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Förderpreis Theater 2020 an Emre Akal


Laudatio von Matthias Günther

Der Moskito!

Laudatio von Matthias Günther zum Förderpreis Theater der Landeshauptstadt München 2020 an Emre Akal.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Kulturreferent Anton Biebl liebe Jury, liebe Theaterleute und vor allem mein lieber Emre, ich freue mich sehr, dass Du den Förderpreis Theater für Deine künstlerische Arbeit verliehen bekommst. Über Dich zu sprechen ist mir eine große Ehre. Seit einigen Monaten sind wir miteinander im Gespräch, wir telefonieren, wir plaudern, wir labern einfach los. Wie fing das an?

 

Ich traf Emre Akal zum ersten Mal an einem Montag. Es war der 30. März 2020. Seit einer Woche spazierte ich durch die bunte Welt von Instagram. Eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Gesichtsbücher, Gezwitscher und all der Kram in den sogenannten Sozialen Netzwerken, Social Media, war nicht meine Welt. Dann kam der erste Lockdown, die Theater schlossen die Türen, die Zuschauer mussten draußen bleiben und wir zu Hause. Als Dramaturg bin ich eine Spielfigur im Theater mit drei unterschiedlichen Schwerpunkten: Produktion, Spielplan und Publikum. Ich blieb per Zoom in täglichen Videoproben und Konferenzen mit dem Ensemble und dem Theater verbunden, plötzlich wurde „zoomen“ zum Synonym für „probieren“ (Theaterproduktion) und „planen“ (Spielplangestaltung). Was aber fehlte, war die Publikumsdramaturgie. Nichts ist für mich vergnüglicher als Einführungen und Nachgespräche mit den Zuschauer*innen vor und nach einer Aufführung. Ich stand plötzlich alleine am Pult im Foyer des Theaters, das ich heimlich besuchte. Niemand da! Was tun? Ich dachte an Kafka, an das Naturtheater von Oklahoma an ein Plakat:

»Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich! Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an seinem Ort!«

Ich dachte ich hänge so ein Plakat auf. Aber wo? Im weltweiten Netz! Da wird sich schon jemand finden, der es liest. Plakate im Netz aufhängen, heißt einen „Post setzen“. Ich eröffnete einen Account auf Instagram. Meine Instybude. Ich hatte mich zugeschaltet. Auf dem Türschild steht „dramaturg­_mg“ und ich stelle nun täglich Bilder oder kleine Filme mit kleinen Texten in das digitale Schaufenster. Nachrichten aus der Welt des Theaters, aus dem Notizbuch eines Dramaturgen. Erste Besucher kommen vorbei: Leute aus meinem Theater, dann Leute von früher, die ich lange nicht gesehen habe, Leute aus der Stadt, die sonst in Einführungen sitzen, Leute, die ich gar nicht kenne. Das ist Instagram, eine Plattform der Teilhabe am Leben und der Sicht auf die Welt. Ich selber flaniere durch unterschiedlichste Buden, besuche Galerien und Theater, Künstler*innen, die ich schätze und manchmal besuche ich einfach Leute, die sehr merkwürdige fotografische oder filmische Momentaufnahmen in ihre Schaufenster stellen. Ich schaue mich um. Auf Social Media macht die Welt weiter. Ich folge, ich mache Zeichen, ich hinterlasse Herzen, so wie auch Leute bei mir Herzen hinterlassen. Eine herzliche Gesellschaft. Eine gefährliche Gesellschaft. Die Währung, mit der hier bezahlt wird, ist „liken“ und „geliked“ werden. Ist das Ziel wie in der Realwelt Abonnentenzahlen generieren? Zuschauerquote? Was für ein Schwachsinn! Schaffe ich das? Will ich das? Wirklich?

