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Debütförderung für Freie Tanzschaffende 2019


Jurybegründungen

Engel, Leonard: HOW TO GET RID OF A BODY. A MAGIC MANUAL

Der in München und in Berlin lebende französische Choreograf und Tänzer Leonard Engel ließ sich nach seiner internationalen Karriere als Balletttänzer als zeitgenössischer Tänzer und Choreograf weiterbilden. Er erhielt in 2018 ein Stipendium für sein Recherchevorhaben „States of Survival“, das sich mit Strategien von Mimikry in der Tierwelt beschäftigt. Im Januar 2019 präsentiert er seine erste längere choreografische Arbeit, das Autorensolo „Pavane“ bei den Tanztagen Berlin. Die Entwicklung des Konzepts für das Stück „How to get rid of your body, a magic manual“ geht auf eine einjährige Recherche zurück, die auf Observation von Mimikry im Tierreich basiert und sucht nach dessen Äquivalent im menschlichen Verhalten und Auftreten.

Auf die physische Körperpraxis reduziert, inszeniert Leonard Engel einen wiederkehrenden Akt des Verschwindens, aus dem zwischen ihm als Protagonist und seinem Umfeld ein Vexierspiel der Täuschung entsteht. Die Jury war von der gründlichen Vorbereitung des Konzepts, das Live-Musik des Elektronikmusikers Korhan Erel enthält, überzeugt und plädiert für die Debütförderung des Projekts in Höhe von 18.000, Euro.

 

Grossmann, Lena: Code and Shadow Reverse TRIO (AT)

In Gestalt einer performativen Raumstruktur will die Künstlerin Lena Grossmann mit drei Tänzer*innen in der Lothringer 13 erproben, wie sich Handlung in Struktur übersetzt. Im Alltäglichen wird untersucht, wie sich Bewegung, Rhythmus und Sprache zueinander verhalten. Mit ihrem interdisziplinären Projekt verbindet sie Zugänge aus der bildenden und der darstellen den Kunst. „Der Körper und seine Beweglichkeit wird nicht zur Metapher, er wird selbst zum Material, aus dem sich eine dynamische und skulpturale Form ergibt,“ erläutert Lena Grossmann, die sich mit Kommunikationsstrukturen befasst hat und nun ein Bewegungsrepertoire erarbeiten will. Mit einer reduzierten Ästhetik will sie ausloten, wie sich Körper und Objekte verschieben, neue Formationen bilden und Setzungen im Raum vornehmen. Die Choreografin kann auf diese Weise nicht nur zwischen Herangehens-, sondern auch zwischen Betrachtungsweisen vermitteln. Die Jury empfiehlt, Lena Grossmanns Konzept „Code and Shadow Reverse TRIO“ mit einer Debütförderung in Höhe von 18.000 Euro zu fördern.

 

Jüngst, Carolin: she hulk

Das choreografische Projekt she hulk von Carolin Jüngst und Lisa Rykena dekonstruiert den traditionellen Mythos über die Amazonen und deren konventionelle stereotype Darstellungsweisen. Durch die Schaffung von wandelbaren, queeren Körpern sollen systematisierte Zuschreibungen auf den Körper hinterfragt werden. Carolin Jüngst studierte in München, Stockholm und Berlin Theaterwissenschaft und schloss in Hamburg mit einem Master of Arts in Performance Studies ab. Die Jury möchte mit diesem Projekt eine junge neue künstlerische Stimme fördern, die choreografisch das queere Potenzial von Comics untersucht und nach ambivalenten, fluiden Rollenbildern strebt. Die Jury empfiehlt, Carolin Jüngst mit einer Debütförderung in Höhe von 13.559 Euro zu fördern.

 

Nuezel, Marie: Rococons / Ein Bericht über Marie A.

Die Choreografin und Performerin Marie Nuezel studierte Politik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Danach erwarb sie 2013 das Certificate in Ballet Teaching Studies der Royal Academy of Dance in London und schloss 2017 ihr Masterstudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Sie inszenierte und wirkte seit 2012 in zahlreichen Produktionen, die ihr internationale Anerkennung verschaffen. Marie Nuezels Projekte bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Performance, Tanz und Dokumentation und versuchen oftmals durch (fiktional) biografische Narrationen größere gesellschaftliche Fragestellungen aufzugreifen. In dem neu geplanten Stück “Rococons / Ein Bericht über Marie A.” geht es nicht um eine narrative Wiedergabe des Buches “Marie Antoinette” von Stefan Zweig. Jedoch werden die psychologischen Charakterbeschreibungen der Protagonistin genutzt um die Frage von Schuld und Täterschaft zu diskutieren. Die Choreografin hat sich in ihrer Recherche in Hinsicht auf dieses Projekt eingehend mit der Musik und dem Tanz des Rococons beschäftigt. Die Jury ist von diesem gut durchdachten Projekt mit biografischem Ansatz überzeugt und spricht sich daher für eine Debütförderung von 17.932 Euro aus.

 

Wilke, Lucy: NAKED HEART

Lucy Wilke ist in München als vielseitige Performerin, Filmemacherin und Autorin bekannt und tourt deutschlandweit mit ihrer Band „Blind&Lame“. In ihrem ersten eigenen choreografischen Projekt "NAKED HEART" setzt sie sich gemeinsam mit dem Tänzer Paweł Duduś mit dem Thema Kontrollverlust auseinander. Unsere Körper sind ständiger Kontrolle ausgesetzt: Entsprechen sie der Norm? Wo bekommen sie Zugang, wo werden sie ausgegrenzt? Diesen oft gewaltsamen Zuschreibungen will Wilke mit radikaler Empathie, Verantwortung und Verletzlichkeit begegnen. Die beiden Tänzer*innen geben freiwillig die Kontrolle auf und setzen sich dem Schmerz, aber auch dem Adrenalin aus, das dabei entsteht.

Lucy Wilke und Paweł Duduś haben sich in der Münchner Produktion "FUCKING DISABLED" kennengelernt und seitdem in Studios und Workshops eine gemeinsame inklusive Praxis aufgebaut. Basierend auf dieser Vertrautheit entwickeln sie ihre eigene Bewegungssprache für das Stück. Den Gegensatz von Aktivität und Passivität stellen sie dabei radikal in Frage: „Was bedeutet es aktiv zu sein, wenn der Körper nur sehr eingeschränkt beweglich ist?“ Mobile Bühnenelemente bilden eine abstrakte Landschaft und ermöglichen es Wilke gleichzeitig, sich auch ohne Rollstuhl zu bewegen. Spezielle Lautsprecher übersetzen die akustische Ebene des Stücks in Vibrationen und machen mit dem Herzschlag der Performer*innen auch emotionale Zustände fühlbar – und das Stück dadurch auch für ein gehörloses Publikum zugänglicher. Die Jury ist überzeugt, dass Lucy Wilke mit dieser intimen, inklusiven Bewegungsstudie einen wichtigen künstlerischen Beitrag zur Münchner Tanzszene leisten wird und spricht sich daher für eine Debütförderung in Höhe von 18.000 Euro aus.