eine Debütförderung für Lulu Obermayer in Höhe von 18.000 Euro aus.