Rolf Dieter Brinkmann schreibt: „Ich müßte laut sein wie / eine Alarmsirene, idiotisch und verbindlich / wie ein Prinzip und glänzend wie ein neues, silbriges Postfach.“
Ich filme mich zu Hause vor einem silbernen Blech mit Stern und rezitiere Hugo Balls Karawane: „wulubu ssubudu uluwu ssubudu tumba ba- umf.“

Den Videoclip stelle ich in meine Instagram-Story. Plötzlich bekomme ich eine Nachricht! Eine Botschaft aus der digitalen Welt. Der, der da schreibt hat als Profilbild ein großes rotes Herz mit weißem Strich unter dem linken Bogen, er heißt „rasim_emre_akal“. Er schickt ein herzlich lachendes Emoji mit Freudentränen. Ich weiß nicht ganz genau, was es bedeutet und recherchiere. Wenn jemand ein „Gesicht mit Freudentränen“ sendet, heißt das: „Ich kann mich vor Lachen kaum noch auf dem Stuhl halten! Etwas ist so unfassbar lustig, dass man Tränen lacht. Man bekommt einen Lachanfall und kann sich nicht mehr einkriegen.“

Wer ist dieser rasim_emre_akal?
Wir beginnen uns kurze Grüße zu schicken, Bilder, kleine Rätsel. Am 18. Mai überrascht er mich mit einem kurzen Clip und der Frage: „Was könnte folgendes Video mit Fassbinder zu tun haben?“

Ich sehe ein Haus auf einer Bühne. Die Fassade ist offen. Ein Blick in eine Wohnstube, eine Frau liegt auf einem Sofa, dann eine Drehung auf die andere Hausseite, jemand steht draußen im Garten und schaut durch ein Fenster. Die ganze Welt in 14 Sekunden. Die Drehung im Clip funktioniert wie ein Karussell, meine Gedanken beginnen zu kreisen. Ich denke an „Angst essen Seele auf“ und „Satansbraten“. Das, was ich in diesem kurzen Moment empfinde, ist eine verstörende Schönheit im Augenblick.

Emre schreibt mir, dass er gerade mit seinem Zwilling Kazim zum 75. Geburtstag von Rainer Werner Fassbinder an einem digitalen Kurzdrama arbeitet, das am 31. Mai Online gezeigt wird. Ich schalte mich zu: „12qm Körperformation“ heißt der Film, den Emre und Kazim mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen aus virtueller Knetmasse erschaffen haben. Ich bin völlig fasziniert: Zwei digitale Bildhauer, die Zwillinge Emre und Kazim, legen in der virtuellen Welt den schmerzhaften Kern von Fassbinders Arbeiten frei: „Das Einzige, was ich akzeptiere, ist Verzweiflung.“

Ich schicke Emre Akal meine Telefonnummer. Emre Akal, der Mann mit dem kleinen weißen Streifen im linken Bogen seines roten Herzens. Weiß und Rot. Im Türkischen ist „ak“ weiß und „al“ rot. Akal.

Wir quatschen, wir simsen, wir lachen. Emre erzählt: Aufgewachsen ist er in der Nähe von München auf einem Dorf. Er sprach als Kind zwei Sprachen: Bairisch und Türkisch. Mundart und Muttersprache. In der Schule waren genau diese beiden Sprachen verboten. Mitte der 1980er Jahre sollten die Kinder hochdeutsch sprechen, angeleitet von einer Lehrerin von der Nordhalbkugel. Emre verstand die Welt nicht mehr. Und die Welt, um ihn rum, blieb verschlossen. Auf Kindergeburtstage wurde er nicht eingeladen. Die türkische Herkunft führte zum Ausschluss. „Sie kommen aus einem anderen Land“, hieß es. Die Markierung ist eine tiefe Narbe. Seine Eltern haben die Türkei aus politischen Gründen verlassen. Sein Vater war einmal Schauspieler gewesen und ist es im Herzen immer geblieben, die Mutter vertiefte sich in Bücher und schrieb Texte, die sie nie veröffentlichen konnte. An der Wand hingen Bilder vom Großvater: Haşmet Akal war Maler und verkehrte in den 1940er-Jahren während eines Auslandsaufenthaltes mit Größen der europäischen Moderne wie Fernand Léger und André Lhote. In der Türkei war er Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Yeniler Grubu“, die ins Deutsche übersetzt „Die Gruppe der Neuen“ heißt. Der Urgroßvater, Rasim Haşmet Akal war „der erste sozialistische Dichter der Türkei“.

