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Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik 2018


Jurybegründungen

Caren Jeß: Bookpink – Dramatisches Kompendium

Caren Jeß’ „dramatischem Kompendium“ Bookpink geht ein umfangreiches Rollenregister voraus. Das lang gefasste Vorspiel des kurz gefassten Lehrbuchs einpuppt sich als reizend spinöser Teaser, in dem sich das Personal einer Fabelwelt aufbaut. Menschen kommen darin (außer möglicherweise im erzählerischen Kursiven) nicht vor, dafür jede Menge schräger Vögel. Fauna und Flora.

Das Päckchen wird geschnürt mit knappen dramaturgischen Anmerkungen, die ein Regelwerk ablehnen und den Text freimütig übergeben mit einem dringenden Wunsch: „Ihr Theaterfiguren, kommt zurück in Scharen!“, und am Ende ihres Vorwortes schreibt sie: „Verwandlung ist ein gleichermaßen natürlicher wie künstlicher Vorgang.“ - und trifft damit ins Schwarze des Theaters.

Und dann spannt Caren Jeß einen bunten Bilderbogen über die Welt, die wir uns und in der wir uns eingerichtet haben. Sie tut das in Hybriden aus Natur und Menschgemachtem, Menschgedachtem. Das zwitschert, gackert, quakt und ranzt grell, rätselhaft, dreist und anrührend und deckt spielerisch so ziemlich alles ab, was uns ausmacht. Caren Jeß schreibt mit unkonventioneller Geistesfrische. Lebensbejahend, geradeaus und phantasievoll ist ihre Sprache, so dass man sich zeitweise in einem Kindergarten wähnt - allerdings, in einem Uni-Kindergarten: Bookpink zu lesen, macht Spaß, geht zu Herzen und steigt zu Kopf.

Voller Humor ist das Stück , voll von subtilem Wortwitz und draller Situationskomik, von erzählenden Texten scharf gezeichnet und von Figuren und Dialogen prall koloriert. Das kommt vordergründig so leichtfüßig daher und in den Figuren der Tiere so unverfänglich simpel, dass eine weitere Lust darin besteht, entschlüsseln zu wollen, welches der großen Themen Jeß jetzt eigentlich gerade am Wickel hat. Denn in den sieben unzusammenhängenden Szenen geht es um nicht weniger als Herkunft und Privilegien, die Wesensarten der Religiosität, Opfer, die zu Tätern werden, Gender, zersetzende Ideologien, die Launenhaftigkeit staatstragender Gewalten und die kandierte Käseglocke des Friedens über unserer banalen Welt.

 

Danijel Szeredy: Lerchelein – zehn Bilder nach Deszŏ Kosztolányi

Wenn man so jung ist wie Danijel Szeredy und auch so begabt, tut man gut daran, sich erst einmal mit Vorbildern zu beschäftigen. Deszŏ Kosztolányi ist so einer, der Georg Büchners Woyzeck in den 20er Jahren übersetzte und ihm damit zum ersten Mal auf eine ungarische Bühne verhalf. Danijel Szeredy steht ganz in der Tradition dieser großen Literaten seines Heimatlandes, einer Nation, dessen Sprache und dessen Gebiet seit Jahrhunderten bedroht ist von Interventionen aus allen Richtungen. In dem Text von Danijel Szeredy geht es, wie in einem Roman seines Vorbildes Kosztolányi, um Lerchelein. Lerchelein ist eine unverheiratete 35-jährige Tochter. Sie ist in Urlaub gefahren und hat ihre Eltern allein gelassen. Wie in dem berühmten Gleichnis Kleists über den einzigen Stein, der den Torbogen an seiner Spitze zusammenhält, ist es jetzt Lercheleins Urlaub, der die Familie auseinandertreibt. In minutiöser, feiner, niemals modernisierender Sprache beschreibt der junge Autor die Welt der Alten, ihren zarten Aufbruch in ein Restaurant, das Wiedereintauchen in das kleinstädtische kulturelle Leben, einen Theaterbesuch, das Wiederaufkeimen alter Freundschaften. Man könnte von Herbst-Erwachen sprechen: Zeit zum Innehalten, zum Forschen, Erforschen des Ichs und des Dus und des Wirs. Handelnd im Sommer 2015, als Ungarn wieder einmal überrannt wurde von hunderttausenden Menschen, diesmal mit dunkler Hautfarbe und europäischer Kleidung.

Es ist die Leistung Szeredys, die Genauigkeit der Atmosphäre des Aufbruchs der älteren Menschen mit denen, die aus Kleinasien kommen, verbunden zu haben. Dabei wird Illusion gegen Wahrheit getauscht und Sicherheit gegen den Schrecken über das eigene Leben. Wenn wir etwas hoffen dürfen über den Zustand der Alten am Ende, dann wäre es Heiner Müllers Sentenz: Leben ohne Hoffnung und Verzweiflung. Am Schluss kehrt Lerchelein wohl nicht wieder, die geliebte hässliche Tochter ist verschwunden, vielleicht mitgerissen nach Deutschland wie so viele andere Reisende. Es bleiben Menschen, die nicht mehr jung sind, die nicht mehr weiterleben können wie zuvor, aber weiterleben müssen.

 

Anna Gschnitzer: Fallen

Ein mögliche Liebesgeschichte in Zeiten des Start-Up-Kapitalismus: Zwei junge Menschen begegnen sich in der Tate Modern in London. Sie werden ein Paar, ziehen zusammen und scheitern an neurotischen Selbstbehauptungskämpfen, die der Kapitalismus uns Menschen der heutigen Gegenwart abverlangt. Versuchen wir uns kurz an dieser inhaltlichen Spur festzuhalten, bevor uns die Autorin Anna Gschnitzer souverän dazu verführt, mit ihr rückwärts in einen diskontinuierlichen, nicht-linearen Zeitraum fallen.

“In die Zukunft also / Die / Dazu führte / dass wiederum / Beide / Das Paar/ das mögliche / Aus unterschiedlichen Gründen / Sehr fest an ihre jeweils / Vielversprechende Zukunft / Sprich / Start Up-Idee / Glauben / Ja sie glauben / Dass da / Irgendwo ein Anfang / Ein Anfang / Irgendwo muss doch da ein Anfang / auf sie warten”

Humorvoll und sprachlich versiert konstruiert Gschnitzer einen Text, aus dem sich Figuren im Akt des Sprechens entwickeln, die ambitioniert versuchen, die Narration ihrer Liebesgeschichte zu finden. Die Erzählung des Liebespaares ist eine verzweifelte Suche der Verortung voller Sprünge, Risse, Brüche, Abweichungen und Widersprüche. Der Leser wird in den Sog eines nahezu utopischen Zustands einer Jetzt-Zeit gezogen, die mit einer besonderen Chance aufgeladen ist: Für kurze Momente erscheint alles verheißungsvoll und möglich, bevor wieder alle Sicherheiten genommen werden.

Anna Gschnitzer konstruiert humorvoll und pointiert die scheiternde Erzählung einer Beziehungsgeschichte in einer globalen Gesellschaft, die sich mit ihrem neurotischen Bemühungen und das Ringen um Identität selbst ortlos und unmöglich macht. Im Zustand des Fallens lässt sie uns die Ohnmacht einer Generation spüren, die getrieben ist von der ständigen Performance und Verbesserung des eigenen privaten Selbst, das sich kaum mehr vom Arbeitsselbst im vermeintlich verheißungsvollen Start-Up-Kapitalismus trennen lässt.