Emre kommt aus einer künstlerischen Familie, aber das zählte alles nicht auf dem Dorf. Hier gehörte er nicht dazu. Er war der Fehler im System. „Kein logisches Denkvermögen!“ attestierte ihm seine Lehrerin. Als die Familie das Dorf verließ und in die Stadt zog, landete Emre auf einer Hauptschule in München. Hier wurde ihm erklärt, was sein zukünftiger Beruf sein könnte: KFZ-Mechaniker oder Friseur. Das waren Ansagen, wie der zukünftige Emre Akal in der Gesellschaft einmal funktionieren sollte.

Emre sagt: „Du siehst dein Leben lang Bilder an der Wand von deinem Opa, irgendwann liest du Texte von deinem Urgroßvater, du hörst Geschichten vom Theater, die dein Vater erzählt. Gleichzeitig ist deine eigene Lebensrealität, die dir von außen beigebracht wird, wer du bist, wie du sein solltest, komplett anders.“

Emre wollte Fotograf werden, er wollte Sänger werden, er wollte malen. Aber tief verunsichert, traute er sich nicht, seinen Weg zu gehen. Stattdessen beginnt er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Eine Lehre im Supermarkt. Drei Jahre, täglich zehn Stunden an der Kasse. Am Ende der Lehrzeit, an einem besonders schlimmen Tag, an dem er dachte, entweder er bleibt ein Leben lang an dieser Kasse sitzen oder er ändert sein Leben, schrieb er mit rotem Kugelschreiber tief erhitzt auf das Thermopapier einer Kassenrolle hundertmal den Satz: „Ich Emre Akal werde Schauspieler!“ Rot auf weiß stand es auf dem Kassenzettel: „al“ „ak“.

Das Leben nahm eine merkwürdige Wendung, denn am nächsten Tag stand  eine Frau an seiner Kasse und fragte Emre, ob er da gerne sitzen würde. NEIN! Natürlich nicht. Er zog den endlos langen Kassenzettel aus der Kitteltasche – seine erste Rolle! und sagte, dass er Schauspieler werden wolle.
Die Frau, vielleicht eine Botin aus der Zukunft, holte ein Buch aus der Tasche: Bertolt Brechts „Kleines Organon für das Theater“. Brecht! Emre erinnerte sich an die Erzählungen seines Vaters, der ihm immer von diesem Bertolt Brecht erzählt hatte, von seiner eigenen Arbeit als Schauspieler in der Türkei. Für Emres Vater ist das Theater der besondere Ort – der Ort des Protestes, der Ort der Meinungsäußerung, der Ort, der etwas verändern kann auf dieser Welt. Emre las den Satz: „Das Theater müsste andere Abbildungen des menschlichen Zusammenlebens liefern, Abbildungen anderer Art.“ Treffer!
Emre lehnte nach seiner Ausbildung einen Übernahmevertrag an der Supermarktkasse ab, setzte sich mit geschlossenen Augen vor die Karte Europas, um einen neuen Ort zu finden. Er hatte sich Spanien gewünscht, aber sein Finger zeigte auf Nordirland. Er landete in  Belfast. Easy Jet. Er blieb ein halbes Jahr, arbeitete in einem Call Center, dann schrieb er seinem Vater einen Brief: „Man muss die Theaterleute bewundern, die die Gefühle ihrer Zuschauer so viel mächtiger bewegen können, als die Welt selber es vermöchte.“ (Bertolt Brecht)

Emre kehrte nach München zurück, nahm zunächst privaten Schauspielunterricht

bei der Frau, die ihm das Buch geschenkt hatte. Sie war am Gärtnerplatztheater tätig. Er stand vor diesem Staatstheater und wusste, er wollte an diesen Ort, und zwar nicht durch den Haupteingang, vorbei an der Kasse - er hatte lang genug an einer solchen im Supermarkt gesessen - sondern Emre wollte hinten rum, durch den Bühneneingang direkt auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Die Leute sollten irgendwann kommen, um ihn zu sehen: Emre Akal.

Er wollte die erloschene Theaterflamme der Familie wieder entzünden. Es wurde ein langer Weg, raus aus dem Supermarkt, rein in die Welt des Theaters. Ein langer Weg zum Selbstbewusstsein: Spiel, Text, Regie.

Liest man heute Emre Akals Biografie auf den Webseiten der Theaterwelt, dann begegnet uns ein Theatermacher, der sich durch den dunklen Tunnel ans Licht gearbeitet hat:
Seine ersten Regiearbeiten erfolgten in der freien Szene München, für sein Debüt „Die Schafspelzratten“ 2012 führte  er Hunderte von Interviews mit sogenannten „Gastarbeitern“ der ersten, zweiten und dritten Generation in vier Figuren verdichtet, die bis zur Schmerzgrenze ausloteten, was der Kampf um Anerkennung mit einem macht. Im Sommer 2015 ging Emre nach  Istanbul, tauchte in die Theaterszene ein, führte Regie bei seinem Stück „Homeland Istanbul“ über die deutsche Diaspora in der Türkei. Am Maxim Gorki Theater Berlin entwickelte er gemeinsam mit Nurkan Erpulat das Stück „Love it or leave it!“. Sein Stück „Ostwind“ wurde 2015 mit dem Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2017 gewann Emre Akal zusammen mit Rieke Süßkow den 10. Jurypreis beim Nachwuchswettbewerb des Theater Drachengasse in Wien, woraus in Co-Regie sein Text „Heimat in Dosen“ uraufgeführt wurde. Nach seinen Stücken „Mutterland …. stille“ (2017) und „Frau F. hat immer noch Angst“ (2019) hat er im HochX in München sein futuristisches Stück „Nur ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden!“ uraufgeführt. Ebenfalls in 2019 nahm Emre Akal als Stipendiat am Internationalen Forum des Theatertreffens Berlin teil.

Emre sagt: „Es war ein langer beschwerlicher Weg, ein dunkler Tunnel. Er hatte zunächst  Angst, da durch zu gehen, aber wenn man unterwegs ist, wird es plötzlich heller.“

Ich frage ihn: Sag mal Emre, dein Bruder, der Zwilling, Kazim, was macht der eigentlich? Der Zwilling Kazim arbeitet mit dem Cousin Mehmet als Künstlerduo. Gemeinsam hatten sie sich an der Akademie der Bildenden Künste in München beworben. Ihr zukünftiger Professor Markus Oehlen sagte bei der Aufnahme an der Kunsthochschule: „Eure Arbeiten sind scheiße, aber ihr seid zwei coole Jungs.“

Heute befindet sich das Künstlerduo Mehmet & Kazim auf dem „Happy Trail“, der Straße zum Glück.
Die Autorin der Süddeutschen Zeitung Evelyn Vogel schreibt Anfang Januar 2020 unter der Überschrift „Potz Blitz“ über die „Durchstarter des Jahres“ Mehmet & Kazim: „Anfang 2019 haben die beiden ihr Diplom gemacht, haben kurz darauf bei der Debütantenausstellung im Haus der Kunst für Aufsehen gesorgt und wurden mit dem Preis des Akademievereins ausgezeichnet. Neben Präsentationen im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Syke und Marburg arbeiteten sie in den folgenden Monaten mit den Münchner Modemachern Talbot-Runhof zusammen, veröffentlichten ihre Publikation „Oriental Diary“, schufen für „Denkraum Deutschland“ in der Pinakothek der Moderne eine Wandarbeit, produzierten für „Zimmer frei“ im Hotel Mariandl ein kleines filmisches Meisterwerk.“ Anfang des Jahres 2020 ist „Mehmet & Kazim. Kissing Cousins“ erschienen, ein aufwendig gestaltetes Künstlerbuch. Im Dezember 2020 arbeiteten sie an ihrer ersten institutionellen Einzelaustellung unter dem Titel „Le Peep-Show“, im Kunstverein Friedrichshafen.
Die beiden Kunstcousins experimentieren mit Sujets und Referenzen und erweitern die Palette ihrer künstlerischen Mittel.

Emre sagt: Mehmet und Kazim und er sind jetzt alle drei als Künstler unterwegs.
Sie sind die Thronfolger des familiären Kunst-Adels. So nennen sie es, humorvoll: KUNST-ADEL, Thronfolger ohne Land aus dem Haus Akal.
Und dann redet Emre über die heutige Theater- und Kunstwelt, die ihn an eine Feudalgesellschaft erinnert, die in einem mittelalterlichen Schloss sitzt und feiert.
Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Draußen vor dem Tor hocken Leute, die nicht rein dürfen. Sie müssen draußen warten bis zu dem Tag X. Aber das Schloss gehört nicht denen, die es besetzen.

Emre sagt, eine Möglichkeit ist es, einen Gegenentwurf zu starten. Ein eigenes Schloss zu bauen. Das hat Emre in Zusammenarbeit mit Antigone Akgün und mit 85 weiteren Künstler*innen aus ganz Deutschland als soziale Skulptur im November 2019 realisiert: das Projekt „Ayşe X Staatstheater“ ist Gegenentwurf zur institutionalisierten Theaterlandschaft und eine Möglichkeit, wie eine Zukunft der Stadt- und Staatstheater aussehen könnte.

Kultur wird immer diverser und das bedeutet einen Ort für die Erforschung von unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen zu schaffen, in dem sich Künstler*innen begegnen und verbinden können und Privilegien umverteilt werden.

Sie nennen es einen „einen heterotopischen Diskursraum, in dem die Bedingungen der Möglichkeit eines nichthierarchischen, nichtrassistischen, sexistischen und klassistischen Theaters ausgelotet werden, das allen Communitys der Stadtgesellschaft offen steht. Benannt ist dieses Theater nach Ayşe Çetin, die als Zwölfjährige nach Deutschland kam und in Filmen wie Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ mitspielte. Weil sie nicht weiter Rollenklischees bedienen wollte, sprang sie vom Film-Karussell ab und setzte sich für LGBTQ+-Rechte und eine plurale Gesellschaft ein“, schreibt Theaterkritikerin Sabine Leucht am 27.11.2019 in der taz.

Das temporäre Projekt, das sich als radikal basisdemokratisches Theater für vier Tage in der Münchner Spielstätte HochX materialisiert hat, wird von der „Theater heute“-Prominenz besucht, überregionale Theatermacher*innen wie Julia Wissert, jetzige Intendantin des Schauspiel Dortmund oder Necati Öziri, Autor und Leiter des internationalen Forums der Berliner Festspiele oder die Autorin und Theaterregisseurin Sivan Ben Yishai sind anwesend. Anders aber als die neue Führungsriege der Überregionalen, soll das „Theater der Zukunft“, mit einer unhierarchischen Struktur funktionieren. Ein Theater der neuen Möglichkeitsformen mit der Umdeutung und Neuinterpretation des Labels „Staatstheater“ durch radikale Demokratisierung und koordiniert von einem Team.

Emre spricht bewusst nicht von einer Utopie, sondern von Heterotopie, weil es ein Alternativraum in der Gegenwart sein soll, „in dem nicht schlaue Menschen sagen, was man, wie machen sollte, sondern wo man sich befreien kann“. Orte, die nach eigenen Regeln funktionieren, die in besonderer Weise die gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren, indem sie sie negieren oder umkehren. Wie kann man Beigebrachtes über Kunst, Regie, Autorenschaft aufbrechen? Emre spricht von der Ermächtigung eines Ortes, einer Parallelrealität, die soll nicht nur in München entstehen. In immer wieder neue Orte soll sich Ayşe X einquartieren, um zusammen mit der lokalen Bevölkerung das Theater neu zu gestalten. Das gilt es nun zu erforschen. Work-in-Progress, nichts ist abgeschlossen. Eine neue Wildnis!

Das Wort „Wild-nis“ mag Emre sehr, besonders die alten Formen aus dem Mittelhochdeutschen: „wiltnisse“, „wiltnis“, „wiltnüsse“ als Beschreibung für Orte, bei denen die menschliche Kultur noch keinen Fuß gefasst hat. Orte, an denen wilde Tiere leben. Orte, die noch der Natur gehören. Orte des Ursprungs. Ein weißes Blatt, auf dem man etwas kreieren kann.

„Neue Deutsche Wildnis“, sagt Emre, als ich ihn am 23. September in Düsseldorf zum ersten Mal live treffe. Es ist so eine neue Zukunftsidee. Ein Entwurf. Emre skizziert Räume, spricht von Komplizenschaft und Vernetzungen. Während des Lockdowns hat er ein neues Stück geschrieben „Hotel Pink Lulu – Die Ersatzwelt“, das in Düsseldorf in einer Lesung präsentiert wird.
Die Textarbeit, die eigentlich eine Überbrückungsmaßnahme für den Regisseur war, öffnet eine neue Welt: Die Buchstaben erheben sich von dem Papier und fliegen los durch die deutsche Theaterlandschaft. Emre sagt, er sei ein Moskito. Lange schwirrte er herum und plötzlich passiert dieser Systemfehler: Corona. Für einen Moment öffnen sich die geschlossenen Türen der Theaterschlösser, um kurz durchzulüften und Emre schlüpft als Mosikto hinein.

„Hotel Pink Lulu – Die Ersatzwelt“ ist ein Knaller, ein Verlag meldet sich, Emre wird als neuer Autor präsentiert, er gewinnt den exil-DramatikerInnenpreises 2020 der WIENER WORTSTAETTEN! In der Jurybegründung heißt es:
„Hotel Pink Lulu ist ein witziger, sehr aktueller Text über Eskapismus, über Konsum als Trost gegen jegliche Form von Traurigkeit und darüber, wie großartig und doch überfordernd die digitale Durchdringung all unserer Lebensbereiche geraten kann – eine Überforderung, die der überbordende Text als Herausforderung an das Theater weitergibt.“

Theater rufen an. Es gibt über die Lektüre des Theatertextes auch Interesse an Emre Akal als Regisseur. Emre hört immer wieder, er sei schwer einzuordnen. Wenn Emre erzählt, dann zeigt sich schnell, dass seine Art und Weise zu denken, nicht mit den Standarteinstellungen der bisherigen Dramaturgie-Software kompatibel ist.

Emre ist ein bildstarker Regisseur. Seine Inszenierungen sind oft hermetisch, es sind eben keine Lecture Performances, sondern vielleicht eher Installationen, die nicht einfach zu lesen sind. Über „Frau F. hat immer noch Angst“ schreibt Theaterkritikerin Carolina Felberbaum: „Emre Akal malt beklemmende Stimmungsbilder mit einer spannenden Ästhetik. Kein Sprechtheater, auch kein Tanztheater. Definitiv hat es Choreographie-Elemente. Absolut sehenswert und trotz fehlender Narrative sehr wirkungsvoll.“ (KiM - Kutur in München, Webzine 17.1.2019)

Emre verbindet seine Bildwelten mit digitalen Images, oft in slow motion, um Räume zu erschaffen, die im Kern gesellschaftliche Vorgänge sichtbar machen. Emre interessieren auf der einen Seite alltägliche Bilder, die wir sehen, die er durch die Reduktion vergrößert, gleichzeitig interessiert er sich für Konstruktionen aus der Virtual Reality. Vielleicht liegt hier ein Schlüssel für eine Schule des Sehens das Werk Emres betreffend: Seine Theaterbilder haben ihre Herkunft aus ganz unterschiedlichen Welten mit verschiedenen Levels.
„Einfache Seelen in krassen Räumen, die mit unterschiedlichen Signalen und Sounds konfrontiert werden“, wie er sagt. Daraus entstehen ritualisierte Vorgänge in einer verknöcherten Gesellschaft. Erkundungen in „menschlichen Grotten“ sind das, wo das Politische „im Allerkleinsten hockt: im Menschen selbst.“

Emre hat ein eigenes Vokabular entwickelt, er hat eine Sprache, die nicht durch die Akademien bestimmt ist. Emre recherchiert, sucht Vorbilder in unterschiedlichsten Künsten. Wenn er arbeitet, lässt er oft Dokus oder Interviews laufen. Der Raum ist angefüllt mit anderen Stimmen. Emre kommuniziert mit dem, der da redet. Er kann sagen, heute habe ich mit David Lynch geplaudert oder A.R. Penck war da und hat über archetypischen Situationen gesprochen. Und die Erfahrung des Hörens fließt mit in die Arbeit ein. Auch Musik hat für Emre im Schreibprozess oder in der Vorbereitung für eine Regiearbeit eine entscheidende Funktion. Jeder Strang hat eine eigene Melodie, die die Stimmung beeinflusst und einen stream of consciousness, einen Bewusstseinsstrom an Assoziationen in Gang setzt, die er notiert. Es sind Bildbeschreibungen, die er mit Soundinformationen, Textbausteinen, Skizzen verknüpft. So entsteht eine Partitur. Ein Wandbild. Vielleicht werden Reisende aus der Zukunft einst aus diesem Wandbild Informationen über unsere Gegenwart erhalten.

Emre ist ein Theaterträumer. Sein Theater ist ein Theater der Vielen, das zeigt der Entwurf für das Theater der Zukunft: „Ayşe X Staatstheater“, das im Kollektiven den Einzelnen stärkt. Man könnte es mannschaftsdienlichen Individualismus nennen.

Emres Theater ist ein Theater mit zutiefst verstörenden Bildern und zutiefst menschlich. Vielleicht gelingt das sogar am Eindrücklichsten an jenem Abend am 21. November 2019 in der Eröffnungsinszenierung des Ayşe X Staatstheaters:
Emres Vater Erkin Akal, der in Emres Aufführungen immer wieder mitspielt, steht vor dem Publikum. Ganz nah dran! Er fängt an zu sprechen: „Der Papa spielt auch wieder mit. Aber das ist dieses Mal etwas anderes. Die letzten Stücke habe ich nicht gesprochen, nur gespielt. Dieses Mal habe ich gesagt, mein Sohn, ich bin 73 Jahre alt und ich möchte richtig reden. Ich brauche diese Rede. Ich habe 50 Jahre gewartet, um zu euch mit euch zu reden.“
Und dann spricht Erkin Akal über das Leben und die Liebe und die Freiheit. Über die Freunde, die für die Freiheit in der Türkei gestorben sind. Erschossen und aufgehängt.

„Was habe ich alles erlebt?“, sagt Erkin Akal, der Sohn von Haşmet Akal, der Enkel von  Rasim Haşmet Akal, der Vater von Emre und Kazim, der Onkel von Mehmet,  „Es war eine schwere Zeit gewesen“, sagt Erkin Akal. Dann schlägt er sich auf die Brust und sagt: „Hier habe ich ein brennendes Feuer. Genau hier!“
Und dieses brennende Feuer ist ein großes rotes Herz mit weißem Strich unter dem linken Bogen: AKAL.

Lieber Emre, liebe Jury, in der Begründung für den Förderpreis ist ein kleiner Verzweiflungsseufzer zu lesen: „Wir benennen jetzt den einen, wir meinen aber auch eine neue Idee von Kollektiv, wir meinen auch etwas, was sich anders in der Zukunft verwirklichen sollte.“

Manchmal haben Kollektive für den Moment auch ein Kollektivsingular:
Emre Akal, Du „Moskito, der Theaterlandschaft“, so nennst Du Dich, ich bin froh und dankbar, dass es Dich gibt und Du mich gestochen hast. Du bist für mich die große künstlerische Begegnung im Jahr 2020. Du angenehmer, bemerkenswerter Mensch. Herzlichen Glückwunsch zum Förderpreises Theater der Landeshauptstadt München 2020.

In tiefer Verbundenheit und Freundschaft

Dein Genosse dramaturg_mg

9.12.2020.